In einer Doppelpremiere feiern wir an diesem Abend im Haus für Poesie die neuen Bände von Ricardo Domeneck und Ozan Zakariya Keskinkılıç, moderiert von Anna Julian Mendlik.
Ricardo Domeneck (geboren 1977 in Bebedouro, São Paulo, Brasilien) lebt seit 2002 in Berlin. Er veröffentlichte zehn Gedichtsammlungen und zwei Bände mit Kurzgeschichten in Brasilien und Portugal und wurde unter anderem mit dem renommierten Prêmio Jabuti und dem Prêmio Alphonsus de Guimaraens ausgezeichnet. Nach Körper: Ein Handbuch. (2019) erscheint im Verlagshaus Berlin unter dem Titel Die Sturheit der Lungen nun ein zweiter Auswahlband mit Gedichten aus den Jahren 2013 bis 2023 in deutscher Übersetzung von Odile Kennel.
Viele der Gedichte nähern sich der Herkunftsgeschichte und erkunden, wie das „Vorfahrengemetzel“ im eigenen Körper nach Wiedergutmachung sucht: „Unsere Arbeit ist es zu bekunden, dass die von jenseits der Meere / entführten Großeltern befreit werden sollen in unseren Körpern“. In einem Gedicht, das den analphabetischen Großeltern gewidmet ist, deren proletarischen Namen das Dichter-Ich, der „Enkel mit den zarten Händen“, ablegte, heißt es: „Kann dieses Gedicht / vielleicht Calendula sein / für deinen kaputten / Ambossrücken?“ Eine Aussprache mit dem Vater hingegen, der „seiner Sohnfrau / die Pest an den Hals / wünschen würde“, wüsste er von dessen Homosexualität, findet im „Brief an den Vater“, wie schon bei Kafka, nicht statt. Daneben enthält der Band aber auch Liebesgedichte, wie die „Oden für Maximin“ oder einen Trennungszyklus mit Zigaretten: „Ich habe angefangen zu rauchen, weil du rauchst / ich wollte auf keinen Fall länger / leben als du.“ Mit titelgebender „Sturheit der Lungen“ lässt sich das Ich dennoch nicht unterkriegen, ist es doch längst alphabetisiert im „Vokabular wachsender Verluste“.
Ozan Zakariya Keskinkılıç (geboren 1989 in Hessen) debütierte 2022 mit dem Gedichtband Prinzenbad im Elif Verlag, außerdem erschienen Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes (Verbrecher Verlag 2023) und im letzten Jahr sein Debütroman Hundesohn (Suhrkamp Verlag 2025), für den er mit dem ZDFaspekte-Literaturpreis und dem Max-Frisch-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Für den Gedichtzyklus „Abul Abbas – Elefantengeister“, der nun Eingang in seinen zweiten Gedichtband binde mich odysseus gleich an die ubahnstange (Elif Verlag 2026) gefunden hat, erhielt er den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis.
Abul Abbas, erster Elefant nördlich der Alpen, kam im Jahr 802 aus Bagdad nach Aachen, als völkerverbindendes Geschenk des Kalifen Hārūn ar-Raschīd an Kaiser Karl den Großen. In Keskinkılıçs Gedichten jedoch bleibt Abul Abbas nicht lang im öden Aachen bei Karl, dem „clankriminellen großfamilienpascha“, stattdessen taucht er ein in die queere Szene Berlins: „abul abbas ist nicht mehr. / der elefantenzirkus war gestern / i identify as katz, miaw“. Vielfach morphen die Figuren des Bands in immer neue Gestalten und erkunden ihr Begehren. Im „Club Pompeji“ treibt es allerlei mythologisches Personal miteinander, wie die Göttin Ischtar, die sich die Mähne kraulen lässt, die Schlangenkönigin Şahmaran, „meine schlangenschuppen auf deiner adamshaut“, oder Penthesilea und Achilles, die sich in BDSM probieren. Das Ich tanzt derweil mit Dionysos, säugt „schöne männer / an der brust wie wolfsjungen“, oder bindet sich, um den Sirenen zu entkommen, „odysseus gleich an die ubahnstange / wie an den mast auf offener see“.
In Lesung & Gespräch: Ricardo Domeneck, Ozan Zakariya Keskinkılıç
Moderation: Anna Julian Mendlik