Hier finden Sie kurze Profile und die Inhaltsverzeichnisse wichtiger deutschsprachiger Literaturzeitschriften seit Januar 2015. Autoren und Beiträge sind mit unserem Autorenlexikon und der Deutschen Nationalbibliothek verlinkt. Quartalsweise bieten Literaturkritiker eine Umschau aktueller Ausgaben.

Die Rubrik ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Literaturfonds und des LCB. 

Zeitschriftenumschau

Bettina Schulte

Bettina Schulte

Bettina Schulte wurde in Siegen geboren. Sie studierte in Marburg und Freiburg Literaturwissenschaft, Romanistik, Soziologie und Philosophie und wurde mit einer Arbeit über Heinrich von Kleist promoviert. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Kulturredakteurin bei der Badischen Zeitung mit dem Schwerpunkt Literatur und Theater. Am Frankreichzentrum der Freiburger Universität ist sie Dozentin im Studiengang Deutsch-französische Journalistik. Mitarbeit in zahlreichen Jurys, unter anderem beim Deutschen Buchpreis und beim Peter-Huchel-Preis. Als Expertin für das Hörspiel war sie mehrfach in der ARD-Jury „Hörspiel des Monats“.

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Bettina Schulte

Christoph Meckel, der Dichter und Grafiker, ist am 29. Januar nach kurzer schwerer Krankheit in Freiburg gestorben. Sein Domizil in der Provence hatte er schon vor einigen Jahren aufgegeben, er lebte zuletzt in Berlin und in Freiburg, der Stadt, in der er zeitweilig aufwuchs, in der sein Großvater als Architekt baugeschichtliche Akzente gesetzt hat und sein Vater Eberhard Meckel sich nach dem Krieg als Schriftsteller niederließ. Kurz vor seinem Tod wurde Christoph Meckel der Stuttgarter Antiquaria-Preis verliehen. Seine Dankesrede konnte er noch formulieren, halten konnte er sie nicht mehr. Im neuen Heft der Zeitschrift Park ist diese Rede abgedruckt, in der Meckel noch einmal betont, wie sehr es ihm immer angelegen war, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als bildender Künstler – als Radierer vor allem – gewürdigt zu werden. „Ich war Zeichner einer epischen Vielfalt“, schreibt Meckel, „sie war mein Teil, mein Zweifel und meine Verzweiflung, mein Versagen und mein Gelingen, meine Bescheidenheit und meine Gewissheit.“ Und: „Was zwischen den beiden Hälften meiner Gestaltung möglich war, gelang als Spiel, ich verstand es als Zauberei, Koppheister, profunde Windbeutelei und als Vergnügen.“

Park, die in Berlin von Michael Speier herausgegebene Zeitschrift für neue Literatur, ist – das muss aus gegebenem Anlass hervorgehoben werden – jahrzehntelang von dem Freiburger Kunstsammler und Mäzen Paul Ege, einem Schulfreund Meckels, gefördert worden. Ege selbst ist ein guteshalbes Jahr vor Meckel gestorben. Man findet in diesem Heft deshalb ebenso die als Brief formulierte Grabrede des Freundes, eine Episode auf dem Freiburger Münsterplatz hervorrufend – oder erfindend –, bei der die Weggefährten beim Geläut der Glocken einen Gott anrufen, der – so Meckel – dem ganzen Dasein „zugehörig“ und ergo „machtlos“ sei.

Der so rasch aufeinander folgende Tod zweier überragender Persönlichkeiten hat eine große Lücke im Freiburger Kulturleben gerissen: Das führt die Nummer 72 von Park noch einmal schmerzlich vor Augen. Wie sehr Christoph Meckel auch den Kontakt zu jüngeren Dichterkollegen suchte, wie sehr diese umgekehrt von ihm profitierten: Das zeigt sich am Kernstück des Hefts mit dem Titel „Meckel erinnern“. Am überraschendsten ist dabei vielleicht die Stimme von Monika Rinck, deren lyrische Methode auf den ersten Blick nichts mit Meckels Verständnis von Dichtung zu tun hat. Rinck erinnert sich – auch fotografisch – an ein S. Fischer-Bändchen mit gesammelten Erzählungen Meckels unter dem Titel „Ein roter Faden“. Ganz offenbar hat es die Heranwachsende in der noch vagen Vorstellung bestärkt, „selbst Bücher zu veröffentlichen“. Meckels „Wunschblatt für den Kalender einer Malerin“ las Rincks „junges Ich“ als Entwurf einer Lebenspraxis: „der Malerin ist der Tag geräumig, dachte ich, und sehnte mich nach einem Leben, das diesem ähnelte“.

