„Es ist eigentlich immer die gleiche Verzweiflung“, schreibt Hatice Açıkgöz im Vorwort der Anthologie Literarisch Solidarisch – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb (Verbrecher Verlag 2026): „Immer geht es darum, ob das Projekt Mainstream genug ist, um in einem großen Publikumsverlag zu erscheinen. Fast immer ist die Antwort darauf: nein.“
Aus diesem Impuls der Verzweiflung heraus startete Hatice Açıkgöz 2023 gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe den Podcast literarisch solidarisch. Die von ihr herausgegebene Anthologie unter demselben Titel versammelt nun siebzehn Autor:innen, die aus verschiedenen marginalisierten Positionen auf den Literaturbetrieb schauen. Drei von ihnen sind an diesem Abend im Haus für Poesie zu Gast.
Dara Brexendorf (geboren 1991 in Kiel) ist freie Autorin und Literaturvermittlerin, ihr Debütroman Paradise Beach erscheint im Frühjahr 2026 im Eichborn Verlag. In ihrem Anthologiebeitrag Meine Utopie des leisen Raums im lauten spricht sie über mentale Gesundheit und Schreiben, über die Verteidigung des leisen Schreibraums gegen das laute Hämmern der Depression und das Konkurrenzdenken des Literaturbetriebs: „Ich möchte Texte von Leuten in ihren leisen Räumen lesen und ich möchte Texte in meinem leisen Raum schreiben und in die Welt lassen.“
Özlem Özgül Dündar (geboren 1983 in Solingen) ist Autorin und Übersetzerin, im ELIF VERLAG erschien 2018 ihr Lyrikdebüt gedanken zerren. Unter dem Titel Welcome to the Oscars schreibt sie über die „unheimliche Heimat“, den Abstammungswahn der Deutschen und die Ausgrenzung im deutschen Literaturbetrieb, dem sie eine Fluidität von Kultur, Sprache und Gesellschaft entgegensetzt: „Darum ist der Kampf um die Sprache so essentiell. Wer sprachlich anwesend ist, der existiert tatsächlich, der ist nicht so leicht wegzureden, wegzudenken.“
Heike Geißler (geboren 1977 in Riesa) ist Übersetzerin und Autorin zahlreicher Romane und Essays, zuletzt Arbeiten (Hanser Berlin 2025) und Verzweiflungen (Suhrkamp Verlag 2025). In ihrem Anthologiebeitrag unter dem Puhdys-Zitat-Titel „Zwischen Himmel und Erde zu sein“ reflektiert sie das Älterwerden im Literaturbetrieb, einen immer besser funktionierenden Bullshit-Radar gegen die betrieblichen Marktzwänge und Eitelkeiten und die Hoffnung auf „Verständnis füreinander, auf die Lust, einander zuzuhören, darauf auch zu verstehen, warum und wie jemand in einer Zeit wurzelt und so oder so ist“.
In Lesung & Gespräch Dara Brexendorf, Özlem Özgül Dündar, Heike Geißler
Moderation Hatice Açıkgöz