Elfriede Jelinek

© Renate von Mangoldt (1984)

Steckbrief

geboren am: 20.10.1946
geboren in: Mürzzuschlag/Steiermark

Vita

Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag (Steiermark) als Tochter von Friedrich und Olga Ilona Jelinek geboren. Jelineks Vater, der jüdischer Herkunft war, konnte im Zweiten Weltkrieg der nationalsozialistischen Verfolgung als Chemiker in kriegsdienlicher Forschung entkommen. Elfriede Jelinek wuchs in Wien auf und besuchte nach dem Kindergarten auch die Volkschule der katholischen Klosterschule Notre Dame de Sion. Danach wechselte sie auf das öffentlich-rechtliche Realgymnasium in der Albertgasse. Von frühester Kindheit an erhielt sie auf Betreiben der Mutter Ballett- und Musikunterricht (Klavier, Gitarre, Blockflöte, Geige und Bratsche).
1960 belegte sie am Wiener Konservatorium Klavier, Orgel, Blockflöte und Komposition. 1964 absolvierte Jelinek die Matura. Im gleichen Jahr erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch. Sie schrieb erste Gedichte sowie Kompositionen und inskribierte Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nach einigen Semestern brach sie das Studium ab. 1967 erschien der Lyrikband Lisas Schatten. 1968 verschlechterte sich der psychische Zustand Jelineks so sehr, dass sie das Haus für ein Jahr nicht mehr verlassen konnte. Sie stellte in diesem Jahr ihren ersten Roman bukolit fertig, der jedoch erst 1979 veröffentlicht wurde. 1969 starb Jelineks Vater in einer psychiatrischen Anstalt.
1970 erschien der Roman wir sind lockvögel baby! bei Rowohlt. 1971 schloss Jelinek am Wiener Konservatorium das Orgelstudium ab. 1972/73 lebte sie mit dem Schriftsteller Gert Loschütz in Berlin und Rom. Danach zog sie wieder nach Wien. 1974 trat sie der KPÖ bei, der sie bis 1991 angehörte. 1974 heiratete sie Gottfried Hüngsberg, der dem Kreis um Rainer Werner Fassbinder angehörte und als Informatiker in München arbeitet. Seit ihrer Heirat lebt Jelinek abwechselnd in Wien und München. 1975 erschien der Roman Die Liebhaberinnen, mit dem ihr der Durchbruch gelang. Von 1977 bis 1987 war sie Mitarbeiterin der feministischen Zeitschrift „Die schwarze Botin“. 1979 wurde Jelineks erster Theatertext Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte in Graz uraufgeführt. Weitere Theatertexte, die zunächst vor allem in Deutschland gespielt werden, folgten.
1983 erschien der Roman Die Klavierspielerin, der 2001 von Michael Haneke verfilmt wurde. Die Uraufführung des Theatertextes Burgtheater 1985 in Bonn provozierte in Österreich einen Skandal und begründete Jelineks Ruf als „Nestbeschmutzerin“. Mit dem Aufzeigen der Verstrickung Österreichs in den Nationalsozialismus, die Jelinek in Burgtheater am Beispiel einer angesehenen österreichischen Schauspieler-Dynastie vorführt, griff sie den bis dahin geltenden Opfermythos an, nach dem Österreich das erste Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands war. 1986 erhielt Jelinek als erste Frau den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. Ihre Dankesrede In den Waldheimen und auf den Haidern war auch ein Beitrag zur öffentlichen Diskussion über die Mittäterschaft Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus, die vor allem durch die Waldheim-Affäre 1986 ausgelöst wurde. Jelineks künstlerische Auseinandersetzung mit Sexualität führte Ende der achtziger Jahre zu weiteren Polemiken. So wurde Lust noch vor seinem Erscheinen 1989 als pornografischer Roman skandalisiert, wieder wurde dabei die Person Elfriede Jelinek in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerückt.
1994 fand die Uraufführung von Claus Peymanns Inszenierung von Raststätte am Wiener Akademietheater statt. 1995 erschien der Roman Die Kinder der Toten. Im gleichen Jahr veranlassten politische Angriffe vor allem der rechtsextremen FPÖ sowie persönliche Diffamierungen Jelinek, ihren Rückzug aus der österreichischen Öffentlichkeit bekannt zu geben. Die Uraufführung ihres Theatertextes Stecken, Stab und Stangl fand 1996 in Hamburg statt. 1998 erfolgte die Uraufführung von Ein Sportstück am Wiener Burgtheater in der Inszenierung von Einar Schleef. Im selben Jahr erhielt Jelinek den Georg-Büchner-Preis und war bei den Salzburger Festspielen als „Dichterin zu Gast“.
2000 wurde in Wien bei einer der regierungskritischen Demonstrationen der Theatertext Das Lebewohl uraufgeführt. Nach der Regierungsbildung von ÖVP und FPÖ im Jahr 2000 verhängte die Autorin ein Aufführungsverbot für ihre Stücke in Österreich, 2002 hob sie das Verbot wieder auf. Im Jahr 2000 starb Jelineks Mutter. Nach der Uraufführung von Das Werk im Jahr 2003 am Wiener Akademietheater, wurde Jelinek von der österreichischen Presse gefeiert. Die Uraufführung des Theatertextes Bambiland in der Inszenierung von Christoph Schlingensief erfolgte im Dezember 2003 am Wiener Burgtheater. 2004 wurde Elfriede Jelinek mit dem Literaturnobelpreis und weiteren internationalen Preisen ausgezeichnet. 2005 wurde der Theatertext Babel unter der Regie von Nicolas Stemann, mit dem Jelinek wie auch in Bambiland auf den Irakkrieg und die mediale Berichterstattung reagierte, am Wiener Akademietheater uraufgeführt. 2006 findet die Uraufführung des Theatertextes Ulrike Maria Stuart am Hamburger Thalia Theater statt. Sowohl vor als auch nach der Uraufführung des nicht in Druckform erschienenen Textes gab es Versuche von Bettina Röhl, der Tochter Ulrike Meinhofs sowie von Marlene Streeruwitz, die Uraufführung zu verhindern bzw. Teile davon verbieten zu lassen. 2007 und 2008 arbeitete Elfriede Jelinek an ihrem Internetroman Neid, der in Fortsetzungen ausschließlich auf ihrer Homepage (http://www.elfriedejelinek.com/) veröffentlicht wurde. Jelineks neuester Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel) soll Ende November 2008 an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Jossi Wieler uraufgeführt werden. Nicolas Stemann inszeniert den Text im April 2009 am Schauspiel Köln im Rahmen einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg (wo das Stück im Herbst 2009 Premiere hat).

