Zwei Dichter:innen stellen an diesem Abend ihre Gedichtbände vor, die in den letzten Jahren in Tschechien erschienen sind, und sprechen mit Irina Bondas über Formen autobiografischen Schreibens, die jenseits der Confessional Poetry über das eigene Erleben hinausweisen.
Elena Pecenová (geboren 1994 in Pardubice, Tschechien) arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst und Sprache. Ihre ersten beiden Gedichtbände, erschienen 2022 und 2023, standen auf der Longlist des Jiří-Orten-Preises. An diesem Abend stellt sie ihren dritten Band vor, Jediný únor je opravdový Mesíc (Větrné mlýny 2026, „Nur der Februar ist ein echter Mond“), ein Langgedicht, in dem es um den Abschied von der verstorbenen Großmutter geht. Der Band ist Pecenovás eigener Großmutter gewidmet, und doch geht es hier nicht allein um individuelle Trauer, sondern um eine allgemeingültige Verlusterfahrung. Das Langgedicht liest sich wie ein motivisch verdichteter Übergangsritus. Es beginnt mit der Großmutter, die fünfzig Jahre lang in einem Heizkraftwerk im Polabí arbeitete und an deren Sterbebett das Ich sitzt, während immer wieder die Heizungen knacken, der Regen trommelt, die Himmelskörper sich bewegen. In der zweiten Hälfte des Bands, nach dem Tod der Großmutter, nehmen die Gefühle und Erinnerungen eine neue Form an, sie erstarren zu Exponaten im Museum, werden in einen Katalog eingetragen, hinter Glas gesetzt. Wie schon der Titel andeutet – das tschechische Wort „Měsíc“ bedeutet sowohl Monat als auch Mond – werden kalendarische und kosmische Zeit hier miteinander verschränkt. Als würde ein Dialog zwischen den Generationen fortgeführt, der das individuelle Bewusstsein übersteigt und in dem die Worte „erst kurz vor dem Einschlafen beginnen, einen Sinn zu ergeben“.
Iryna Zahladko (geboren 1986 in Lutsk, Ukraine) lebt seit 2019 in Prag und veröff entlichte zwei Gedichtbände auf Ukrainisch, einen auf Polnisch und drei auf Tschechisch. Im Jahr 2017 wurde Zahladko mit dem Smoloskyp-Preis, einem der wichtigsten ukrainischen Literaturpreise für junge Autor:innen, ausgezeichnet. Für den Band Jak se lícit v nemoci (Bílý Vigvam 2024), der in diesem Jahr in deutscher Übersetzung von Martina Lisa unter dem Titel Wie sich in Krankheit schminken (Wortpalast Verlag) erscheint, erhielt Zahladko den Cena literární kritiky, den Preis der tschechischen Literaturkritik für Lyrik. Der Band besteht aus chronologischen Tagebucheinträgen und Gedichten, die im Laufe des Jahres 2022 entstanden sind, als „aus der Liste der Dinge, die ich fürchtete“ eine „Liste der Dinge, die passiert sind“ wurde: eine Krebserkrankung und der Angriff skrieg Russlands gegen die Ukraine. Beides, Krankheit und Krieg, wird beschrieben als zerstörerisch und bedrohlich. Alles kann jederzeit – „BOOM!“ – zusammenbrechen, was jeden Versuch des ästhetischen Einhegens, sei es durch Schminken oder im Gedicht, ad absurdum führt. „Ich wandere durch meinen Körper wie durch eine Landschaft / überall ist Kriegsgebiet“, heißt es einmal. Da sind zwanzig Zentimeter lange Narben wie zerstörte Eisenbahnlinien, zerstochene Venen wie Einschusslöcher und „die vier frischesten Stiche / wie vierhundert Plattenbauten einer zerbombten Stadt“. Die Gedichte werden so zum Tagebuch einer Bedrohung, die den individuellen Körper und die Welt zugleich betrifft.
Die Veranstaltung wird tschechisch-deutsch gedolmetscht.
In Zusammenarbeit mit der Mährischen Landesbibliothek und dem Asociace spisovatelu (Verband der Schriftsteller) im Rahmen des Gastlandauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026
In Lesung & Gespräch: Elena Pecenová, Iryna Zahladko
Moderation: Irina Bondas