Hier finden Sie kurze Profile und die Inhaltsverzeichnisse wichtiger deutschsprachiger Literaturzeitschriften seit Januar 2015. Autoren und Beiträge sind mit unserem Autorenlexikon und der Deutschen Nationalbibliothek verlinkt. Quartalsweise bieten Literaturkritiker eine Umschau aktueller Ausgaben.

Die Rubrik ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Literaturfonds und des LCB. 

Zeitschriftenumschau

Sabine Scholl
Copyright: privat (Uta Tochtermann)

Sabine Scholl

Sabine Scholl lebte nach einem Studium der Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften an der Universität Wien, in Aveiro, Chicago, New York, Nagoya, wo sie an Universitäten lehrte. Nach ihrer Rückkehr in den deutschsprachigen Raum unterrichtete sie Literarisches Schreiben in Leipzig, Wien und Berlin, war Jurymitglied für den Internationalen Literaturpreis des HKW Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche literarische Arbeiten und Essays zur Literatur, zuletzt erschienen: „Nicht ganz dicht – Zu örtlichen Verschiebungen und Post-Literaturen“, Sonderzahl Verlag Wien, sowie der Roman „Die Füchsin spricht“, Secession Berlin. Im selben Verlag wird im Frühjahr 2018 Scholls neues Buch „Das Gesetz des Dschungels“ publiziert.

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Sabine Scholl

Zum Jahreswechsel las ich Literaturzeitschriften der jüngeren Generation, und mit Vergnügen, da sie erweiterte Konzepte verfolgen. Einerseits arbeiten sie, wie la mer gelée und STILL, sprachenübergreifend, öffnen sich in andere Medien. Andererseits erkunden sie, wie JENNY und Edit, eine Fülle literarischer Formen und Diskurse. Diese forschende Energie entspringt Redaktionen, die aus Autoren, Übersetzern, Literaturstudierenden bestehen und die - man kann es nicht oft genug betonen - nicht ausschließlich männlich besetzt sind. Bei eingeführten Literaturzeitschriften herrscht diesbezüglich oft Unausgewogenheit mit deutlichen Auswirkungen auf die Vielfalt.

Dafür ist bei la mer gelée - der Name eine Anspielung auf das Kafka-Zitat - bereits „la mer“ weiblich, genauso wie das Thema „maman“. Angesprochen werden mit der Zeitschrift deutsche, französische und zweisprachige Leser. In wechselseitig übersetzten Texten, Gesprächen und Zitaten wird „maman“ aus Sicht ihrer Nachkommen bearbeitet. Sie selbst kommt nicht zu Wort, außer in der berührenden Rede von Percevals Mutter, mit der sie ihren Sohn in die Welt schickt. Das schöne altfranzösische Original von Chrétien le Troyes wird der Übersetzung in modernes Französisch gegenübergestellt. Passenderweise rührt die Beziehung zur Mutter an frühe Phasen des Spracherwerbs, wie die poetischen Analysen des deutschen Mutterbilds von Yoko Tawada zeigen. Zweisprachigkeit bildet auch den Fokus von Georges-Arthur Goldschmidts Überlegungen. Der Autor und Übersetzer musste als jüdisches Kind aus Deutschland fliehen, um zu überleben und erfuhr, versteckt in Frankreich, die Landessprache als Sprache des Schutzes. So wurde er fähig das Deutsche von außen zu betrachten und gegen die Folie des Französischen abzugleichen. Goldschmidt betrachtet Sprache als Mutter aller Dinge und der darin verborgenen grausamen Geschichte. So meint er, dass das Unheil, das die Nazis verrichteten, in sprachlichen Formulierungen bereits vorgezeichnet war. Dieses Interview mit Goldschmidt bildet das Highlight des Heftes. Denn so spannend „maman“ in la mer gelée auch verhandelt wird, die Konzepte von Mutter und Sprache verlassen nie bereits vorgezeichnete Wege, während die grafische Aufmachung des Heftes doch Abwechslung suggeriert. So sind die Titel der Texte unauffällig klein und die Seitenzahlen stark vergrößert vertikal an den Innenseiten der Zeitschrift angebracht. Informationen zu den Autorinnen und Entstehungsdaten der Texte sucht man vergebens. Möglicherweise um den Lesefluss nicht zu unterbrechen und Übergänge zu erleichtern?

