Peter Biro, geboren 1956 in Großwardein (Rumänien), emigrierte 1970 nach Deutschland und absolvierte Schule und Studium in Frankfurt am Main. Von 1987 bis 2021 war er hauptberuflich als Anästhesist und Titularprofessor für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich tätig. Anfang 2022 trat er in den Ruhestand, den er seither dem Schreiben kulturhistorischer Essays und humoristischer Kurzprosa für Online- und Printmedien widmet – auf Deutsch, Englisch, Rumänisch und Ungarisch.
Aus seiner Feder sind bislang mehrere Bücher erschienen, darunter die autobiographische Erzählung Vom Taumeln zwischen den Kulturen (Weber Verlag, Thun 2021), die Kurzgeschichtensammlung Auf zum fröhlichen Weltuntergang – Achtundzwanzig hanebüchene Humoresken von der Apokalypse und andere erbauliche Texte (Blitz‑Verlag, Windeck 2022) sowie Alles außer Rand und Band (Kameru‑Verlag, Zürich 2024). Dieses Jahr (2026) erschien seine Literaturparodie Tarator – 159 Variationen einer kalten Gurkensuppe (Kameru, Zürich). Sein erster Roman Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen ist zur Veröffentlichung im Mai 2026 bei ars remata (Baden) vorgesehen.
Für zwei seiner Kurzgeschichten wurde er ausgezeichnet: mit dem Anerkennungspreis der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung (Schreibwettbewerb für Seniorinnen und Senioren) für den Text Hurra, ich werde älter sowie mit dem ersten Preis der @Schreibkommune für Lösung der Schreibblockade mit Qwertz.
Neuerdings wendet sich Peter Biro verstärkt der Dramatik zu. Zu seinen bislang fertiggestellten, noch unveröffentlichten Lustspielen zählen Overboard – Eine himmlische Tragikomödie und Stillleben mit Huhn.
https://www.dmz-news.online/2026/05/21/eine-poetik-der-gepolsterten-existenzrezension-zu-die-faszination-gepolsterter-rueckenlehnen/
Was geschieht, wenn der Mensch aufhört, sich auf Möbel zu setzen – und stattdessen selbst eines wird? Mit dieser ebenso grotesken wie philosophisch produktiven Ausgangsfrage eröffnet Peter Biro seinen Roman, der dem zeitgenössischen magischen Realismus ebenso nahesteht wie einer spielerisch-essayistischen Form des Erzählens. Der Text entwickelt sich rasch zu weit mehr als einer literarischen Kuriosität: Er entfaltet einen vielschichtigen, formal verspielten und zugleich historisch sensiblen Kosmos über Erinnerung, Identität, Widerstand und die leisen, oft übersehenen Formen menschlicher Beharrlichkeit. Ein Hybrid als Denkfigur – Jean Jacques Récamier
Im Zentrum steht Jean Jacques Récamier, eine ebenso ungewöhnliche wie konsequent gedachte Figur: halb Mensch, halb Möbel, Sohn einer Varieté-Tänzerin und eines Ledersofas. Diese Setzung ist weniger Provokation als erkenntnistheoretisches Modell. Récamier bewegt sich im Grenzraum zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Handlung und Erduldung, zwischen Geschichte und ihrer materiellen Einschreibung.
Gerade in seiner scheinbaren Regungslosigkeit entfaltet er eine besondere poetische Kraft: Er wird zur Figur des Beharrens, des Stillstands als Form von Präsenz – und damit zu einem Spiegel moderner Verdinglichungserfahrungen, aber auch subtiler Formen des Widerstands. Erzählen als Recherche – Antoine Horst D’Oeuvre
Die Geschichte wird getragen von Antoine Horst D’Oeuvre, einem Kulturphilosophen mit Hang zur obsessiven Recherche und ironischen Selbstüberhöhung. Aus einem zunächst pragmatischen Auftrag – einem Beitrag für einen Polstermöbelpreis – entsteht ein vielschichtiges Archivprojekt aus Interviews, Briefen, Tagebüchern und Reflexionen.
