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Lücken lassen atmen – Lesung & Live-Zeichnung mit Tristan Marquardt, Andreas Töpfer & Clara Cosima Wolff

Donnerstag, 12. November 2026

19:30 UHR

Veranstaltungsort

Haus für Poesie

Knaackstr. 97
10435 Berlin
http://www.hausfuerpoesie.org

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Details

Gleich zwei neue kookbooks-Bände feiern an diesem Abend ihre Berliner Premiere im Haus für Poesie: handreichung von Clara Cosima Wolff (geboren 1993 in Hagen) und katalog der kataloge von Tristan Marquardt (geboren 1987 in Göttingen) und Andreas Töpfer (geboren 1971 in Berlin).

„Handreichung“ beschreibt Clara Cosima Wolff als „Bewegung, Näheversuch von Körper zu Körper“: eine Form zwischen menschlicher Fürsorge vielleicht, etwas, an dem man sich festhalten, das Dinge handhabbar machen kann. Es geht um Demenzerkrankung, weiblich erlernte „furchtnetzwerke“, die sich „wie nager / durchs hirn“ ziehen und Care-Arbeit in „kümmer umkehr“. „Welche Form hält?“ zieht sich als Frage durch den gesamten Band, der aus fünf mit Kabelbindern verknüpften Heften besteht und sich in vielerlei Formen ausprobiert: Listen- und Anagrammgedichte, Anamneseberichte und Protokolle finden sich ebenso wie gehirntrainierende Kreuzworträtsel. Welche Form kann bewahren und gleichzeitig genug Raum lassen, was ist „ein zu viel ein zu wenig des erinnerns des vergessens“. Vor ihrem Studium des Literarischen Schreibens in Hildesheim studierte Wolff Psychologie. Ihre Sprache bewegt sich zwischen Reduktion und Fachsprachlichkeit einerseits und semantischer wie syntaktischer Offenheit andererseits. In einem Gedicht collagiert sie Diagnoseberichte von Demenzerkrankten, um der kontrollierten, aufoktroyierten Sprache des Gutachtens die „demenz- eigenen Sprechweisen“ entgegenzusetzen, die vielleicht, so Wolff, dem dichterischen Denken in ihrem verschobenen Deuten von Zeichen gar nicht so fremd sind. Selbstdiagnose (vielleicht Poetik?) der Dichterin: „versdiagnose sprunghaftes denken meint gekappte pfade partikelpoetin mein kleb an lücke“.

Mehr als ein Jahrzehnt ist der katalog der kataloge gewachsen: zu einem Doppelbuch mit Lyrik von Tristan Marquardt und Zeichnungen von Andreas Töpfer; zwei Hälften eines Buchs, bei denen es sich vielleicht (siehe „auszüge eines hälftenkatalogs“) um zwei „nennhälften“ handelt, die nämlich vorliegen, „wenn etwas ganzes zum teil eines größeren ganzen erklärt wird“. Weitere mögliche Arten von Hälften wären laut Katalog die „exakte halbhälfte“ oder die „kipphälfte“. Hier wird bereits die poetische Spielart der Kataloge deutlich, die in Marquardts ersten beiden kookbooks-Bänden, das amortisiert sich nicht (2013) und scrollen in tiefsee (2018), ihren Anfang nahmen und hier erstmals in großer Form zusammenkommen. Darunter Kataloge augenscheinlicher Begriffe wie Tunnel, Schatten und Licht, aber auch weniger fassbarer Konzepte wie Freundschaft und Ängste, Formen von Lügen und Formen von Liebe oder „alltagstauglicher, aber im alltag kaum gebräuchlicher zusammengesetzter substantive“. Der Hinweis, es handele sich dabei lediglich um „Auszüge“ aus Katalogen, lädt ein zum eigenen Weiterspinnen. Hier geht es weniger um wissenschaftliche Vollständigkeit als um genaues Hinschauen und Nachdenken, um Erkenntnisgewinn durch poetisches Um-die-Ecke-Denken. Töpfers Illustrationen nehmen dabei ihren Ausgang im Katalogtext, entwickeln jedoch, ganz im Sinne des Katalogs, selbst wiederum eigene Spielweisen.

 

Lesung, Gespräch & Live-Zeichnung Tristan Marquardt, Andreas Töpfer, Clara Cosima Wolff
Moderation Karolina Golimowska

Veranstalter