Jan Koneffke spricht von „Bruderschaft“, Uwe Kolbe blättert in den beiden – im Freiburger Modo Verlag mit Unterstützung von Paul Ege erschienenen – schwergewichtigen Bänden der „Weltkomödie“, die Meckels gesamtes graphisches Werk enthält. So unerbittlich Meckel in seinem Kunstanspruch gewesen ist – der Kritiker Michael Braun zitiert aus dem Prosatext „Nachricht für Baratynski“ den Kernsatz: „Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist. Er ist eine Zumutung, oder er ist Parfüm“ – so liebenswürdig war er seinen Freunden gegenüber. Meckels Fähigkeit zur Freundschaft war legendär. Auch sie wird fehlen.

Wenn einer kein Parfüm publiziert, dann ist das der bei Basel lebende Lyriker, Verleger und Übersetzer Urs Engeler. Mit Beharrlichkeit kümmert er sich um das nicht eben eingängige Werk der diesjährigen Büchnerpreisträgerin Elke Erb wie auch um den Schweizer Autor Arno Camenisch, der es in diesem Jahr immerhin auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gebracht hat. Seit 2013 bringt Engeler die schmale, kleinformatige Zeitschrift Mütze heraus, die sich avancierter Gegenwartslyrik ebenso widmet wie Trouvaillen ans Licht befördert. In der aktuellen 27. Ausgabe – deren Inhaltsverzeichnis aparterweise in der Mitte des Hefts platziert ist – wartet Engeler mit fünf von Marcus Roloff übertragenen frühen Gedichten von Peter Orlovsky auf, des Lebenspartners von Allen Ginsburg. Sie stammen aus einer zweisprachigen Auswahl, die inzwischen bei der Stadtlichter Presse erschienen ist. Roloff trifft den Beatnik-Sound der 1950er-Jahre ziemlich gut – auch wenn das Englische viel rauer und direkter erscheint, entsprechend dem hard stuff der „Clean Asshole Poems“, wie sie Ginsberg in seiner genialen Vorrede zur amerikanischen Ausgabe von 1978 nennt.

Die zur Zeit allgegenwärtige Monika Rinck – in der aktuellen Park-Ausgabe ist sie noch als Übersetzerin aus dem Ungarischen präsent – ist mit nicht weniger als 27 Gedichten vertreten: unter dem Motto „Alles mit den Händen“. „Die Hand legt meine Hände allem auf. / Sie fasst mich, fasst die Welt, sie hat der Welt ins Gesicht gefasst“. So etwas ist gerade schwierig in der Realität, aber beflügelt das Gedicht umso mehr. Rincks Lyrik wirkt wie ein imaginatives Antidot gegen Social Distancing und Hygieneregeln. Mitten hinein ins Leben der Wörter greifen ihre verspielten Gedichte, integrieren dialektale wie umgangssprachliche Wendungen, schrecken vor Sprechblasendiktion („rupfi, rupfi, aha“) ebenso wenig zurück wie vor ellenlangen Tulpenlisten und setzen sehr zu Recht auf die „Vöschel“, die alles übertönen: „die Drohnen, die Helicopter, den Staat“.

Apropos Pandemie: Das eben erschienene neue Schreibheft bringt den ersten expliziten literarischen Reflex auf die Krise dieses Frühjahrs, Sommers und sicher auch noch Herbstes. Esther Kinsky hat vom 25. März bis zum 12. Mai Briefe an den langjährigen Herausgeber des Schreibhefts und Freund Norbert Wehr geschrieben. Die Autorin, Lyrikerin und Übersetzerin hat nach dem Tod ihres Mannes Martin Chalmers im Friaul in dem Ort Fagagna ein Haus gekauft, dort erlebte sie den italienischen Lockdown, der - wie man weiß - noch um einiges härter war als die entsprechenden Maßnahmen in Deutschland. Kinsky, die für ihren großartigen Roman „Hain“ 2017 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, macht kein Hehl aus ihrer kritischen Einstellung gegenüber den behördlichen Maßnahmen wie auch gegenüber den Medien. Jenes traumatische Bild, das die deutsche Bundesregierung letztlich in den Lockdown getrieben hat, von Militärkonvois mit nächtlicher Sargfracht hält Kinsky schlicht für „ein unglaublich manipulatives Bild“. Und sie folgert: „Panikmache und Kopflosigkeit sollen jetzt davon ablenken, dass jede Regierung gegenüber den Menschen, die zu ‚regieren‘ sie sich so gedrängt haben, in Fürsorge und Vorsorge katastrophal versagt hat.“ Eine so klare Haltung vermisst man im öffentlichen Diskurs, der sich an Zahlen klammert und darüber jede kritische Auseinandersetzung mit der Obrigkeit aus dem Blick verloren hat. Man könnte die hellsichtige Analyse Kinskys seitenlang weiter zitieren: „In so kurzer Zeit“, schreibt sie, „ist es unter der Herrschaft dieses Virus gelungen, etliche Schreckgespenster der Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen: die Kontrolle des Privatlebens, die Schließung öffentlicher Räume, die Verängstigung und Einschüchterung der Menschen, die im fraglosen Gehorsam die einzige Rettung erblicken, die Verlagerung der ‚Kultur‘ ins Privatleben. Dabei kann Kultur nur im öffentlichen Austausch, eben mit einem ‚Publikum‘ gelingen und gedeihen.“ Und sie beklagt ziemlich fassungslos diese „besessene Fixierung auf das eigene Gesundbleiben“ und ist befremdet von der „Bereitwilligkeit, diese neue Lehre von der Verseuchung der Außenwelt hinzunehmen“.

