Helga M. Novak (geboren 1935 in Berlin, gestorben 2013 in Rüdersdorf) ist neben Friederike Mayröcker und Elke Erb die bedeutendste deutschsprachige Dichterin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts. Der verwilderte Ton ihrer Gedichte war einzigartig, fand aber anders als der zuweilen privatistische Sound der Mayröcker, der allerorten zitiert und imitiert wird, kaum Nachahmer:innen.
Sie zählte zu denjenigen, die sich „seitwärts in die Büsche“ schlugen, ihr Pferd über „unfahrbare Wege“ lenkten und ihre „Trauben von einem anderen Stock“ nahmen. In dem Gedicht Bekenntnis schreibt sie, sie sitze an der kahlen Seite des Tisches, und tatsächlich sind genau aus dieser Erfahrung heraus ihre Zeilen gebaut. Der Text hebt an mit den Versen: „ich bin ostdeutsch das zieht sich hin / wie der Rauch an erloschenen Dochten“. In einem sehr viel späteren Gedicht heißt es, ihr wüchsen gleich Flügel nach Norden. Das sind die extremen Ausschläge einer Biographie der Abschiede und Ankünfte, eigentlich eine fortwährende Flucht aus unterschiedlichen Systemen, in die sie sich nicht fügen mochte: Da war zunächst die DDR, die sie gleich zweimal verließ, nachdem ihr anfänglicher Enthusiasmus über den Aufbau des Sozialismus verraucht war, dann immer wieder Island, Westdeutschland, Jugoslawien und Polen. Schließlich, am Ende ihres Lebens, ging sie zurück ins märkische Erkner, die Gegend „beim Wiesenmäander der vielarmigen Löcknitz“, wo sie bei ihren verhassten Adoptiveltern aufgewachsen war.
In der Zeit zwischen 1963 und 1997 entstanden acht Gedichtbände, Silvatica, der letzte und vielleicht schönste, führte die Leser:innen tief in die polnischen Wälder, zu den Tümpeln und Wurzeltellern, mitten hinein ins stumme „Lesen von Tritt und Geläuf“. Hinzu kamen drei Prosa-Bände einer, wie sie es nannte, „totalen Biografie“, die ihrer Zeit voraus waren, wie alles, was Novak schrieb. So hinterließ sie ein reiches vielgestaltiges Werk; ihre Gesammelten Gedichte umfassen an die 800 Seiten. Sie schrieb politische Gedichte, Liebesgedichte, Trinklieder und Elegien über Island, das Land, „wo Schwefel unter Gletschern siedet / angefüllt mit Sagas und Branntwein“. Die Kunst der Ballade führte sie – immer bereit, gegen die Gebote des Zeitgeistes zu verstoßen – auf einsame Höhen (einzig Brecht steht hier gleichrangig an ihrer Seite).
Was alle ihre Gedichte einzig macht, ist der brutal-sinnliche Zugriff ihrer Sprache, gleichgültig, ob sie nun „die gestapelte Hitze im Roggenschober“ beschreibt, die Roßwicke im Löschsandkasten oder die Milch der Ziegen, die in einem Kürbis „zu Schnee gerinnt“. Diese Sprache vermag es, dass ein unreifer Schwarm Lachse in „polternde Bäche“ einbiegt und dass Aale „in das ge waschene Bettzeug der Quellen“ zurückkehren. Novak besaß das einzigartige Talent, alles auf eine schlagende Formel zu bringen, die sich nah am Volksmund bewegt: „in einigen Fällen ist Dynamit der kürzeste Weg zum Licht“.
In Lesung & Gespräch Dagmara Kraus, Ursula Krechel, Michael Lentz
Moderation Steffen Popp