Als Teil des Festivals Barrio | Bairro Berlin, das zeitgenössische Literatur aus Lateinamerika und der lateinamerikanischen Diaspora nach Berlin bringt, lesen drei Dichter:innen aus Chile im Haus für Poesie. In ihren Gedichten geht es um Orte und Räume: ein Dorf im Wald, mentale Landkarten zwischen zwei Kontinenten und den Schauplatz einer Tragödie.
Von María José Ferrada (geboren 1977 in Temuco, Chile) erschienen auf Deutsch bisher zwei Romane, Kramp und Der Plakatwächter (Berenberg Verlag 2021 und 2024), zwei Lyrikbände für Kinder sowie im letzten Jahr in Übersetzung von Silke Kleemann der Gedichtband Da war Licht oder etwas Ähnliches wie Licht (Hagebutte Verlag), der für die Lyrik-Empfehlungsliste ausgewählt wurde. In 24 Fragmenten, begleitet von Schwarzweißaufnahmen des Illustrators Rodrigo Marín, entwirft Ferrada eine mythologische Szenerie. „Alle Geschichten beginnen in einem Wald“, so nimmt der Zyklus seinen Anfang, getragen von einem „Wir“, das sich einen Raum erschafft in Gemeinschaft mit Flora und Fauna, dazu einen Gott aus einem mit Hirschfell bezogenen Stück Holz. Das Wir beobachtet Zweige und Samen und fängt die Sprache des Waldes im Gesang ein: „Der Gesang / steigt / steigt / steigt / bis er ein Loch im Himmel öffnet“.
Sergio Ojeda Barías (geboren 1965 in Puerto Natales, Chile) ist Dichter und Universitätsdozent. Er promovierte in Literaturwissenschaft an der Universidad de Chile und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Bisher erschienen drei Gedichtbände, zuletzt Berlín (Mago Editores 2024), aus dem er an diesem Abend lesen wird. Darin entwirft er eine poetische Kartografie eines Lebens zwischen zwei Kontinenten: das Aufwachsen in Patagonien, die Gegenwart in Berlin, die Erinnerung an Santiago. In den Gedichten überlagern sich Straßen und Alleen, als wären sie an einem einzigen Ort, als würde „eine einzige Straße von Berlin-Mitte bis Ñuñoa“ führen. Die mentalen Koordinaten haben dabei durch den Tod des Vaters an Gültigkeit verloren; die bisherigen Landkarten sind nicht mehr aktuell, der Verlust hat sich in Körper und Landschaft gleichermaßen eingeschrieben.
Carlos Soto Román (geboren 1977 in Valparaíso, Chile) ist Dichter und Pharmazeut und lebt derzeit als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin. Die Geschichte der chilenischen Diktatur bildet in seinen Gedichtbänden, wie Chile Project [Re-Classified] (2013) und 11 (2017), ein zentrales Thema. Archivmaterial und Aufzeichnungen werden dabei poetisch aktiviert und zu einer Form der dokumentarischen Poesie verdichtet. So auch in Antuco (parasitenpresse 2025), das in Co-Autorschaft mit Carlos Cardani Parra entstand und in deutscher Übersetzung von Timo Berger vorliegt. Darin wird die Tragödie, die sich 2005 am Vulkan Antuco ereignete, in dokumentarisch-poetischer Form verarbeitet. Über 40 Soldaten in Ausbildung starben damals während eines Übungsmarsches durch den Schneesturm an Unterkühlung: „Der Befehl ist klar, präzis, einfach / Marschieren / Die Füße bewegen / Weiter vorangehen / Sich bewegen / Für das Leben oder den Tod“.
Die Veranstaltung wird spanisch-deutsch gedolmetscht. Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen
Die Veranstaltung ist Teil des Festivals Barrio | Bairro Berlin 2026, das gefördert wird aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds. Mit freundlicher Unterstützung durch das Chilenische Außenministerium, die Chilenische Botschaft in Deutschland und DIRAC
In Lesung & Gespräch: María José Ferrada, Sergio Ojeda Barías, Carlos Soto Román
Moderation: Silke Kleemann