InSTILLwerden vor allem englische und deutsche Texte in Übersetzungen von Berlin und New York aus ediert. Hier ist die grafische Gestaltung ebenso ungewöhnlich, denn Original und Übersetzung werden in verschiedenen Schriften und Größen, verbunden mit einem umfangreichen Bildteil präsentiert. Meist handelt es sich um kürzere Texte, da Sprachkonzentrate vermutlich zeitgemäßer für kurze Aufmerksamkeitsspannen sind. So können beim Durchblättern die Übersetzungen mit dem Original gut verglichen werden. Als Faustregel könnte gelten: Je besser der Übersetzer als Dichter, desto reizvoller sind seine Lösungen, z.B., Ron Winkler, der für den Titel von Forrest Ganders Poem „Evaporation“ das schöne Wort „Verpuffung“ findet. Auch Donna Stoneciphers Mayröcker-Übertragung ist in ihrer Stimmigkeit ein Kunstwerk für sich. Bei Uljana Wolfs Texten, die eng an Klang und Rhythmus des Deutschen gehalten sind, bin ich vom Original derart fasziniert, dass mich die Tiefe der englischen Übersetzung nicht in demselben Masse einnehmen kann, obwohl diese sicherlich gelungen ist. Spannend, sich selbst beim Wahrnehmen von Sprache zu beobachten! STILL bietet neben dem gedruckten Heft eine gut gestaltete Online-Version, in der die Texte fast verführerischer zu lesen sind. Doch nicht alle Stücke der gedruckten Ausgabe sind im Netz verfügbar. Und nicht alle sind von gleicher Qualität.

Ziemlich einnehmend ist der äußere Anschein von JENNY, die von Studierenden der Sprachkunst Wien herausgegeben wird: Blaue Schrift, das Cover spielt mit verknülltem Hochglanzpapier, verschiedene Schriftgrößen, aufgeblasene Slogans, die im Gegensatz zu längeren Texten weiß auf blauem Grund gedruckt sind. Das Layout ist eindrucksvoll, die formale und sprachliche Vielgestaltigkeit deutlich, wie ein Motto in Angela Wiedermanns Poem zeigt: „DIES PIC, ODER TEXT, ODER COMMENT, ODER POST, ODER KLANG, ODER CODE, ODER GENRE, OR WHATEVER, IST BEZAUBERND SCHÖN“ und damit einen Bogen von den Ausdrucksmöglichkeiten, die Digital Natives zur Verfügung stehen und in die Literatur einführen, bis zurück zur klassischen Opernlibretto-Zeile schlägt.

Thordis Wolf widmet sich der Sprache der Browser, des Programmierens und der Realität einer Institution namens DARPA, die sich mit neuester Forschung für innovative militärische Lösungen beschäftigt. Die Tags allein machen Gruseln, da sie eine Wirklichkeit widerspiegeln, die weitgehend unbemerkt von uns stattfindet und die einem buchstäblich den Boden unter den Füssen wegzieht.

Witzig ist die Auseinandersetzung mit wahren und Fake News von Alexander Kappe gestaltet, deren Textfluss unterbrochen von einem pseudowissenschaftlichen Diagramm wird: Zwei miteinander kaum abgleichbare Aussagen, die die kriminalistische Suche nach der einzigen Wahrheit, um die es in diesem Text auch geht, ad absurdum führen.

Stilistisch anspruchsloser, aber thematisch anregend beschreibt Anna Marie Lehner die Anbahnung einer Freundschaft mit einem Geflüchteten, dem sie Deutsch beibringt. Dazu muss man wissen, dass in einem leeren Amtsgebäude neben dem Wiener Institut Geflüchtete untergebracht waren, Nachbarn der jungen Autoren sozusagen, die im Zuge eines Projekts aufgesucht wurden. Auch das Gedicht mit eingestreuten arabischen Schriftzeichen des jungen Deutsch-Iraners Damon K. Taleghani eröffnet der gegenwärtigen Literatur neue geographische Bezugspunkte. Alles in allem ein Heft mit viel Potential.

