An diesem Abend stellen die Dichterinnen Dilek Mayatürk und Ramona de Jesús im Gespräch mit Lara Sielmann ihre Gedichtbände vor, die dieser Tage erscheinen.
Ramona de Jesús (geboren 1990 in Medellín, Kolumbien) lebt seit 2009 in Deutschland und ist zurzeit Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude. Ihr Debütband Dos metros cuadrados de piel, der nun in deutscher Übersetzung von Rike Bolte unter dem Titel Zwei Quadratmeter Haut (Wallstein Verlag) vorliegt, wurde in Kolumbien mit dem Premio Nacional de Poesía Obra Inédita ausgezeichnet und erschien im Original bereits 2021. Zwei Quadratmeter, das entspricht in etwa der Hautfläche eines menschlichen Körpers, mit der er die Welt berührt, den Dingen begegnet. „In diesem Buch ist die Haut ein Archiv“, schreibt Daniela Danz in ihrem Nachwort. „Erinnerungen, Narben, Geschichte und Identität sind ihr eingeschrieben wie einem Material, das immer wieder aufreißt, sich erneuert, entzündet, verhärtet, heilen will und dabei den Abdruck nicht loswird.“ Das Gedicht weitet seine Haut und nimmt dabei vielerlei Stimmen in sich auf, wie die der Dichter:innen Emily Berry und Pier Paolo Pasolini, oder aber auch der Kosmonaut:innen Juri Gagarin und Walentina Tereschkowa. Die Dinge scheinen vertraut und beunruhigend zugleich, vielleicht werden sie unvertraut durch die Berührung mit dem Gedicht, das geschrieben wird durch „die andere Hand / die Hand die nicht schreibt“ und das fortlaufend „dem verlorenen Bild hinterher“ läuft, ohne es jemals einholen zu wollen.
Dilek Mayatürk (geboren 1986 in Istanbul, Türkei) lebt seit 2019 als Lyrikerin in Berlin und wurde für ihre Arbeit unter anderem mit Stipendien der Kulturakademie Tarabya und der Casa Baldi gefördert. Nach Brache (Hanser Verlag 2020), übersetzt von Achim Wagner, ist Wenn du lächelst, zerfällt ein roter Apfel in Scheiben (Verlag Das Wunderhorn) nun der erste Gedichtband, der in Selbstübersetzung auf Deutsch und Türkisch erscheint. Dabei handelt es sich nicht um Übersetzungen im eigentlichen Sinne, sondern um zweisprachige Versionen desselben Gedichts. Eine gewisse Schwermut ist diesen Gedichten eigen. „Wir fielen auf fremde Städte / Als wären wir ewiger Schnee“, heißt es einmal. „Wir dachten, wir blieben, / Doch wir schmolzen. / Wir wurden durchnässt.“ Es geht um Liebe, die mal Pantomime ist, mal „eine zerknautschte Tagesdecke / Ein Schwarzes Loch, das die Distanz anbetet“, um in Patronenhülsen summende Bienen und um die Angst „vor der Zukunft, die grobkörnig im Sieb hängen bleibt“. Vielfach werden Leerstellen beschrieben, die das Gedicht zu schließen versucht, Senken, Lücken und herausfallende Zähne, Lippen, die zu einem Horizont verschlossen werden, den das Ich betrachtet. „Um eine Leere zu füllen, wird man zu etwas … Ich zum Beispiel wurde Dichterin, um meine Zahnlücke zu füllen.“
In Lesung & Gespräch: Ramona de Jesús, Dilek Mayatürk
Moderation: Lara Sielmann