Man liest diese luziden, präzisen, unbestechlichen Wahrnehmungs- und Denkprotokolle mit größtem Gewinn. Kinsky spricht aus, was auf der Hand liegt – was in der Öffentlichkeit aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht ausgesprochen wird. Darüber hinaus sind diese Texte durchdrungen vom friaulischen Licht, von der Schönheit der frühlingshaften Landschaft, die Kinsky noch im geringsten Detail zur Sprache bringen kann wie kaum andere zeitgenössisch Schreibende – auch wenn Nature Writing inzwischen Mode geworden zu sein scheint.

Das Schreibheft 95 ist insgesamt eine großartige Fundgrube. Das Prinzip des Herausgebers, sich in jedem Heft ausführlich drei Themenkomplexen zu widmen, ist äußerst fruchtbar. Wer sich noch nicht mit dem herausragenden US-amerikanischen Autor Joshua Cohen beschäftigt hat, dem wird hier eine wunderbare Handreichung geboten: Auszüge aus seinem Roman „Witz“, ein Statement seines Basler Übersetzers Ulrich Blumenbach, ein Interview mit Cohen und Tagebuchauszüge von einer Reise nach Israel. Dass Cohen seine Leser vor große Herausforderungen stellt, wird schon bei der Lektüre dieser wenigen Passagen klar. Doch ausgesprochen hilfreich ist die Beigabe von Sub- und Metatext. Man wird sich gerade als deutscher Leser, Leserin seinen Texten stellen müssen.

Und dann kommt als Coda noch etwas Wundersames. Die Literaturwissenschaftlerin Anja Hirsch hat im Rahmen ihrer Dissertation mehrere Gespräche mit Wilhelm Genazino geführt. Ihr erstmaliger Abdruck führt in die Nachkriegswelt des als Kind armer Eltern heranwachsenden Schriftstellers. Genazino erzählt schlicht, umstands- und schnörkellos – weit davon entfernt, den allseits herrschenden Mangel im Elternhaus in irgendeiner Form zu poetisieren. Das Schreibheft, das Norbert Wehr seit 1982 verantwortet – was für eine Leistung – , möchte man auch künftig nicht missen; das Schlusswort in dieser Ausgabe gehört nicht von ungefähr dem Hygieniker Adrien Proust, dem Vater von Marcel, der schon vor 150 Jahren Kluges zur Eindämmung von Viren aufs Papier gebracht hat.

Auf die altehrwürdige Zeitschrift Sinn und Form, ein ehemaliges DDR-Organ, lässt sich diese Einschätzung nur bedingt übertragen. Die Ausgabe 4 /2020 (im „Zweiundsiebzigste(n) Jahr“) mäandert etwas unentschlossen zwischen historischen und zeitgenössischen Texten, dazwischen finden sich mit Gaito Gasdanow und Thomas Wolfe Autoren, die sich der literarischen Moderne zuordnen lassen. Wenn man ein übergreifendes Thema ausmachen wollte, so lautete es wohl „Reisen“: William Beckford reist 1780 nach Rom und Neapel, Thomas Wolfe hetzt 1938 – wenige Monate vor seinem Tod – per Auto durch zwölf amerikanische Nationalparks, Ralph Schock erzählt von einer fast tödlichen Autofahrt durch Jugoslawien in den Siebzigern. Ein Kuriosum: Die Kulturwissenschaftlerin Ulrike Köpp lässt in einem Abriss die Geschichte der Freikörperkultur in der DDR passieren. Dass die spießige SED-Riege dagegen war: geschenkt. Interessant ist, wie sich in Ahrenshoop nach dem Krieg die sozialistische Bohème von Johannes R. Becher bis zu Bert Brecht traf und bei FKK über die neue Gesellschaft nachdachte. Was daraus geworden ist, weiß man ja. Auch die Nacktbadestrände sind nicht mehr das, was sie mal waren. „Indem sich“, so Köpps Fazit, „unter der Übermacht der Bilder die Assoziationsketten von Nacktheit und körperlicher Natürlichkeit und von Nacktheit, Erotik und Sexualität verwirren, wird der nackte Körper am Strand wieder als anstößig empfunden.“ So ist es wohl.