Hier finden Sie kurze Profile und die Inhaltsverzeichnisse wichtiger deutschsprachiger Literaturzeitschriften seit Januar 2015. Autoren und Beiträge sind mit unserem Autorenlexikon und der Deutschen Nationalbibliothek verlinkt. Quartalsweise bieten Literaturkritiker eine Umschau aktueller Ausgaben.

Die Rubrik ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Literaturfonds und des LCB. 

Zeitschriftenumschau

Katharina Knüppel
Copyright: Christoph Eberle

Katharina Knüppel

Katharina Knüppel studierte Komparatistik in Göttingen und Lausanne und absolvierte parallel ein Volontariat im Literarischen Zentrum Göttingen. Es folgte neben freier kuratorischer und redaktioneller Tätigkeit, u. a. für das Musikfestival LINIEN, den Kultursender arte und den Prestel Verlag, eine Promotion zu Samuel Becketts Spuren im 21. Jahrhundert (epodium, 2018) an der LMU München. Seit Mai 2016 gestaltet sie das Programm des Literaturbüros Freiburg mit, das im Oktober 2017 als Literaturhaus Freiburg neu eröffnete, dessen stellvertretende Leitung ihr seither obliegt. Daneben ist sie weiterhin als freie Lektorin und Übersetzerin tätig.

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Katharina Knüppel

Als Motiv dieser tour d'horizon durch die Frühjahrstitel der Literaturzeitschriften leihe ich mir bei Andreas Eschbach den Begriff der Expeditionstechnologie. Der gelernte Luft- und Raumfahrttechniker, heute erfolgreicher Science-Fiction-Autor, denkt in der jüngsten Ausgabe der Neuen Rundschau, die sich dem „Jenseits von Raum und Zeit“ widmet, über die Mondlandung nach. Eine Expedition, die, von Entdeckergeist und Möglichkeitssinn getrieben, das Gegenteil von Errungenschaften der Bequemlichkeitstechnologie verkörpert: Die Lust am Abenteuer des Fliegens vs. der Komfort beheizter Sitzkissen. In diesem Sinne sind Literaturzeitschriften Vehikel einer literarischen Expeditionstechnologie: eine Einladung zu Experiment und Entdeckung, ein Raum für die kleine Form und die lange Distanz.

Letztere meistert die Neue Rundschau mit einem sich fortschreibenden Kommentar zu „Moby Dick“und seit 2017 zudem mit einem Langzeitprojekt des Schriftstellers Thomas von Steinaecker, der pro Ausgabe ein unvollendetes Kunstwerk vorstellt. Den Startschuss zu dieser überaus lesenswerten Anthologie lieferte ein „Manifest des unabsichtlich unvollendeten Kunstwerks“, einzusehen auf www.hundertvierzehn.de, dem literarischen Online-Magazin des S. Fischer- Verlags. Am Ende steht ein Inventar hochtrabend gescheiterter Träume. Eine Liste, die – der Natur des Gegenstands gemäß – unvollständig ist und unvollendet bleiben wird. Während sie wächst, bietet von Steinaecker klug und kundig Einblicke in die Arbeitsweise und das Wesen von Autor*innen, Filmemacher*innen, Komponist*innen, in das Ringen, Hoffen und Bangen, in die Zufälle, die es braucht, damit das Unwahrscheinliche entsteht: ein Kunstwerk.

Diesmal beschäftigt ihn Karlheinz Stockhausens Zyklus „KLANG“, konzipiert als wahnwitzig überbordende Formelkomposition in der Nachfolge von „LICHT“, als „ein musikalischer Kosmos wie aus einem Samenkorn“. Welche Freiheit sich in der Formelhaftigkeit verbirgt, zeigt Stockhausens Idee für das Teilprojekt SCHRAB SCHRAP: „3 Frauen mit alten Blech-Waschbrettern um den Körper gebunden (ringsum, auch Arme Beine), schrabben nach Partitur eine durchkomponierte Musik, dazu rustikale Gesten, Bewegungen: viel Humor! Sehr intensiv!“ Wie gern hätte man das gehört und gesehen ...

