Ioana Cristina Casapu (b. Rumänien) ist eine Berliner Autorin, deren Werke in über 30 Anthologien und Zeitschriften auf Englisch und Rumänisch erschienen sind. 2016 debütierte sie mit dem Roman Deviații de Stereo (Casa de Pariuri Literare, Bukarest), der 2019 unter dem Titel Heart Beats: A Memoir of The Millennial Generation on Social Media (dt. Titel: Herzklopfen: Eine Millennial-Generation über soziale Medien) veröffentlicht wurde. Ihre Werke beschäftigen sich mit Migration, Feminismus, gesellschaftlichen Umbrüchen, der Einsamkeit in europäischen Metropolen und globaler Kultur und erschienen unter anderem in DAZED, Thought Catalog, Goethe-Institut, Berlin Art Parasites, DILEMA, Stadtsprachen Magazin.
Sie hat internationale Kunstprojekte und multidisziplinäre Ausstellungen kuratiert; ihre Arbeiten waren in über einem Dutzend Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa zu sehen.
Ihr künstlerisches Schaffen basiert auf dem Glauben, die Stimmen von FLINTA* sowie exilierten und kriegsbetroffenen Gemeinschaften sichtbar zu machen und demokratische Gesellschaften zu stärken. Sie hat intensiv zu diesen Themen für das Goethe-Institut, das Innovation in Politics Institute sowie als Sozialarbeiter*in bei einer NGO gearbeitet, die eine Krisenhotline für Jugendliche und von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen anbietet. Sie wird vertreten von der Hilgemann.Art Gallery.
Im Jahr 2024 gründete sie FLINTA* Literatur, Berlins Plattform für FLINTA-Autor*innen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Ihr Ziel ist es, diese Plattform zu einer vollständig geförderten, gemeinschaftlich geführten öffentlichen Ressource auszubauen und sozial bewusste, barrierefreie und sichere Räume für Schrifsteller*innen, Kulturschaffende, Übersetzer*innen und Sprachaktivist*innen zu schaffen.
Ihr neuestes Buch, Berliner Tagebuch. Die Geschichte meiner inneren Mauer (Aus dem Rumänischen übersetzt von Gundel Große) erscheint am 26. September 2025 bei KLAK Verlag.
Bücher und Beiträge zu Anthologien (Auswahl)
2025 – Berliner Tagebuch: Die Geschichte meiner inneren Mauer (Fiktion, Essays), KLAK Verlag, Berlin, deutsche Übersetzung von Gundel Große.
2022 – NOI 2 | WIR 2 – Deutsch-rumänische Duos im Porträt, (Sachbuch, Anthologie), Goethe-Institut Bukarest, Texte von Ioana Casapu, Venera Dimulescu, Manuela Klenke, Diana Meseșan und Anne Reinert.
2021 – Innovation in Politics - 50 Creative and Courageous Political Projects, (Anthologie), Wien
2019 – Heart Beats - A Memoir of The Millennial Generation on Social Media (Roman, ins Englische übersetzt und adaptiert von Ioana Casapu nach Deviații de stereo, Casa de Pariuri Literare, Bukarest
2016 – Deviații de stereo (Roman), Casa de Pariuri Literare, Bukarest
Andere veröffentlichte Texte (Auswahl)
2025 –
„When the World Crisis Meets the Personal Crisis“ (Lyrik), Girls and Queers To The Front #12: FIRE, Warschau
„Ghostwriter“ (Fiktion, Essay), Stadtsprachen Magazin, April-Ausgabe
„There Will Be Beauty in Everything“ (Fiktion, Essay), Stadtsprachen Magazin, Juni-Ausgabe, Berlin
2024 – “A dead sister at the Red Sea” (Ro: O soră moartă la Marea Roșie), “Corseted by Heritage” (Ro: Încorsetată de patrimoniu), “On remembrance and forgetting” (Ro: Mulțumesc pentru recunoștință, mulțumesc pentru uitare“, (essays), DILEMA, Bukarest
2020–2023 – Autorin der Kolumne Jurnal de Berlin, Essays, Goethe-Institut Bukarest
2020 – Autorin , “A/Part of Me”, ein Schreib- und Bildhauerprojekt, das die Isolation während der Corona-Pandemie dokumentiert
Lesungen, Ausstellungen und kuratorische Tätigkeiten (Auswahl)
Seit 2024 – Gründerin und Kuratorin, Girl, Show Me That Body (of Work), FLINTA* Literatur Berlin
2024 – Gruppenaustellung, Sequences Photography Festival, Ploiesti, Romania; POSITIONS Berlin, Hilgemann.Art
2024 – Lesung, Ghostwriter, Essay, Poetic Hafla, Lettrétage, Berlin; Lesung, When in doubt, look for a butterfly, Essay, Convergence I, Lettrétage, Berlin
2022 – „NOI 2 | WIR 2 – deutsch-rumänische Duos im Porträt“, RKI Berlin Titu Maiorescu; “Wild at Art”, Gruppenaustellung, “I Have Lost All My Battery in You”, Hilgemann.Art, Berlin; “Art in Context 4” Gruppenaustellung, Diploma - Combinatul Fondului Plastic, Bukarest
2020 – “Heart Spaces", Soloaustellung, Monopol, Berlin Art Week
2015-2016 - EMOTION IN MOTION, A Polaroid Love Story, Kuratorin einer Ausstellungsserie in Barcelona, Bukarest und Brüssel mit 27 Künstler*innen und über 1000 Gästen
Was hat Sie nach Berlin verschlagen? Die Liebe? Der Zufall? Die Weltpolitik?
