Leselampe

2021 | KW 27

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Buchempfehlung der Woche

von Douglas Pompeu

Douglas Pompeu, geboren 1983 in Indaiatuba, São Paulo, ist Autor und Übersetzer. Er lebt in Berlin und momentan arbeitet er an seinem Lyrikband fiktionsbescheinigung, der 2022 erscheinen soll. Dafür bekam er ein Arbeitstipendium deutsprachiger Literatur für Berliner Autor·innen von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Seit 2017 ist er Redaktionsmitglied des Literaturmagazins alba.lateinamerika lesen.

Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser
Die Vogel-WG. Die Heinroths, ihre 1000 Vögel und die Anfänge der Verhaltensforschung
Knesebeck Verlag, München 2020.

Wir sind in einer unserer Mittagspausen. Wir sprechen über Stadttiere. Über Kaninchen in Hessen, die auf der Suche nach einem ruhigen Platz für ihren Bau, ohne auf den Komfort und die Bequemlichkeit der Stadt zu verzichten, Tunnel unter einer großen Straße bis zu einem Kreisverkehr gebuddelt haben. Über einen gemütlichen Biber, der bei Tageslicht im Berliner Monbijoupark an einem Baum nagend ertappt wurde, ohne dass ihn die Nähe mit Menschen stören konnte.  Über eine Webcam, die einen Uhu am Stadtrande rund um die Uhr filmt und vielleicht auch über eine Herde von Elefanten, die seit Tagen offenbar ohne Ziel und zur Ratlosigkeit der Wissenschaftler:innen durch Dörfer in China wandert. Kurzum, wir sprechen darüber, wie Stadttiere auf uns wirken, was sie uns über invasive Arten erzählen: also über uns selbst.
An einem Punkt erwähne ich, dass ein Freund ein neues Buch über Tierverhalten in pandemischen Zeiten schreibt. Besonders schön finde ich die Art und Weise, wie dieser Freund Jules Renard als Figur in seine Erzählung einbaut: wie er sich auf seinem Weg nach Hause macht, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts im französischen Hinterland spazieren geht. Renard, der nicht arbeiten musste, um zu leben, der aber auf seine eigene Weise in verschiedenen Gewerben arbeitete, ansonsten in den Tag hineinlebte, um später sein Tagebuch zu schreiben.
Auf seinen Spaziergängen begegnete er immer wieder Tieren: nur ein wenig außerhalb der menschlichen Sphäre, schon lenkte sich Renard von seinen Aufgaben ab und beugte sich über diese Wesen. Er schrieb auch über sie, baute ein Bestiarium von Kontrapunkten zwischen dieser Fauna und den Menschen, die sie umgeben, mit denen sie leben, die sie erleben.
„Die Geschichte der Heinroths“ so mein Ansprechpartner, der plötzlich das Wort wieder ergreift. „Stell Dir eine Etagenwohnung in einer Millionenstadt vor“, sagt er, „wo zwei Menschen mit Nachtschwalben, Spechten, Baumläufern, Mauerseglern, Birkhähnen, Kuckucken und Störchen wohnen“. So entdeckte ich Die Vogel-WG von Karl Schulze-Hagen und Gabriele Kaiser. Ein Buch, zu dem ich seit der ersten Begegnung immer wieder mit Begeisterung zurückkehre. Dies ist nicht nur der schönen Buchgestaltung und der Erzählung zweier spannender Lebensgeschichten, sondern auch der Auswahl wunderbarer Aufzeichnungen von Heinroth zu verdanken. Die erwähnten beiden Menschen, die in einer Vogelwohnung lebten, sind keine anderen als Oskar und Magdalena Heinroth. Das Ehepaar, das der Ornithologie Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Publikation des vierbändigen Buches Die Vögel Mitteleuropas einen neuen Ansatz anbot und sich dem Pionierbereich der Verhaltensforschung gewidmet hat.
