Joachim Sartorius (geboren 1946 in Fürth) ist ein bedeutender Literaturvermittler, Essayist und Übersetzer (unter anderem von John Ashbery, Wallace Stevens und E. E. Cummings). Als Anthologist setzte er Maßstäbe mit dem 1995 veröffentlichten Atlas der neuen Poesie und 19 Jahre später mit Niemals eine Atempause. Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert.
An diesem Abend jedoch geht es um sein umfangreiches dichterisches Schaffen. Er debütierte Ende der 80er Jahre mit Sage ich zu wem. Mittlerweile liegen insgesamt neun Bände vor. Der jüngste, Die besseren Nächte, erschien Anfang dieses Jahres bei Kiepenheuer & Witsch.
Sartorius ist Kosmopolit dem Anspruch und der Neigung nach. Er ist in der Welt überall so sehr zu Hause, dass er wie kein Zweiter die Fremdheit beschreiben kann. Für den großen Adonis klingen seine Verse „wie ein Abgesang auf alles“. Cees Nooteboom bezeichnete ihn als eine Art „Raumfahrer“ und fühlte sich durch seine Physiognomie ausgerechnet an die Kommandokapsel des Apollo- Raumfahrzeugs erinnert. Eine auf den ersten Blick weit hergeholte Assoziation, die jedoch den Wesenskern eines rastlosen Dichters trifft, der die „ganze jenseits des Menschen vorhandene funkelnde Welt“ erfassen will. Er besitzt die Gelassenheit eines versierten Globetrotters, den es in die Nekropolen von Nizza und Paestum verschlägt, an die Meerenge von Messina oder an das Ufer des Arno bei Arezzo. Die Leser:innen erfahren einiges über die Farbe des Elfenbeins in Damaskus und werden über das Lügen der Palmen in Tunis aufgeklärt. Seine Gedichte enthalten kostbare Hinweise zum fachgerechten Verzehr von Austern („Mit dem Wasser trinkst du / die Schreie der Krabben“) und geben das Geheimnis preis, woran man einen fangfrischen Barsch erkennt (nicht etwa an den Augen, sondern an den Kiemen).
Sartorius ist aber nicht nur ein Sänger der üppigen Fernen, der mit den Fiakerpferden am Tigris genauso vertraut ist wie mit den Nashörnern auf der geplanten Bahnstrecke Kapstadt–Kairo. In Wahrheit ist er ein Sänger des Abschieds und der Vergänglichkeit. Er weiß: Die Zukunft hat „ein altes Herz“ und „die Uhren gehen sehr“. Und so folgt sein Blick dem späten Morgen „auf dem Handlauf der Treppe“ und dem Reif, der mit dem Schatten zur Mauer geht.
Am 22. November wird Joachim Sartorius mit dem Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik ausgezeichnet.
In Lesung & Gespräch Joachim Sartorius
Moderation Thomas Geiger