http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com

Würdigung

1969 Preis des Lyrikwettbewerbs der Österreichischen Hochschülerschaft
1969 Preise der 20. Österreichischen Jugendkulturwoche Innsbruck für Lyrik und Prosa
1972/73 Österreichisches Staatsstipendium für Literatur
1978 Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim
1979 Drehbuchförderung des Bundesministers des Innern
1983 Würdigungspreis für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
1986 Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln
1987 Literaturpreis des Landes Steiermark
1989 Preis der Stadt Wien (Literatur)
1994 Walter Hasenclever-Preis der Stadt Aachen
1994 Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum
1996 Bremer Literaturpreis
1998 Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt
2000 „manuskripte“-Preis des Landes Steiermark
2002 Theaterpreis Berlin der Stiftung Preußische Seehandlung
2002 Mülheimer Dramatikerpreis
2002 Heinrich-Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf
2003 Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis des Pfalztheaters Kaiserslautern
2004 Lessing-Preis für Kritik der Lessing-Akademie Wolfenbüttel und der Braunschweiger STIFTUNG NORD/LB ÖFFENTLICHE
2004 Stig Dagerman-Preis der Stig Dagermangesellschaft (Schweden)
2004 Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst
2004 Mülheimer Dramatikerpreis
2004 Franz-Kafka-Literaturpreis
2004 Literaturnobelpreis

Aktuelles

"JeliNetz" - Online-Plattform (Wiki) zu Elfriede Jelineks Werken: www.univie.ac.at/jelinetz

Werk

Einträge im Register der Literaturzeitschriften

sonstige Werke

Das folgende Werkverzeichnis ist eine 2008 aktualisierte Kurzfassung des ersten Kapitels des Buches: Pia Janke: Werkverzeichnis Elfriede Jelinek. Unter Mitarbeit von Peter Clar, Heidemarie Farokhnia, Ute Huber, Stefanie Kaplan, Christoph Kepplinger, Christian Schenkermayr, Elisabeth Sezemsky, Natalie Swoboda. Wien: Edition Praesens 2004. Jelineks über 400 essayistische Texte sind in dieser Kurzfassung nicht enthalten.

Abkürzungen:
A: Abdruck
BA: Buchausgabe
ED: Erstdruck
EA: Erstaufführung
EV: Erstveröffentlichung
I: Inszenierung
ML: Musikalische Leitung
TB: Taschenbuchausgabe
UA: Uraufführung


LYRIK


Buchpublikationen:

Lisas Schatten
. München: Relief-Verlag-Eilers 1967 (= Der Viergroschenbogen Folge 76).  

o. T. Mit Linolschnitten von -ION. Wien: edition avantypidy 1967 (= &cetera 7).  

o. T. Mit Linolschnitten von Ernst Krötlinger. Wien: edition avantypidy 1967 (= &cetera 7).  

ende. gedichte 1966-1968
. mit fünf zeichnungen von martha jungwirth. Schwifting: Schwiftinger Galerie Verlag 1980.  

ende. gedichte aus 1966-1968
. mit holzschnitten von linde waber. gestaltung: hermann gail. Wien: david-presse 1991.  

ende. gedichte von 1966-1968
. München: Buch & medi@ GmbH 2000 (= Lyrikedition 2000).


Ausschließlich als Einzelgedichte abgedruckte Gedichte:

sweet sweet amaryllis. In: protokolle 1968, S. 68-69.  

spiel mit großvater
. In: protokolle 1968, S. 71-72.  

Wettlauf.
In: protokolle 1968, S. 72-74.  

unser motorrad.
In: literatur und kritik 32 (1969), S. 114-115.  

Die süße Sprache
. In: Irnberger, Harald (Hg): Betroffensein. Texte zu Kärnten im Herbst 1980. Klagenfurt/Celovec: Slowenisches Informationscenter/Slowenski informacijski center (SIC) 1980, S. 57-64.  

variationen über ein vorgegebenes thema. In: Eisendle, Helmut / Hoffer, Klaus: manuskripte. Für Alfred Kolleritsch 1981. Graz: Droschl 1981, S. 67.  

Das Nashorn.
In: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur 30 (1991), S. 185.  

Gedicht für das Projekt „Literaturhaus bringt Poesie in die Stadt“.
Gedruckt auf der Postkarte 5 des

Literaturport ID: 962