Die Herausgeber:innen bringen uns über die Biographie beider Ornithologen und über ihre Faszination für die Tierwelt bis zu ihrem Vogelzimmer. Erstens erfahren wir die Bildungsjahre des kurzsichtigen Oskar Heinroths – einer der besten Tierstimmenkenner seiner Zeit – der nach dem Medizinstudium nach Berlin zog und innerhalb kürzester Zeit begann, im Zoologischen Museum zu forschen und schließlich für Jahre im Zoologischen Garten als Volontär arbeitete. Die Arbeit bot ihm nicht nur unbegrenzte Möglichkeiten zur Tierbeobachtung in dem zu jener Zeit artenreichsten Zoo der Welt, sondern auch die Begegnung mit seiner zukünftigen Partnerin und ersten Ehefrau, der talentierten Magdalena Wiebe, mit der er eine Beziehung und Zusammenarbeit begann, die über 30 Jahre lang währte.
Es wird Magdalena und nicht Oskar sein, die das große Projekt zur Vogelaufzucht in der Wohnung startet. Erst als zwei Nachtschwalben auf dem Teppich im Wohnzimmer brüteten, zeigte ihr Mann richtiges Interesse für ihre Vogelhaltung. Die Vogelaufzucht wird langsam zum Mittelpunkt des Haushalts. Tagebuchaufzeichnungen und Fotografien dokumentieren jede Veränderung im Lauf der Aufzucht. Flügellänge und Gewicht werden regelmäßig gemessen, Vogelbälge werden gezeichnet. Und wie die Herausgeber:innen mit exemplarischen Abbildungen zeigen: „absolute Priorität hatte die standardisierte Fotodokumentation der heranwachsenden Vögel vom Schlupf bis zur Selbständigkeit.“ In vielen Fotografien sehen wir den Umgang des Paares mit seinen Tieren. Magdalena lässt Spechte auf ihrem Rücken klettern, füttert eine Turteltaube mit dem eigenen Mund, hält hier einen riesigen Uhu auf ihrem Arm und legt da einen Eulenkorb auf ihren Schoß. „Wie konnten sie zusammenleben?“, fragt man sich erstaunt.
Spuren einer möglichen Antwort sind vor allem in der Auswahl der Aufzeichnungen aus Die Vögel Mitteleuropas, kurze Texte, die sich gut als wunderbare Szenen aus dem Zusammenleben in dieser Wohnungsvoliere lesen lassen. Und noch weiter: wenn diese Schriften der Naturwissenschaft pionierweise dienen, so markieren sie auch Heinroths Talent für das, was wir Nature Writing nennen. In seinen Aufzeichnungen taucht ein Heinroth oft auf, der nicht nur als Pionier der Verhaltens- und Evolutionsforschung und der Systematik, sondern auch als ein hervorragender und humorvoller Schriftsteller gesehen werden könnte. Seine Beschreibungen, aus einer guten Balance von Vorstellungskraft und präziser Beobachtung, grenzen nicht selten an das Literarische.
Bereits die Erläuterung ihres Projektes trägt in sich einen poetischen Ansatz: „Wie der Hunger mit dem Essen kommt, so fassten wir den Plan (…) um uns einen Begriff davon zu machen, wie es in dem Kopf eines Vogels aussieht.“ Der schöne Versuch, sich in den Vogel hineinzuversetzen, kommt oft in seinem Schreiben vor. Die Tiere bekommen nicht nur einen menschlichen Namen, sondern werden in der Erzählung als Figuren mit unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten dargestellt: Siegfried, ein Birkhuhn, das sich vor der Farbe Rot fürchtet und vor Blau angreift; Ludwig, der Trapphahn, dem sie beibringen, das Treppenhaus hinauf und hinunter zu laufen; Benedix, ein Teichhuhn, das gern auf die Schulter klettert und das menschliche Gesicht untersucht, als ob es Oskar mit seiner Schnabelschneide rasieren wollte; Liliput, ein Wachtelkönig, der eine stolze Haltung annimmt, wenn einer ihm die Hand hinhält, oder Florian, ein Flussregenpfeifer, der