An diesem Abend treffen zwei Dichter:innen aufeinander, die in ihren Texten einen grundsätzlich anderen Ton anschlagen. Ein Abend der Gegensätze, der die Vielfalt der deutschsprachigen Gegenwartslyrik zeigt.
Anna Julian Mendliks (geboren 1986 in Hannover) neuer Gedichtband Dante im Darkroom (Verlagshaus Berlin 2026) ist eine Kampfansage an die Prüderie im deutschen Gedicht. Ein „dictionnaire in der diktion der lüste“ mit Spanking, Fisting, Cunnilingus und Dirty Talk. In den Texten tummelt sich das Personal aus Paradies, Hölle und Mythos. Eine Chronik von „theseus bis bezos“. Die Leser:innen begegnen Eva im „gerippten shirt“, dem „sweet pussyboy“ Antinoos und einer Daphne, die Apollo verschmäht und lieber bei Diana bleiben will. Arachne, weniger peinlich als Spider-Man, sendet antike metoo-Berichte, Orpheus verwandelt sich in eine Sängerin, Pluto in einen Incel und Sisyphus in einen leidensbereiten SM-Sklaven. Das Bad läuft über mit Metaphern, und „auf lesbos brennen die zelte“. Nebenbei erfährt man Lehrreiches über die Verwandtschaft von Rom und Eros und über den Paradiesapfel mit „bio-siegel und fair trade“, z.B. über den proportionalen Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Zuckergehalt. Unterlegt ist das Ganze mit einem Soundtrack „auf dem tablet aus der teeniezeit“: ne me quitte pas, don’t leave me this way, it’s a sin.
Die Gedichte aus Farhad Showghis (geboren 1961 in Prag) neuem Band Die nähere Umgebung (kookbooks 2026) sind nicht weniger radikal, wenn auch auf vollkommen andere Weise und unter Zuhilfenahme anderer Schreibverfahren. Eine große Umsicht ist um sie und in ihnen. Auf behutsame Art gerät das Kleine in den Blick: das Unnütze, das, was man im „Staublicht“ umdreht und betrachtet. Es geht um den „duldsamen Tumult des Hingetupften“, darum, wie sich die Perspektive auf die Dinge ändert, nachdem man einen „Drittelschritt zur Seite“ tritt. Nichts bleibt unbemerkt, seien es nun die „einsilbigen Neuanfänge“ oder „ein Gleiten im Laubwerk“. Die „seitlichen Ereignisse“ – die schweifenden Blicke über „das Krakelee der Bäume und Hecken“, die Fernbläue, die sich in Diesigkeit verliert – sind wichtiger als das Geschehen auf der Hauptbühne. Ein noch so geringer Augenblick kann Epoche werden in den alltäglichen Abläufen des Tages: das Sonnenlicht und wie es sich über eine Dachschräge legt, das langsame Heraustreten aus einem Garten, die Schwere, die sich an den Unterseiten der Balkone sammelt, ein Fußweg, der nach Süden abschwenkt, und die herabhängenden Zweige darüber.
In Lesung & Gespräch Anna Julian Mendlik, Farhad Showghi
Moderation Alexander Kappe