Aimé Césaire (geboren 1913 in Basse-Pointe, Martinique, gestorben 2008 in Fort-de-France, Martinique) war einer der größten französischsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Mit seinem umfangreichen Werk ist er einer der Mitbegründer der literarisch-intellektuellen Bewegung Négritude, die die kulturelle Identität Schwarzer Menschen betonte und mit jeglicher Form kolonialer Unterdrückung scharf abrechnete.
Insbesondere seine 1939 erschienenen Notizen von einer Rückkehr in die Heimat, ein gattungsübergreifender Text, in dem sich Prosa und Lyrik mischen, gelten in dieser Hinsicht als bahnbrechend. Es folgten so ein ussreiche Bücher wie Sonne geköpft (1948), Diskurs über den Kolonialismus, Eine Saison im Kongo sowie eine postkoloniale Adaption von Shakespeares Der Sturm.
Césaire sagte einmal, die Dichtung, die für ihn aus den Tiefen, ja den Urgründen komme, habe sich ihm aufgedrängt; er folge ihr auf allen Wegen und Umwegen. Das Eruptive ist das Wesensmerkmal all seiner Texte – sie stehen im krassen Widerspruch zu allem Beschaulich-Pittoresken. Bei Césaire plätschert nichts gemächlich dahin. Seine Verse, mitunter von epischer Atemlänge, sind wortgewaltig, reich orchestriert und rhapsodisch. Der Surrealismus, in dessen Tradition Césaire stand, gipfelte für ihn in dem Ideal, „den Traum mit dem Handeln“ zu versöhnen. (Tatsächlich war er auch ein engagierter Politiker: Fast sechs Jahrzehnte bekleidete er das Amt des Bürgermeisters von Fort-de-France und gehörte nahezu ebenso lange der französischen Nationalversammlung als Abgeordneter an.)
Das Gedächtnis dessen, der in seinen Gedichten spricht, ist „umspielt von Blut […] gegürtet mit Leichen“. Empfunden wird die „Last von Schmach und hundert Jahren Peitschenhieben“. Einmal heißt es: „Ich verabscheue die Domestiken der Ordnung und die Käferlinge der Hoffnung.“ Ein anderes Mal: „Keine Rasse ist im Alleinbesitz von Schönheit, Intelligenz und Kraft.“ Im Laufe der Jahrzehnte verfeinert Césaire seine kühne Bildsprache, in die der „unbeugsame Regen“ seine Eier legt. Alles scheint hier immer möglich: Nackte Mönche steigen vom Himalaja herab, Urwasser besingen in Magnetkreiskurven das Erblühen von Kinderschuhen, und der erloschene Vulkan Chimborazo verschlingt die Welt. Das Zuckerrohr lodert, der Mangobaum aggt seine unzähligen Mondsicheln, und der erhabene Bananenbaum steht im „psalmodierenden Tageslicht“. All dies wird vorgetragen zum aufrührerischen Rhythmus von „Jitterbug, Lindy Hop und Step“, durch den die „angeketteten Flüche“ aus einem Schiffsbauch dringen. Die Leser:innen werden beschenkt mit Gesängen über das Gesetz der Korallen und über die Gunst der Passatwinde. Und manchmal, in Momenten, in denen sich die Sprache fast ganz beruhigt, finden sich Beschreibungen wie jene der „zarten Hälse von Tieren, die im Ruhen noch zittern“.
Mit Ein Mensch, der schreit ist in diesem Jahr bei Matthes & Seitz eine großzügige Auswahl erschienen, in der Übersetzung von Klaus Laabs, der die Verse Aimé Césaires in ein bewegliches, üppiges Deutsch verwandelt hat.
Die Veranstaltung wird englisch-deutsch gedolmetscht. Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen
In Lesung & Gespräch Jason Allen-Paisant, Ricardo Domeneck, James Noël
Moderation Asmus Trautsch