Friedrich Dieckmann

Steckbrief

geboren am: 25.5.1937
geboren in: Landsberg (Warthe)
lebt in: Berlin, Treptow

Kontakt: Moosdorfstr. 13, 12435 Berlin

Vita

D. ist in Dresden aufgewachsen und besuchte dort seit 1943 die Volks- bzw. Grundschule. 1951 übersiedelte er mit seinen Eltern nach Birkenwerder bei Berlin und besuchte die Oberschule in Oranienburg. Studienjahre führten ihn nach Leipzig  (Germanistik, Philosophie, zunächst bei Ernst Bloch, Physik); seit 1963 war er freischaffend als Kritiker und Essayist tätig, vor allem für die Zeitschriften Theater der Zeit und Sinn und Form. 1966 begann die Zusammenarbeit mit Karl von Appen, dem Chefbühnenbildner des Berliner Ensembles, aus der in den folgenden Jahren unter der Ägide der Deutschen Akademie der Künste der Band "Karl von Appens Bühnenbilder am Berliner Ensemble" hervorging, der nach lebhaften Genehmigungsquerelen 1971 im Henschelverlag erscheinen konnte; er war zugleich ein Buch über den Dramatiker Bertolt Brecht. 1972 berief Ruth Berghaus, die neue Intendantin des Berliner Ensembles, D. als Dramaturgen an diese Bühne, die  zu neuen Ufern szenischer Gestaltung aufbrach und sich neue dramatische Bereiche, namentlich unter den jüngeren DDR-Dramatikern, erschloß. D. war als Dramaturg u.a. an zwei Produktionen des Teams Tragelehn/Schleef beteiligt ("Katzgraben", "Fräulein Julie"); Strindbergs "Fräulein Julie" löste eine Krise aus, bei der zwei verschiedene Zensurinstanzen – die urheberrechtliche der Brecht-Erbin und die ideologische der SED – der neuen Leitung gravierend zusetzten. D. verließ das Theater auf eigenen Wunsch Ende September 1976, nachdem er noch an einer Nestroy-Inszenierung Karl von Appens, die Posse "Der Unbedeutende" betreffend, mitgearbeitet hatte. In seinem letzten B.E.-Jahr entstand in Zusammenarbeit mit Karl-Heinz Drescher, dem Hausgraphiker des Ensembles, der Band "Die Plakate des Berliner Ensembles", der erst in den 1990er Jahren erscheinen konnte.
    Wieder freischaffend und seit 1975 mit seiner Frau, Christine Dieckmann, und der Tochter Bianca in Berlin-Treptow wohnend, nahm D. seine literatur- und theaterkritische Arbeit wieder auf, seit 1980 auch in den Zeitschriften Neue Deutsche Literatur, Merkur und Neue Deutsche Hefte, die 1981 in zwei Teilen seinen von Sinn und Form abgelehnten Essay über Probleme des Kunstfortschritts veröffentlichten ("Die Glockenkurve und Aladins Wunderlampe"). Einladungen Wolfgang Wagners ermöglichten den Besuch der Bayreuther Festspiele, die D. schon Mitte der 1950er Jahre kennengelernt hatte; seine achtzig Seiten lange Besprechung des "Rings" von 1977 erschien 1979 in dem Band "Theaterbilder" (Henschelverlag). Zuvor war im Aufbau-Verlag der Essayband "Streifzüge" von ihm erschienen, u.a. mit Aufsätzen über "Fidelio" und den "Ring des Nibelungen" und einem "Diskurs über 'Fräulein Julie'". Die Disposition von Bühnenbildausstellungen führte D. nach Prag (Prager Quadriennale) und Bratislava, Stockholm und Venedig. Anfang der 1980er Jahre setzte eine Zusammenarbeit mit dem Buchverlag Der Morgen ein, dessen Cheflektor, Heinfried Henniger, mit D. bereits Mitte der 1960er Jahre als Redakteur des Sächsischen Tageblatts in Dresden zusammengearbeitet hatte. Im Morgen-Verlag erschien 1982 D.'s Buch über "Die Zauberflöte", das eine Verbindung von textkritischer Libretto-Edition mit der Publikation von Slevogts Illustrationen zu dieser Oper – den Radierungen mit allen ihren Entwurfsstadien – vorstellte, mit einem eingehenden Kommentar über "Radierungen zur 'Zauberflöte". Im Jahr darauf folgte die Mozart-Erzählung "Orpheus, eingeweiht".
    1983 erschien bei Reclam in Leipzig der Band "Richard Wagner in Venedig", der aus einem Dokumentarfilmprojekt hervorgegangen war und den Untertitel "Eine Collage" erhielt. Die hier zur Buchform erweiterte Einfügung zitierend-dokumentarischer Passagen in einen fortlaufenden Kommentartext hatte D. bereits in seiner zweiteiligen Besprechung der Tagebücher Thomas Manns 1933/1934 für die Zeitschrift Sinn und Form (1980) praktiziert, die Autor und Redaktion geharnischte Proteste der beamteten Geschichtswissenschaft der DDR eintrug. Wie sich nach 1990 herausstellte, war D. seit 1976 im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit, das die mit dem Autor, Adolf Dresen, vereinbarte Vervielfältigung der Dresenschen Schrift "Zur Kritik der Marxschen Ökonomie" in fünf Exemplaren als einen staatsfeindlichen Akt bewertet hatte. Es war die Zeit, da nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns die Publikation von Bahros "Die Alternative" in den Staats- und Parteiapparaten große Beunruhigung hervorgerufen hatte.