 

Als Laudator kommt Thomas von Steinaecker in der jüngsten Allmende zu Wort, die sich, wie die Neue Rundschau der Phantastik, einem von Literaturkritik und -wissenschaft marginal beleuchteten Feld widmet: der Graphic Novel. 2017 brachte von Steinaecker bei Reprodukt Der Sommer ihres Lebens heraus, zusammen mit Zeichnerin Barbara Yelin (die wiederum in dieser Ausgabe von Stefanie Diekman für Irmina gewürdigt wird). Beschäftigt sich ein Großteil der Artikel mit Romanadaptionen als Comic und dem Vergnügen am Aufdecken intertextueller und intermedialer Bezüge – Don Quijote als Wutbürger, Mephisto als Life-Coach –, feiert von Steinaeckers Beitrag mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung an das Autoren- und Zeichnerteam Thomas Pletzinger und Tim Dinter eine originale Kollaboration – und damit eine Rarität. „Wie in ‚Blåvand‘ die präzisen, realistischen Zeichnungen genau den Ton der anspruchsvollen Vorlage treffen, ist bestechend. Und wie aufwendig recherchiert und dazu höchst aktuell der Plot angelegt ist, das ist ziemlich einzigartig in der deutschsprachigen Comiclandschaft.“ Angekündigt ist die Graphic Novel für 2020, das Warten verkürzen die anregenden Leseproben.

„Generell gilt, dass erzählerischer Anspruch ästhetischen Einfallsreichtum provoziert“, schreibt Andreas Platthaus, Literaturchef der FAZ in seiner Standortbestimmung zum Einstieg des Heftes. Als P.S. lenkt er auf den letzten Seiten den Blick auf Nora Krugs Familienalbum Heimat und damit auf ein gestalterisch und erzählerisch aufregendes Buchprojekt an den Rändern der Fiktion (Penguin, 2018).

 

„Die phantastische neunte Kunst“ des Comics spielt auch eine tragende Rolle im transmedialen Kosmos von Science-Fiction, Fantasy und Horror, den die Neue Rundschau ausleuchtet. Christian Endres stellt in einem Essay Höhepunkte der Geschichte des Mediums vor – von Watchmen und Batman über Dragonball und Hellboy bis zu Neil Gaimans hintersinnigem Sandman, der einen komplex gewobenen Erzählteppich aus Sagen, Literatur, Musik, Superhelden, Shakespeare und vielem mehr ausrollt.

Generell ist die Phantastik nach eigener Auskunft vorab ein neues Feld für die schon seit 1890 bestehende Zeitschrift, die wiederum für die Autor*innen dieser Ausgabe unbekanntes Terrain darstellt. Hier zeigen sich schon a priori feine Spannungen und Animositäten zwischen mimetischer und fantastischer, konventioneller und avantgardistischer Literatur, zwischen Abstraktion und Individualität, die auch viele der Essays grundieren.

Am interessantesten an der Phantastischen Literatur im 21. Jahrhundert erscheint das, was Herausgeber Hannes Riffel als „vehemente Auslotung von Möglichkeiten“ betitelt: Über „Worldbuilding“ entstehen auf großer Skala alternative Realitäten, die unsere Lebenswelt „für andere Ästhetiken, Existenz- oder Gesellschaftsentwürfe öffnen.“ Das meint für Ursula Le Guin, Grande Dame der Science-Fiction und Fantasy, Pionierin in Sachen queer-feministischer Perspektiven, wie für viele Kolleg*innen ein Hinausdenken über die kapitalistische und konsumistische Maschinerie sowie festgefahrene Gender- und Sozialstrukturen. Ob als utopischer Gegenentwurf wie bei Le Guin oder als dystopische Durchdeklination des worst case, wie ihn Anja Kümmel betrachtet: Als Sinnbild Amerikas unter Trump erkennt sie die erfolgreichen Fernseh-Adaptionen von The Handmaid's Tale und Vox, düstere Visionen der totalen Entmachtung von Frauen.

