An diesem Abend begegnen sich vier Schriftsteller:innen, die Wort und Bild auf ganz unterschiedliche Weise miteinander verbinden. Fotografie ist für sie nicht bloß ein Begleitmedium ihrer Texte, sondern ein eigenständiger künstlerischer Ausdruck, der ihr Schreiben beeinflusst und erweitert.
Dieter Gräf (geboren 1960 in Ludwigshafen) näherte sich der Fotografie nach eigenen Aussagen mit „Amateur Attitude“. Für ihn ist sie kein Medium, um sich „artistisch auszutoben“. Sie entwickelte vielmehr einen Sog, der ihn verblüffte und zu einem Misstrauen gegenüber den einzelnen Disziplinen führte. Gräf schreibt: „Nun bin ich kein richtiger Dichter mehr und kein richtiger Künstler“. Seit 2014 zeigt er seine Fotografien unter anderem in Stuttgart, Berlin und Peking. In seinen Büchern übernehmen Fotos im Zusammenspiel mit dem Text eine immer wichtigere Funktion. Der Kritiker Michael Braun sprach von einer „fotografischen Alltags-Ethnografie“ in der Nachfolge Rolf Dieter Brinkmanns; es sei eine Art meditative Poesie fast ohne Wörter, in stummen Lektionen über die Vergänglichkeit.
Paul Hutchinson (geboren 1987 in Berlin) studierte Fotokunst an der Central Saint Martins School of Arts and Design in London. Für ihn ist das Fotografieren eng mit einem gesteigerten Bewusstsein des „In-der-Welt-Seins“ verbunden, mit einer inneren Neugier den Dingen gegenüber, von der er sich leiten lässt. Zum Schreiben kam er später, nicht zuletzt, weil er das eigene Leben, die Kultur, aus der er kommt, in der zeitgenössischen Literatur nicht repräsentiert sah. In seinen Texten und fotografischen Arbeiten setzt er sich mit dem urbanen Leben auseinander, mit sozialer Mobilität und gesellschaftlichen Unterschieden. Immer wieder geht es um die Verbindung von Stadtraum, Natur und Poesie. Das Gemeinsame seiner Texte und Fotografien bestehe, so Hutchinson, in einer „bittersweeten Form der Artikulation“.
Der Dichter Björn Kuhligk (geboren 1975 in Berlin) trat erstmals mit der Serie Schöne Orte (2019) in der Öffentlichkeit als Fotograf in Erscheinung. Mit einem Smartphone begab er sich auf Streifzüge durch die Hauptstadt und dokumentierte ungewöhnliche Orte, schön und trist zugleich: Bowlingbahnen, Hinterhöfe und Häuserrückseiten. „Der Trotz der leeren Haltestelle. Die Einsamkeit der Mülltonnen“, wie die Kritikerin Barbara Weitzel befand. „Allzumenschliches ohne Mensch.“ Anfang der 2020er Jahre studierte Kuhligk dann an der Ostkreuzschule für Fotografie. Das Serienprinzip der Schönen Orte setzte er fort, unter anderem in Eislingen. In seinen Arbeiten, so beschreibt er es in einem Interview, verbinde er Präzision mit einem „Unterwegs-Sein“ im Material und „auf das Material zu“. Den Unterschied der beiden Disziplinen, Literatur und Fotografie, fasst er für seine eigene Arbeit so zusammen: „Als Fotograf arbeite ich konzeptuell, als Schriftsteller gebe ich mich hin.“
Im Werk der Dichterin Sabine Scho (geboren 1970 in Ochtrup) hat das Zusammenwirken von Wort und Bild im Laufe der Zeit eine immer größere Bedeutung gewonnen. Zuletzt etwa in dem literarisch-künstlerischen Projekt The Origin of Values 0 – Pantanal, das im Auftrag von Villa Aurora/Thomas Mann House entstand. Dazu kommt die Fahneninstallation Farbfolge, die 2022 an der Achterbahn „Spreeblitz“ zu sehen war. Dafür beobachtete Scho gemeinsam mit Matthias Holtmann die Veränderungen im Spreepark und übertrug das dokumentierte Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Natur in unterschiedliche künstlerische Formate, unter anderem in invertierte Farbfotografien. Das Ergebnis war eine „Ruderalfahneninstallation in Rummelfarben“, die von einer Lecture Performance begleitet wurde. In abgewandelter Form zog die Installation im Folgejahr zum Tassenkarussell im Spreepark um. Auch hier entstand ein Text, der im Rahmen einer szenischen Lesung vorgetragen wurde.
In Lesung & Gespräch: Dieter M. Gräf, Paul Hutchinson, Björn Kuhligk, Sabine Scho
Moderation: Tobias Lehmkuhl