An diesem Abend treffen zwei der renommiertesten deutschen Schriftstellerinnen aufeinander, die sowohl in der Prosa als auch in der Lyrik reüssieren: Marion Poschmann (geboren 1969 in Essen) und Kerstin Preiwuß (geboren 1980 in Lübz).
In Preiwuß’ neuem Gedichtband Rodeo, ihrem insgesamt fünften, der zeitgleich mit dem Roman wir alle erscheint (beide Bücher im Berlin Verlag 2026), steht die genderfluide, wechselwarme Figur Kay im Mittelpunkt. Das Buch spielt vor Urzeiten und in der unmittelbaren Gegenwart. Gemeinsam mit Kay durchstreifen die Leser:innen Dezennien, Säkula und Millennien – ein sprichwörtlich wilder Ritt durch die Zeit.
Kay fungiert dabei als eine Art Medium: Alles geht durch sie/ihn hindurch, und sie/er geht durch alles hindurch – durch die drastisch geschilderten Gräueltaten der Vergangenheit und Gegenwart, angefangen bei den Glaubenskriegen der Frühen Neuzeit bis hin zum Krieg gegen die Ukraine. „Ein ständiger Aderlass / jeden Tag die Augen auf und alles rein.“ Einmal heißt es, Kay hole die Stimmen aus den Warteschleifen. „Alle Klagen sperren ihre Münder auf.“ Preiwuß legt unzählige Fährten, die die Leser:innen zum vielmaligen Verlaufen einladen. Dabei schöpft sie aus so unterschiedlichen Quellen wie dem Bachkieselbuch oder dem Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. Rodeo ist ein wahnwitziges „Märchenadoptiv“ mit Gastauftritten des Eisernen Hans, von Alice aus Alice im Wunderland, Rotkäppchen, dem Baron von Münchhausen und Dracula. Die Register und aufgerufenen Bildfelder – Pokémon, Kali-Mantras und Nesselquallen – wechseln in raschem Tempo. Das Erdbeben von Chile und Christian Petzold trennt nur eine Zeile. Minecraft und The Last of Us stehen gleichberechtigt neben Dantes Göttlicher Komödie. Manchmal scheint es, als wäre Rodeo in einem Paralleluniversum angesiedelt, das nach grundsätzlich anderen Regeln expandiert, durch das hindurch jedoch unsere eigene Welt umso deutlicher sichtbar wird.
In Marion Poschmanns neuem Buch Flussfragmente (Verbrecher Verlag 2026), ihrem insgesamt siebten Gedichtband, werden ungleich ruhigere Töne angeschlagen. Der an die Hogarthsche Schönheitslinie angelehnte Mäander fließt hier gleichsam in die bewegliche Form sapphischer Oden mit wanderndem Daktylus. Poschmann interessiert nach eigenen Aussagen „das Zusammenspiel von Natur und Zivilisation“. Sie widmet sich dem Thema durchzivilisierter Landschaft am Beispiel der 32 Kilometer langen Seseke, eines ursprünglichen Tieflandbaches, der im Kreis Soest entspringt und in die Lippe mündet. Im Laufe der Industrialisierung wurde die Seseke zu einem offenen Schmutzwasserlauf umgestaltet, der das Abwasser von Industrie und Haushalten abführte. Mitte der 1980er Jahre begann man mit der Renaturierung; es entstanden Auenlandschaften entlang eines geweiteten Flussbettes. Poschmann, die von dem Glück spricht, das eine solche „Renaturierung bedeuten kann“, folgt dem Flusslauf und durchquert diese Landschaften. Sie beschreibt sie in Vers und Bild – mit Zeichnungen in der Suminagashi-Technik, bei der organische Muster durch „schwebende“ Tusche auf einer Wasseroberfläche hervorgebracht werden. Auf ähnliche Weise verflüssigt sich die Handschrift der Odendichterin zu einem „fließenden Schönschreiben über blanke Seiten“. Flussfragmente versammelt so seltsame Eindrücke „gelungener Landschaft“ ausgerechnet am Kamener Kreuz. Poschmann schreibt über Wander- und Wendezeichen sowie über die aus- und abschweifenden Eigenschaften des Wassers, in denen sie die wehenden Ärmel und schlackernden Schöße eines alten Gottes erblickt.
Eine gemeinsame Veranstaltung des Haus für Poesie mit dem Berlin Verlag und dem Verbrecher Verlag
In Lesung & Gespräch: Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß
Moderation: Nadja Küchenmeister