    1978 hatte D. mit der Arbeit an einer Schubert-Biographie begonnen, die erst 1996 in eine Buchveröffentlichung mündete. Aus einem Nachwortprojekt, das sich auf drei Don-Juan-Erzählungen der deutschen Literatur beziehen sollte, entwickelte sich mit Rückendeckung eines fühlsamen Lektors, Konrad Pauls in Weimar, der Band "Die Geschichte Don Giovannis / Werdegang eines erotischen Anarchisten", der die Entwicklung der Don-Juan-Gestalt von Tirso bis zu Mozart/da Ponte nachzeichnet. Er lag beim Aufbau-Verlag druckfertig vor, als D. 1989 die Einladung ans Wissenschaftskolleg in Berlin-West erhielt, deren Genehmigung die Behörden lange hinauszögerten. So kam es , daß D., der am 1. März dieses Jahres auf einen Vorschlag aus der Mitgliederversammlung in das Präsidium des PEN-Zentrums der DDR gewählt worden war, die deutsche demokratische Revolution als Pendler zwischen Ost- und West-Berlin erlebte. Eine intensive publizistische Tätigkeit setzte ein, deren Ergebnisse – Texte aus dem und über den Prozeß der deutschen Vereinigung – in eine Reihe von Essaybänden, vor allem in der edition suhrkamp, aber auch bem Berlin Verlag und bei Kiepenheuer/Leipzig, eingingen. Im Frühjahr 1990 war sein Band "Hilfsmittel wider die alternde Zeit"  bei Gustav Kiepenheuer in Leipzig unter der Ägide Jürgen Tellers erschienen, der einst an Ernst Blochs Seite in Leipzig gewirkt hatte. Mit ihm zusammen (Mitarbeit Elke Uhl) edierte D. 1994 eine Sammlung Blochscher Texte unter dem Titel "Viele Kammern im Welthaus". Von 1995 bis 2001 war D. als Autor dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verbunden.
    Die Zusammenarbeit mit dem Insel Verlag in Frankfurt am Main hatte 1989 mit der Übernahme seines Zauberflöten-Bandes von 1984 begonnen; 1992 erschien hier das Don-Giovanni-Buch, gefolgt von dem sich zu Schuberts 200. Geburtstag rundenden Buch "Franz Schubert / Eine Annäherung" und einer Sammlung von Essays zur deutschen Oper unter dem Titel "Gespaltene Welt und ein liebendes Paar". Auch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts blieb die Zusammenarbeit mit der Insel unter ihrem Leiter, Hans-Joachim Simm, fruchtbar. Ein Band mit Goethe-Kommentaren ("Geglückte Balance") wurde umrahmt von zwei biographischen Büchern über Friedrich Schiller, deren erstes den "jungen Mann Schiller", das zweite "Schillers Jahrhundertwende" galt, unter den Zitattiteln "Diesen Kuß der ganzen Welt!"  und "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume".
    Seine lyrischen Texte, die in den 1980er Jahren manchmal auch im Druck erschienen waren (so unter Christian Lösers Ägide in der Neuen Deutschen Literatur), sammelte D. 2009 in dem Band "Meldungen vom Tage / Lyrische Notizen". Im gleichen Jahr erschien der Band "Deutsche Daten oder Der lange Weg zum Frieden", der Essays zu den Hauptdaten der deutschen Nachkriegsgeschichte vereinigt, auch zum 17. Juni 1953, der hier erstmals in den Zusammenhang der Moskauer Machtkämpfe nach Stalins Tod gestellt wurde. Seit 2001 (so in: "Kann man Städte heilen?", Merkur Nr. 624) ist D. in mehreren Essays dem Problem architektonischer Iterationen nachgegangen, wie es sich in vielen kriegszerstörten deutschen Städten und besonders in Dresden und in Berlin darstellte; eine im Dezember 2011 in der Zeitschrift "Ideen" erschienene Studie heißt "Vom Schloß der Könige zum Forum der Republik". Er war 2001/2002 Mitglied der Internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlin.
    D. hat die Einheit der Künste auch von theoretischen Positionen bekräftigt, vor allem aber von einer induktiven Position betrieben, als ein Projekt konkreter Interpretation. Seinen Arbeiten zu Literatur, Musik, Theater und Architektur stehen nicht wenige Texte zur bildenden Kunst zur Seite, so zu dem graphischen Werk Horst Hussels, der auf eine ganz spezifische  Weise ein Gesamtkunstwerker ist, mit jener Offenheit, die die Voraussetzung von – Realismus ist. 

