Ingeborg Bachmann (geboren 1926 in Klagenfurt, gestorben 1973 in Rom) ist bis heute die unbestritten populärste deutschsprachige Autorin des 20. Jahrhunderts. Allenfalls das Werk von Mascha Kaléko erfreut sich ähnlich großer Beliebtheit. Vor allem als Dichterin ist die Bachmann (ihr Status erlaubt es, den bestimmten Artikel vor den Nachnamen zu setzen, wie bei der Dietrich oder der Knef) bekannt, obwohl auch ihre Prosa – zumal die Kurzprosa – mehr noch als der Roman Malina zu dem Besten gehört, was in deutscher Sprache nach 1945 geschrieben wurde.
In den 1950er-Jahren erlangte sie durch zwei in kurzer Folge veröffentlichte Gedichtbände größere Bekanntheit: Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956). Auf den Tagungen der Gruppe 47 sorgte sie in dieser Zeit für Furore, obwohl einige verschnupfte Mitglieder ihr „Königinnenallüren“ nachsagten. Überhaupt lässt sich rückblickend feststellen, dass nicht nur ihre Literatur, sondern auch ihre Persönlichkeit immer wieder einer „Gruppenkritik“ unterzogen wurde. Die Frage, mit wem sie jeweils das Bett teilte, erregt bis in die Gegenwart die Gemüter einer klatschsüchtigen Nachwelt. Selbst in die vorgeblich fachliche Beurteilung schlich sich hie und da ein misogyner Unterton ein. Peter Hamm sah zum Beispiel in den nachgelassenen Gedichten lediglich den Ausdruck eines „ungereinigten Lebensschlammes“, und der Dichter Thomas Kling sprach mit Blick auf das berühmte Frühwerk vom „Mainstream-Kitsch der verdrucksten Adenauer-Jahre“ und attestierte der Bachmann eine „artiffzielle Schneewittchenhaftigkeit“, sprach gar von einem „angestrengten Waten in Vierfruchtmarmelade“. Immerhin nahm er sie später – wenngleich mit etwas gönnerhafter Geste – mit dem zugegeben etwas entlegenen Gedicht „Gerüche“ in seine ihrem Anspruch nach kanonbildende Sprachspeicher-Anthologie auf.
All dies verstellt den Blick auf die Kühnheit des Werkes. Bachmann kam, „Dunkles zu sagen“ – so der Titel eines der berühmten frühen Gedichte –, wusste auf der Seite des Todes das Leben, spielte, wie Orpheus, dem sie sich wesensverwandt fühlte, „auf den Saiten des Lebens den Tod“. Sie kannte das „Wort, das den Drachen sät“, wollte schreiben mit der Galle, „solang sie noch bitter ist“. Und genau das tat sie: Schreiben über das, was ein Herz bezeugt zwischen gestern und morgen, „lautlos und fremd“. Zeit ihres Lebens war sie dabei eine Rastlose; aus der Klagenfurter Durchlaßstraße 5 trieb es sie in die weite Welt. „Das Beste / ist die Arbeit auf den Schiffen, / die weithin fahren“, heißt es einmal in „Ausfahrt“, dem Eingangsgedicht aus Die gestundete Zeit. In Abwandlung eines ihrer Verse ließe sich sagen, sie sei vom Fernweh benommen gewesen, „bis ans iehende Haar“. Die Dichterin verrät sich im Detail. Unvergesslich sind viele beunruhigende Bilder, deren Ursprung unklar bleibt: der Regenmann im finsteren Haus, der im Schuldbuch die Linien ergänzt; die geflügelten Tannen, die aus dem Paradies stürzen; das gelöschte Licht der Lupinen; das an den Traversen aufgeriebene Blau des Himmels; der vorm Tanz gelaugte Bretterboden und die „trommelreif“ im Hof stehenden Eimer. Und wer könnte jemals jenen emblematischen Salamander vergessen, der am Ende von Bachmanns vielleicht schönstem Gedicht „Erklär mir, Liebe“ durchs Feuer geht: „Kein Schauer jagt ihn und es schmerzt ihn nichts.“
Eine gemeinsame Veranstaltung des Haus für Poesie und des Österreichischen Kulturforums Berlin
In Lesung & Gespräch Margret Kreidl, Caca Savic, Teresa Präauer
Moderation Insa Wilke