Ein Gedicht, das ich geschrieben habe, brachte mich im September 2015 nach Berlin. Es war vielleicht einer der glücklichsten Zufälle des Schicksals, der meine Reise und mein Bleiben in dieser Stadt „besiegelte“. Ich hatte im Laufe des Jahres 2015 mehrere Gedichte an das damalige Magazin Berlin Art Parasites geschickt, und im Sommer bot man mir schließlich eine Stelle als Managing Editor sowie die Möglichkeit zur Übersiedlung nach Berlin an. Berlin war nie ein Ziel, das ich mir vorgenommen habe oder zu dem ich mich besonders hingezogen gefühlt hätte. So gehöre ich zu den wenigen Menschen, die in eine Stadt kommen, ohne jemals Tourist dort gewesen zu sein.
Ich erinnere mich genau an die Ankunft: Es war ein warmer Septembertag, die Sonne tauchte alles in ein unglaublich leuchtendes Sepiagold. In meinen Kopfhörern lief Mazzy Star, während ich am Flughafen Tegel landete. Ich dachte an die Vergangenheit und die Zukunft und an die vielen Erinnerungen, die noch vor mir lagen. Von Anfang an wollte ich nicht mehr fort – auch wenn ich nun seit zehn Jahren hier lebe und so viele Menschen kommen und gehen gesehen habe. Berlin ist für viele brutal, und doch empfinde ich es als zutiefst romantisch, besonders im Herbst. Ich liebe es immer noch, für alles, was es mir geschenkt hat – und trotz allem, was es mir genommen hat. Es ist nun mein Zuhause, der Ort, an dem ich endlich „ein eigenes Zimmer“ gefunden habe, von dem aus ich auf eine Stadt und Gesellschaft blicke, die sich ständig wandelt – und an dem ich trotz Rückschlägen immer die kreative Freiheit und die Versöhnung mit mir selbst fand.
An Berlin liebe ich:
Ein Lied sagt: Die meisten großen Städte seien auf der Grundlage einer Liebesaffäre erbaut – sei es mit einer Person, einer Gemeinschaft oder mit der Stadt selbst. Liebe, die Grenzen überwindet, jenseits von Politik und Medien, und Zugehörigkeit – und Freiheit – findet. Auf Berlin trifft dies als Gründungsmythos nicht zu, und doch empfinde ich diesen Satz als wahr für mein sich ständig veränderndes Verhältnis zur Stadt.
