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das knittern des papiernen weltenbaus – Ein Abend mit Julia Cimafiejeva & Volha Hapeyeva

Donnerstag, 26. Februar 2026

19:30 UHR

Veranstaltungsort

Haus für Poesie

Knaackstr. 97
10435 Berlin
http://www.haus-fuer-poesie.org

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Eintritt: 8/5 Euro

Details

Die Dichterinnen Julia Cimafiejeva (geboren 1982 in Rajon Brahin, Belarus) und Volha Hapeyeva (geboren 1982 in Minsk, Belarus) stellen an diesem Abend in Lesung und Gespräch mit der Slawistin und Übersetzerin Nina Weller ihre neuen Bände vor.

Von Julia Cimafiejeva erschienen 2025 gleich zwei Bände, beide in deutscher Übersetzung von Tina Wünschmann, in denen die Dichterin auf je unterschiedliche Weise den Versuch unternimmt, die eigene Geschichte und Identität als Exilantin „auslappen, aus fetzen, aus schiefen erinnerungsflicken“ zu flechten. In dem Band Ich zerschneide die Geschichte (edition frölich) illustriert Cimafiejeva als „papiergärtnerin“ Collagen aus Fundstücken mit kurzen Gedichten. Die Collage wird hier zum Sinnbild des Exils, in dem sich die Dichterin, herausgerissen aus ihrem bisherigen Umfeld, wiederfindet als „abbild und ebenbild der riesenhand, die mich mit stumpfer schere ausschneidet und auf diese seite klebt“.

Im Gedichtband Blutkreislauf (edition.fotoTAPETA) hingegen verbinden sich die Geschichten ihrer Familienmitglieder zu einem „langen Weg fort von zu Hause“. So erfährt man von der Großtante Šura, die 1952 mit dem Transatlantikschiff Canberra aus England nach Kanada übersiedelte, oder vom Großvater Alioś, der in den 1940ern Zwangsarbeit in Neustadt an der Donau leistete. Und schließlich von der Dichterin selbst, die mit ihrer Familie 1986 nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl evakuiert wurde, später nach Minsk zog und seit 2020 im Exil lebt, zunächst in Graz, dann in Chemnitz, Zug und Hamburg, und die sich selbst in ihre Familiengeschichte einzuweben sucht.

Volha Hapeyeva beschreibt in ihrem Essayband Wörterbuch einer Nomadin (Literaturverlag Droschl 2026) ihre „Nomadenjahre“ seit dem Herbst 2020: „Seit fünf Jahren habe ich kein richtiges Zuhause mehr. Jedes Jahr ziehe ich um, und an keinen der Orte, an denen ich gelebt habe, kann ich zurückkehren.“ Den Ausgangspunkt bilden dabei für die Dichterin und promovierte Linguistin stets die Worte, ihre Etymologie und kulturelle Prägung in verschiedenen Sprachen, ihre kontextabhängige Veränderlichkeit. Jedem Kapitel sind Wörter vorangestellt, die das thematische Feld kartieren und überraschende Verbindungen offenlegen: So untersucht Hapeyeva in einem Essay die „sprachliche Verkleidung der Rüstungsindustrie“, die Waffen mit Blumennamen versieht, um den Krieg, das „Lieblingsspiel des Patriarchats“, zu poetisieren. Oder, an anderer Stelle, die sprachliche Kolonisierung der Natur, die der Mensch über seine Benennungs- und Beschreibungssysteme betreibt. Aber auch die heilende Kraft der Poesie beschreibt Hapeyeva,die sie mit dem Zauber von Schnee vergleicht. Das Nomadentum wird ihr dabei zur überlebenssichernden und poetologischen Konstante: die fließende Identität der Randgängerin, die sich im Dazwischen bewegt, in der Vielsprachigkeit, der Wandlungsfähigkeit, über Zeitzonen und festgeschriebene Identitäten hinweg, „immer auf dem Weg, immer dazwischen, laminal“.

 

Die Veranstaltung wird belarusisch-deutsch gedolmetscht.


In Lesung & Gespräch Julia Cimafiejeva, Volha Hapeyeva
Moderation Nina Weller

Veranstalter