Diese montageartige Erzählweise verleiht dem Roman eine besondere Offenheit. Erinnerung erscheint hier nicht als lineare Rekonstruktion, sondern als bewegliches Geflecht aus Stimmen und Fragmenten. Gerade daraus entsteht eine eindrückliche Sogwirkung: Der Leser wird selbst zum Mitforschenden in einem Text, der weniger erklärt als erkundet. Geschichte im Polster – Paris unter Besatzung
Einen überraschend dichten historischen Kern bilden die Passagen zur deutschen Besatzung von Paris. Hier gelingt Biro eine überzeugende Verbindung von Groteske und Ernst. Récamier wird zum stummen Zeugen einer Zeit, in der sich Alltägliches und Politisches ununterscheidbar überlagern.
Besonders eindrucksvoll sind die Tagebuchaufzeichnungen von Clémentine van Asselborn. In nüchterner, fast lakonischer Sprache verdichten sie Angst, Alltag und kleine Gesten des Widerstands zu einem eindringlichen Zeitbild. Diese Passagen verleihen dem Roman eine stille historische Gravitas und zeigen, wie Geschichte sich in kleinsten Handlungen sedimentiert. Das Museum als Bühne der Moderne
Nach dem Krieg verschiebt sich der Schauplatz nach New York, wo Récamier Teil eines Museums für Interior Design wird – zunächst als Mitarbeiter, schließlich als lebendes Exponat. In dieser Konstellation entfaltet der Roman seine satirische Dimension mit besonderer Klarheit.
Die Institutionen der Kunst- und Kulturbetriebe erscheinen als Systeme, die das Menschliche zugleich bewahren und ausstellen wollen – und es dabei unweigerlich in ein Objekt verwandeln. Der Roman entwickelt hier eine präzise, nie plakative Kritik an den Mechanismen kultureller Verwertung. Stil und Ton – spielerische Gelehrsamkeit
Stilistisch überzeugt der Roman durch eine souveräne Verbindung von essayistischer Reflexion, Ironie und erzählerischer Vorstellungskraft. Besonders hervorzuheben ist sein spielerischer Umgang mit Wissen: fiktive Theorien, pseudo-wissenschaftliche Abhandlungen und erfundene Diskurse über Möbel, Materialien und Körper bilden ein intellektuelles Paralleluniversum.
Entscheidend ist dabei der Humor des Textes. Neben seinen historischen und philosophischen Ebenen entfaltet der Roman eine ausgeprägte komische Energie: parodistische Anspielungen, intertextuelle Verschiebungen und ein permanentes Changieren zwischen Ernst und Absurdität prägen seinen Ton. Dieses humoristische Moment ist kein Beiwerk, sondern zentraler Bestandteil seiner Poetik – der Text will ebenso sehr unterhalten wie befragen.
Gleichzeitig bleibt er seinen Figuren nah: Récamier ist nicht nur Denkfigur, sondern auch verletzliche Existenz, die nach Zuwendung und Anerkennung verlangt, ohne auf ihren Objektstatus reduziert zu werden. Fazit
Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen ist ein ungewöhnlich vielschichtiger Roman: formal ambitioniert, thematisch reich und von einer leisen, nachhaltigen Eindringlichkeit. Peter Biro gelingt es, historische Erfahrung, philosophische Reflexion und grotesken Humor zu einem eigenständigen literarischen Raum zu verbinden.
Jean Jacques Récamier bleibt als Figur nachhaltig im Gedächtnis – gerade weil er die Spannung zwischen Bewegung und Erstarrung so konsequent verkörpert. Der Roman lädt nicht zur schnellen Lektüre ein, sondern zu einem verweilenden, genauen Lesen, das seine Schichten nach und nach freilegt.
Ein Werk, das man weniger „liest“ als betritt – und in dem man, im besten Sinne, Platz nimmt. Auszeichnung vor Veröffentlichung
Der Roman Die Faszination gepolsterter Rückenlehnen, der im Juni erscheinen wird, wurde bereits vor seiner Veröffentlichung ausgezeichnet und hat beim Literaturpreis Nordost 2026 den 2. Platz belegt.
Der Roman überzeugte die Jury insbesondere durch seine eigenständige literarische Stimme, seine formale Originalität und seine erzählerische Kraft.
Wir gratulieren dem Autor herzlich zu dieser Auszeichnung und freuen uns sehr auf die bevorstehende Veröffentlichung im Juni.