Das gilt ebenso für Edit, herausgegeben in Leipzig. Die aktuelle Nummer ist mit Abbildungen in Gold versehen, Grafiken und Fotos sind mit der Ordnung der Texte verzahnt und nicht in Bild- und Textteil getrennt, wie in STILL. Inhaltlich punktet Edit mit beachtenswerten Essays, die erfreulich oft weiblich konnotierte Themen verhandeln. Das beginnt mit der Philosophin Lilian Peter, die anhand des Topos der Diebin fest geklopfte Begriffe demontiert, indem sie ihren Hintergrund aufzeigt und jenseits der Differenz weiterdenkt. Auf diese Weise wird die Diffamierung des Weiblichen als Strategie der Macht verdeutlicht. Man lernt, staunt und lacht, z. B., über Sentenzen, wie „Wollstoffe sind Stoffe eines Wollens“. Auch Juliane Zöllners Abhandlung über Putzfrauen liefert einen Beweis für die Produktivität weiblicher Welterkenntnis. Im Nachwort entwirft sie ein Manifest „Kritischer Putzfrauen“, in dem es unter anderem heißt: „Das Talent einer Putzfrau besteht darin, extrem wenig zu wollen.“ Beide Autorinnen beharren auf gemeinhin abgewerteten Bereichen, um sodann analytisch vorzuführen, worauf diese Geringschätzung beruht.

Dazu passt hervorragend Kevin Vennemanns Beitrag, der in Resten persönlicher Kommunikation zwischen Hannah Arendt und Charlotte Beradt aus dem New Yorker Exil stöbert. Die zu Lebzeiten nicht recht erfolgte Anerkennung Beradts zeigt sich physisch im Fehlen von Dokumenten. Daher versucht Vennemann einzelne Sätze der spärlichen Nachrichten mit einer Art kommentierter Recherche zu erhellen. Eine vielversprechende Methode, um Material aus dieser für deutsche Intellektuelle schwierigen Zeit zu erschließen. Haarefärben und Schreibtischorganisieren, womit sich Beradt anfangs den Lebensunterhalt verdiente, wurde bislang von der Nachwelt gegenüber der gut dokumentierten Denk- und Vortragsarbeit Hanna Arendts zu gering geschätzt, als dass man sich damit literarisch oder wissenschaftlich beschäftigte. Auch Torsten Blume weist auf eine Leerstelle, wenn er das kaum aufgearbeitete Bemühen der Bauhaus-Bewegung um literarische Erneuerung erwähnt, angeblich gebe es dazu in Archiven noch genug Material. Danke übrigens für den Hinweis, dass die erneuerungswilligen Bauhaus-Männer über starke, künstlerisch selbstbewusste Frauen in ihrer Umgebung nicht etwa erfreut, sondern eher daran interessiert waren, deren Arbeit traditionell weiblichen Bereichen zuzuweisen oder gar zu löschen. Und womöglich ist der Ruf aus jener Zeit, Sprache als Medium zu reformieren, Kunst und Technik nicht als Gegensatz zu betrachten, heutzutage in Form von SMS, Twitter etc., mit der Verwendung von Wortkürzeln und visuellen Elementen längst Wirklichkeit.

Dazu gibt ein weiterer Schwerpunkt dieser Edit, die Auseinandersetzung der Literatur bzw. ihres Sprachmaterials mit neuen Medien Auskunft, wie das Interview mit dem Godfather of Conceptual Writing, Kenneth Goldsmith, über seine Arbeitsmethoden. Gregor Weichbrodt führt dazu Konzeptdichtung in Praxis vor, die einer Anweisung folgt, welche direkt aus Goldsmiths Lehrbuch zu Unkreativem Schreiben stammen könnte. Tobias M. Mölzer hingegen experimentiert mit Wirklichkeitsebenen und versucht anhand eines Lebens mit virtuellem Sex Schnittstellen zwischen Körper, Begehren und Technik aufzuschlüsseln. Außerdem findet sich im Heft eine Autotheorie Claudia Rankines zu Rassismus in den USA. All das ist erfrischend zu lesen; nur auf die vielen Bilder von nackten Frauen als Ornamenten hätte ich verzichten können.

Insgesamt entwirft diese neue Generation von Literaturzeitschriften mit ihren Ausgängen in andere Sprachen, Genres und Wirklichkeitsebenen ein bewegtes Zeitbild. Lob an die Herausgeber und Gestalter! Und in erster Linie den Autorinnen!