Leselampe

2020 | KW 23

© Johannes Kauper

Buchempfehlung der Woche

von Jan Koneffke

Jan Koneffke ist Schriftsteller und lebt abwechselnd in Wien, Bukarest und dem Karpatenort Mӑneciu. Anfang September erscheint bei Galiani/Kiepenheuer&Witsch sein neuer Roman Die Tsantsa-Memoiren.

Gaito Gasdanow
Nächtliche Wege
(Roman); Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Christiane Körner, Carl Hanser Verlag, München 2018.

Es ist die richtige Lektüre für un-heimliche Zeiten. Der 1903 geborene russische Emigrant, Gaito Gasdanow, der sich seit den 1920er Jahren im Pariser Exil mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, davon acht Jahre lang als Nachttaxifahrer, schrieb seinen Roman Nächtliche Wege in den späten 30ern – das Buch erschien erst 1952. Zwar spielt es an keiner Stelle auf die politische Großwetterlage und den drohenden Kriegsausbruch an. Doch dessen bedarf es auch gar nicht. Verfall, Katastrophe, Sinnlosigkeit, Tod sind in der lemurenhaften Welt der Großstadtnacht längst gegenwärtig. Das Alte ist zum Untergang verurteilt. Nicht zufällig begegnet der taxifahrende Erzähler zu Beginn einer „vermummten, winzig kleinen Greisin“ mit „fast nicht mehr menschlichem“ Gesicht in einem dreirädrigen, selbstbeweglichen Karren, der durch die leeren Boulevards rollt. Nicht zufällig, sage ich, obwohl es sich natürlich um eine Zufallsbegegnung handelt. Aber Gasdanow macht den Zufall und die Ziellosigkeit (denn mag sich auch jeder Fahrgast vom Taxi zu einem bestimmten Ziel bringen lassen, ergibt das Ganze der Bewegungen doch nur ein zielloses Hin und Her der Scheinwerfer durch die Nacht) zu den Kompositionsprinzipien seines Romans. Dabei sind nicht nur die Gestalten, mit denen er in Berührung kommt: der Trinkerphilosoph; die verarmte, vom Alter gezeichnete ehemalige Luxushure; der so dumpfe wie kerngesunde Fabrikarbeiter, der zugrunde geht, als er über sich selbst nachzudenken beginnt usw., mitreißend gezeichnet. Auch der Erzähler selbst, dieser zwischen Mitgefühl, Neugier, Scharfsinn und abweisender Kälte schwankende Beobachter, der nie etwas anders trinkt als Milch und sich schon dadurch als ewiger Außenseiter zu erkennen gibt, prägt sich dem Leserbewusstsein nachhaltig ein. Dabei ist er, der Emigrant, nicht fremder als es seine Nachtfiguren am Abgrund sind, die Franzosen genauso wie die Exilanten. In der so nervösen, wie somnambulen nächtlichen Stadt sind sie alle Fremde, Fremde in fremder Welt, das macht Nächtliche Wege zu einer so un-heimlichen, wie wahrhaftigen Lektüre.

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