In Berlin hingegen musst du alles allein machen. Mit der Zeit wird es zur Routine, aber die Routine stellt sich in deinem Leben nur ein durch den permanenten Tanz, eine andere Wohnung, eine andere Matratze, ein anderes Paar Jeans zu finden. Du verlierst in mehrfacher Hinsicht viel Gewicht dabei. Manche Bekannte, die nie hierhergekommen sind oder die in Rumänien wohnen blieben, bringen eine gewisse Gehässigkeit zum Ausdruck, wenn sie sagen: Du scheinst dich gerne zu quälen. Dieser Ort macht es dir schwer. Warum bleibst du dort? Vielleicht haben sie in gewisser Weise Recht. Auf Komfort zu verzichten, ist immer schwierig, aber es gibt eine Art von Schwierigkeit, die in sich eigentlich komfortabel ist. Du schleppst sieben Kartons und drei Koffer mit den eigenen Händen die Treppen hinauf – nach unten, nach oben und das mehrfach –, du packst jeden für einige Monate oder Jahre. Und in jedem temporären Palast gelingt es mehr Dingen, sich Platz zu verschaffen, von denen ein großer Teil wieder weggebracht, verkauft oder angeboten werden muss – ehrlich gesagt, gehen viele Dinge auch verloren, verschwinden, lösen sich auf. 17 Socken, die nicht zusammengehören, das Kaffeepäckchen, das am Tag vor dem Umzug gekauft wurde, ein Schal, eine Pinzette, ein nachgefertigter Schlüssel für den Briefkasten – alle Dinge sind mit einem einzigen Umzug verschwunden. Es lohnt die Mühe nicht…
Meine Beziehung zu Berlin – und mein Schreiben darüber – haben sich intensiv mit Erinnerung, ihrem Verlust und ihrer Wiedergewinnung auseinandergesetzt. „In jedem von uns existiert eine Berliner Mauer“, schrieb ich in meinem Roman „Berliner Tagebuch“ (KLAK Verlag, 2025, aus dem Rumänischen übersetzt von Gundel Große). Die Geschichte meiner inneren Mauer – und stellte die Frage, wie wir uns vereinen, unsere Teile zusammensetzen und die fehlenden Menschen in uns heimholen können. Ins Ausland zu gehen ist eine Frage der Wahl, aber auch des Schicksals – und wie wir unser Schicksal positiv beeinflussen können. Hier habe ich gelernt, wer ich bin und wer ich nicht bin, und diese Mauer niedergerissen – so möchte ich glauben.
In Berlin vermisse ich:
Meine Eltern und ihren Garten.
Ein Lieblingsort in Berlin:
Viele der Orte, die ich liebte und in denen ich schrieb, gibt es nicht mehr – sie sind der heutigen Wirtschaft zum Opfer gefallen: Café Bar Marietta, zum starken August, Café Neues Ufer (wo ich besonders gerne schrieb, in dem Wissen, dass David Bowie dort einst Zeit verbrachte), oder Clärchens Ballhaus in seinen alten Tagen.
Heute gehören zu meinen Favoriten das Literaturhaus Lettrétage, das Weinerei Forum und der Teich am Weinbergpark, in dem ein mir sehr lieber Reiher lebt.
Sind Sie in Berlin ein anderer Mensch, eine andere Autorin, ein anderer Autor als im Land Ihrer Herkunft? Inwiefern?
Interessanterweise ruft das Denken und Schreiben in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Teile der Persönlichkeit hervor. Berlin ist eine sehr saturnische Stadt – sie kann hart sein – und manchmal musste ich Seiten an mir entwickeln, von denen ich vorher nichts wusste. Ich vermisse Rumänien an sich nicht, aber doch Aspekte des Lebens, die ich mir dort bis 2015 aufgebaut hatte.
Die Schwierigkeiten, die ich hier durchlief, haben meinen Reifungsprozess beschleunigt. Das fällt mir zunehmend auch bei den Freund*innen in Berlin auf, mit denen ich diese Lebensphase teile.
In Berlin kann ich nicht mehr so oft Kind sein. Das Leben als Migrantin hat eine Härte, die einen zerdrücken kann, wenn man sie nicht annimmt. Man muss für alles kämpfen, egal wie klein – und das macht stark und demütig, aber nicht unbedingt zahm. In den Orten jedoch, in denen ich aufgewachsen bin, darf ich noch Kind, Teenager, Tochter sein – und vor allem: sanft.
Ein literarisches Werk, das ich gern geschrieben hätten:
Dasjenige, an dem ich gerade schreibe – ein Roman.
2025 – Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Projektförderung Literatur, Förderung für Girl, Show Me That Body (of Work), Berlin
2023 – The New York Times Jury Prize, Unfinished Festival, für den Essay When in Doubt, Look for a Butterfly, Bukarest
2020 – Arbeitsstipendium „Artists Rooms“, für das Projekt A/PART of Me, Fundația 9 und BRD Groupe Societe Generale, Bukarest
2011 – 3. Platz Ion Țiriac Nationaler Wettbewerb für literarische Debüts, ausgezeichnet für den Roman Deviații de Stereo, Bukarest