mit einem vorgestreckten Fuß zittert, besonders wenn er Futter erwartet. Unter Taubengruppen differenziert der Ornithologe die Klügsten und Findigsten der Frechsten aus. Die menschlichen Eigenschaften der Vögel werden durch den Schreibstil Heinroths markanter. Wenn er über eine Nachtschwalbe schreibt, die auf einem Tisch unsichtbar zwischen Gastgeber und Besucher ihre Tagruhe hält, in der Haltung einer Turteltaube einen trockenen Tannenzapfen sieht oder die Geräusche des Aufeinanderschlagens von Ober- und Unterschnabel eines Uhus mit dem Klappern und Tippen eines Morsetelegraphs und einer Schreibmaschine vergleicht, zeigt er uns seinen Sinn für Bildlichkeit sowie für den Humor. Während seine Lust aufs Erzählen sich durch Szenen enthüllt, in der Spechte Eingänge in die Wandschränke hämmern, in der ein Seeadler das Anstarren eines Malers oder ein Waldkauz den Kuckuck eines Schwarzwälders angreift, oder die Szene, in der ein Kolkrabe, Jasper, den Schlüsselbund aus der Rockaußentasche seiner Frau schnappt und mit ihm über die Häuser in der Nachbarschaft des Zoos herumfliegt.
Es ist schwer, sich Oskar und Magdalena nicht vorzustellen. Vor mir sehe ich, wie sie die Tagebücher ausführlich bearbeiten, wie sie miteinander lachen, das Gewimmel im Hintergrund. Und ich denke wieder an Jules Renard. Es ist Abend, er ist allein zu Hause, und er schreibt. Er schreibt genau die Seite, die wir gerade lesen, von der er sagt, dass er sie schreibt. In jedem Moment, in dem er zu schreiben beginnt, nimmt er ein anderes Geräusch wahr, das das schnarrende Geräusch der Feder auf dem Blatt wiederzugeben scheint. Ein Klang, der einen anderen widerhallt. Ein Klang, den wir nicht mehr kennen, den wir uns vorstellen und erfinden, oder von anderen ähnlichen Dingen (einem Bleistift) ableiten müssen: das Geräusch des Federkiels auf dem Papier beim Schreiben. "Ich schreibe bei Kerzenlicht die Seite, die ich jeden Tag schreibe, wenn oder weil ich dieses leise Geräusch höre", so Renard.
Es ist rätselhaft: Wenn Renard aufhört zu schreiben, hört das andere Geräusch auf; wenn er wieder anfängt zu schreiben, kehrt das andere kleine Geräusch ebenfalls zurück. Alles ist subtil, es gibt nur das Murmeln eines Echos. Aber das Schweigen ist so groß, dass es die Aussage von etwas zulässt, das, wie Renard meint, nicht nur die Absicht hat, das Geräusch, das er mit der Feder auf dem Papier erzeugt widerzugeben, sondern dies sogar nachzuahmen versucht.
Stellen Sie sich die schrittweise empirische Prüfung von Hypothesen zur Erklärung dieses Vorfalls vor, die Renard in dieser langsamen Zeit unternimmt, in dem einsamen Haus, spät in der Nacht, bis zu dem Moment, in dem er herausfindet: eine kleine Maus nagt an einem der Füße des Tisches, auf dem er schreibt. In völliger Stille wartet die Maus misstrauisch ab. Aber wenn das Geräusch des Schreibens ertönt, tarnt sich die Maus in diesem Geräusch und nagt ohne Angst weiter. Einer schreibt und der andere nagt. Und so geht es eine Zeit lang weiter. Einer versteckt sich in der Schrift des anderen.

Und so trifft Renard die Heinroths in einer gleichen Welt meiner Lektüren. Einer schreibt mit seiner Maus, der andere mit seinen Vögeln. Beide mit Tieren, die sich in ihren Schriften verstecken. Und wenn sie sich über den schmalen Steg der Zeit entgegenkommen könnten, kann ich jetzt fast glauben, dass sie sich einigermaßen verstehen würden.

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