Visuelle Poesie boomt. Ihre Ausdrucksformen entfalten sich gegenwärtig zunehmend jenseits traditioneller Literaturinstitutionen: auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook, in Blogs, Online-Archiven und interdisziplinären Kunstportalen, in Zines, Chapbooks, Artbooks und Kleinverlagsstrukturen.
Als Sammelbegriff vereint Visuelle Poesie poetische Formen, in denen die visuelle Erscheinung von Sprache ein konstitutives Element der künstlerischen Aussage darstellt. Diese Definition bildet jedoch lediglich einen Ausgangspunkt. Tatsächlich umfasst Visuelle Poesie ein äußerst breites, historisch gewachsenes und gegenwärtig stark expandierendes Feld, dessen Vielfalt sich weder auf einzelne Verfahren noch auf klar umrissene Gattungen reduzieren lässt.
Diese Vielfalt zeigt sich in spontan entstehenden Netzwerken, in Popup-Ausstellungen und offenen Formaten, die sich oft temporär, situativ und kollektiv formieren. Es handelt sich um hochdynamische Szenen und Subszenen, die innerhalb der gegenwärtigen Lyriklandschaft eigene ästhetische, mediale und soziale Logiken entwickelt haben. Doch ihrer Vitalität und Reichweite zum Trotz wird Visuelle Poesie im literarischen Feuilleton und Kulturbetrieb nach wie vor meist als Randphänomen wahrgenommen. Dabei artikulieren sich in ihr einige der innovativsten, eigensinnigsten und gleichzeitig zugänglichsten Ausdrucksformen zeitgenössischer Poesie. Zu ihnen gehören Verfahren wie etwa Asemic Art, Blackout-Poetry, Calligramme, Collage, Cut-ups, Decollage, digitale Poesie, Gebärdenpoesie, Graffiti, Konkrete Poesie, Mail Art, Meme Poetry, Murals, Object Poetry, Bereiche der Performance Art, Stamp Art, Typewriting etc.
Seit Mai 2026 kuratiert der Autor und Veranstalter Erec Schumacher auf lyrikline.org, dem größten Online-Archiv für dichterische Stimmen und Gedichtübersetzungen, eine eigene Reihe Visuelle Poesie in all ihren Genres und Facetten. Der Abend widmet sich einer ersten Bilanz und dem Versuch, den Stellenwert von Visueller Poesie innerhalb der Lyrikszenen und des Literaturbetriebes zu beleuchten.
In Lesung & Gespräch Friedrich W. Block, Natalie Czech, Bettina Hutschek, Philipp Schönthaler
Moderation Erec Schumacher