Würdigung

1975 Silberne Medaille der Prager Quadriennale (für "Karl von Appens Bühnenbilder am Berliner Ensemble")


1983 Henrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR


1983 Internationaler Kritikerpreis der Stadt Venedig (für "Richard Wagner in Venedig")


1993 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse


2001 Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung


2004 Dr phil.h.c. der Humboldt-Universität zu Berlin


2007 Verdienstorden des Freistaates Sachsen

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Vom Schloss der Könige zum Forum der Republik: Zum Problem der architektonischen Wiederaufführung

Theater der Zeit2015-03

Das Liebesverbot und die Revolution: Über Wagner

Insel Verlag2013-02-17
Essaysammlung

Schiller und der Frieden

Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt2011-08-09
Prosa

Meldungen vom Tage / Lyrische Notizen

Eulenspiegel Berlin2009

Geglückte Balance / Auf Goethe blickend

Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig2008
Essays

Orpheus, eingeweiht

Insel Verlag2005
Erzählung

Was ist deutsch? / Eine Nationalerkundung

Suhrkamp Frankfurt am Main2003
Essay

Die Freiheit ein Augenblick / Texte aus vier Jahrzehnten

Theater der Zeit / Literaturforum im Brecht-Haus Berlin2002

Gespaltene Welt und ein liebendes Paar / Oper als Gleichnis

Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig1999
Essay

Franz Schubert / Eine Annäherung

Insel Frankfurt am Main und Leipzig1996

Temperatursprung / Deutsche Verhältnisse

Suhrkamp Frankfurt am Main1995
Essay

Vom Einbringen / Vaterländische Beiträge

Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main1992

Glockenläuten und offene Fragen / Berichte und Diagnosen aus dem anderen Deutschland (edition suhrkamp)

Suhrkamp Frankfurt am Main1991

Hilfsmittel wider die alternde Zeit. Essays

Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar1990

Richard Wagner in Venedig / Eine Collage

Reclam Leipzig1983 und 1993

Theaterbilder / Studien und Berichte

Henschelverlag Berlin1979

Karl von Appens Bühnenbilder am Berliner Ensemble

Henschelverlag Berlin1971 und 1973
Prosa

Veröffentlichungen in Anthologien

Wer war Richard Strauss?: Neunzehn Antworten

Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig1999

Lesarten

Berlin und Weimar 1982 1982

Der Gärtner / Eine Monografie in Bildern

Edition Brusberg im Insel Verlag 1997

Einträge im Register der Literaturzeitschriften

Herausgeberschaften

Adolf Dresen: Der Einzelne und das Ganze / Zur Kritik der Marxschen Ökonomie

Berlin2012 Prosa

Ernst Bloch: Viele Kammern im Welthaus: Eine Auswahl aus dem Werk (edition suhrkamp)

Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main1994

Die Plakate des Berliner Ensembles 1949 - 1989

Europäische Verlagsanstalt Hamburg1992

August Jacob Liebeskind: Lulu oder Die Zauberflöte

Insel Frankfurt am Main und Leipzig1999

Büchner-Preis-Rede 1963: Mit einem Essay von Friedrich Dieckmann

Europäische Verlagsanstalt (eva) Hamburg1992

Die Zauberflöte / Max Slevogts Randzeichnungen zu Mozarts Handschrift, mit dem Text von Emanuel Schikaneder

Buchverlag Der Morgen / Insel Verlag Frankfurt am Main1984 und 1990

Lesungen auf Dichterlesen.net

Zuletzt durch Friedrich Dieckmann aktualisiert: 13.08.2015

Literaturport ID: 211