Zbigniew Herbert (geboren 1924 in Lwiw, Ukraine, gestorben 1998 in Warschau) zählt gemeinsam mit Czesław Miłosz und Wisława Szymborska zu den herausragenden Stimmen der polnischen Literatur im 20. Jahrhundert.
Er erfuhr die Verwerfungen innerhalb Europas am eigenen Leib, litt unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, erlebte, wie seine damals noch polnische Geburtsstadt an die Sowjetunion fiel, und war in der Nachkriegszeit, als er erste Schreibversuche zu veröffentlichen begann, stalinistischen Repressalien ausgeliefert. Später lebte er lange im Ausland, bevor er 1992, sechs Jahre vor seinem Tod, nach Polen zurückkehrte.
Herbert war ein Dichter der einfachen Fragen und der komplexen Antworten. Mit seiner listigen Sprache vermochte er es, „die Dinge aus ihrem königlichen Schweigen herauszuführen“. Er war ein Lakoniker, kein Dichter des Überschwangs und der Entfesselung. Sein Ton war trocken, konstatierend, niemals resignativ. Er sprach im Gestus des gelassenen Abwartens, zeigte sich aber nicht unbeteiligt, sondern war stets verstrickt, was sich insbesondere in seiner umbedingten Parteinahme für die Verlierer der Geschichte, die Erniedrigten und Beleidigten, zeigte. Alles, was er schrieb, war geschrieben mit einem Wissen um die gefährlichen Wörter, „die aus dem Ganzen gefallen sind“. Er wusste: „man muss geduldig träumen“, damit die Gewissheit ihren Anker werfen kann. Sein Misstrauen gegenüber „den Kunststücken der Phantasie“ war groß, es sei denn, sie würden sich eignen zu Werkzeugen des Mitgefühls. Er war nicht hoffnungslos, aber auch kein Optimist. In einem seiner Gedichte heißt es: „meine Seele verweigert den Trost des Wissens“.
Metaphern lagen ihm nicht, Langlebigkeit strebte er nicht an (wozu die Panzerschildkröte oder den Papagei überdauern?). Zwar reichte sein Repertoire der Stimmen vom römischen Kaiser Claudius bis hin zu Isadora Duncan, doch begnügte er sich mit dem minderen Part des Chronisten, der Nachrichten schickt aus einer belagerten Stadt oder „praktische Anleitungen für den Katastrophenfall“ gibt. Überhaupt machte er nie viel Aufhebens um sich, bewunderte er doch die Vollkommenheit des Kiesels, in dessen „steinernem Sinn“ er ein Ideal verkörpert sah. Herberts wichtigste Eigenschaft ist sein Humor, der insbesondere in Vergleichen aufblitzt, zum Beispiel, wenn er das redliche Aussehen eines Wasserpferds dem eines Kassierers gegenüberstellt, der sich über seinen Tee beugt.
Insgesamt entstanden zwischen 1956 und 1998 neun Gedichtbände. Herberts berühmteste künstlerische Erfindung ist ein gewisser Herr Cogito, dem der fünfte Gedichtband seinen Titel verdankt; ein treuer Begleiter, der dem Dichter bis zu dessen Tod nicht mehr von der Seite wich. Cogito, der über die „Ästhetik des Lärms“ sinnieren konnte und reges Interesse an den Grenzfällen „von Ethik und Rechnungswesen“ zeigte, war eine Weiterentwicklung und gleichzeitig ein radikaler Gegenentwurf zu Valérys Monsieur Teste. Während dieser das von allem Weltlichen unaffizierte Hirntier bleibt, ist jener mit hineingerissen in den Lauf der Dinge. Cogito sitzt allein „im Schatzhaus allen Unglücks“, in seinem Gesicht wirkt noch der „paläolithische Hunger und Horror“ nach, und vielleicht schlüge er sich sogar auf die Seite Gottes, wenn dieser dem Philosophen Spinoza befiehlt, die „rationale Furie“ zu beschwichtigen.
Die Veranstaltung wird polnisch-deutsch gedolmetscht.
Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Polnischen Institut Berlin
In Lesung & Gespräch Tadeusz Dąbrowski, Michael Krüger
Moderation Karolina Golimowska