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Gesänge an Berlin

Informationen

Literaturangabe:

Lichtenstein, Alfred
Gesammelte Gedichte. Auf Grund der handschriftlichen Gedichthefte Alfred Lichtensteins kritisch herausgegeben von Klaus Kanzog, Zürich 1988

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Gesänge an Berlin

Gesänge an Berlin

1.
O du Berlin, du bunter Stein, du Biest.
Du wirfst mich mit Laternen wie mit Kletten.
Ach, wenn man nachts durch deine Lichter fließt
Den Weibern nach, den seidenen, den fetten.

So taumelnd wird man von den Augenspielen.
Den Himmel süßt der kleine Mondbonbon.
Wenn schon die Tage auf die Türme fielen
Glüht noch der Kopf, ein roter Lampion.

2.
Bald muß ich dich verlassen, mein Berlin.
Muß wieder in die öden Städte ziehn.
Bald werde ich auf fernen Hügeln sitzen,
In dicke Wälder deinen Namen ritzen.

Leb wohl, Berlin mit deinen frechen Feuern,
Lebt wohl, ihr Straßen voll von Abenteuern.
Wer hat wie ich von euerm Schmerz gewußt,
Kaschemmen ihr, ich drück euch an die Brust.

3.
In Wiesen und in frommen Winden mögen
Friedliche heitere Menschen selig gleiten;
Wir aber morsch und längst vergiftet, lögen
Uns selbst was vor beim in die Himmel Schreiten.

In fremden Städten treib ich ohne Ruder,
Hohl sind die fremden Tage und wie Kreide.
Du mein Berlin, Du Opiumrausch, Du Luder.
Nur wer die Sehnsuch kennt, weiß, was ich leide.

[1914]

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