Lars Schmeink attestiert dem Genre, auf diese Weise die Komplexität einer undurchschaubar gewordenen globalisierten Welt über das individuelle Schicksal hinaus sichtbar zu machen – nämlich durch die greifbare Darstellung systemischer Unterdrückung und ihrer Konsequenzen. Der Preis für eine möglichst realistische Illusion alternativer Gesellschaftsentwürfe sei allerdings in den allermeisten Fällen stilistischer Konservatismus: „Literarizität im Sinne einer Sprache, die auf sich selbst verweist, ist in der Regel unerwünscht.“ Eine große Ausnahme stellt Helmut W. Pesch mit J. R. R. Tolkien vor, der Weltschöpfung als Sprachschöpfung betreibt und für den „Herr der Ringe“ nicht zuletzt einen Versuch in „linguistischer Ästhetik“ darstellt: „Die Erfindung von Sprachen ist die Grundlage. Die ‚Geschichten‘ wurden eher geschrieben, um eine Welt für die Sprache zu schaffen, als umgekehrt.“

Warum also das eine gegen das andere ausspielen? Die Behauptung, komplexe Sekundärwelten müssten auf sprachliche Virtuosität verzichten, hält mit Blick auf Romane von Dietmar Dath oder Erzählungen von Carmen Maria Machado (oder Ann Cottens Putztruppenweisheiten, als Ausblick auf ihren aktuellen Erzählband Lyophilia in der aktuellen Kolik abgedruckt) ebenso wenig stand wie Le Guins These, dass sich Fantasy „mehr als alle anderen Arten von Texten“ durch ein dem Genre inhärentes subversives Potential als Instrument des Widerstands eigne. Das beanspruchte hohe Maß an Eingeständnis von Ungewissheit, also die Fähigkeit zu Imagination und Zweifel, ist Vertreter*innen der hier als mimetisch definierten Literatur mitnichten abzusprechen.

 

Und so erstaunt es auf den zweiten Blick gar nicht, dass sich die Texte der Frühjahrsausgabe der Bella triste ganz ähnlichen thematischen und politischen Fragestellungen widmen wie die Beispiele der Phantastik, wenn auch von der Warte individuellen Erlebens und Wahrnehmens einzelner Figuren aus. So entwirft Kathrin Jira in Ohne Titel, 2047, Öl auf Leinwand ein reproduktionsmedizinisches Zukunftsszenario, Felix Schiller erforscht mit tolle Tools das Zeitalter des Transhumanismus und der Chatverlauf „Pizza Orlando“ von Clara Umbach und Nina Flaig zeigt in transmedialer Manier den Beginn einer Beziehung zwischen zwei Frauen.

Explizit politisch gerieren sich die Texte des Schreibkollektivs Nazis & Goldmund, Nadire Y. Biskins und Max Czolleks, der aus der Kulturakademie Tarabya Alternative Fakten über den Bosporus verkündet.

 

Den politischen Impetus, der diese Schreibversuche grundiert, überführt der Dramatiker Peter Turrini in der jüngsten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Kolik in seine Rede Nachrichten aus Österreich. Oder: Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher, gehalten anlässlich einer Republiksfeier des SPÖ-Parlamentsklubs. Als „Höllenfahrt in die Unmenschlichkeit“ beschreibt er die gegenwärtige systematische Kürzung der Rechte von Arbeiter*innen sowie der Unterstützung von Frauenvereinigungen und Flüchtlingsinitiativen, als „Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft“, der Österreich im Triumphzug kapitalistischer Ideologie in einen „partielle[n] Sklavenhalterstaat mit der höchsten Anzahl von Festspielen“ verwandelt. Angesichts dieser Entwicklungen plädiert der Autor mit Verve dafür, den inneren Widerstand nach außen zu kehren.

Leisere und doch gleichermaßen eindringliche Töne schlägt Ralph Dutli in seiner Dankesrede zum Erich-Fried-Preis 2018 an: Ausgehend von Emily Dickinsons Vers True poems flee konstruiert er Poesie als eine Fliehende, deren Fluchtbewegungen zu folgen den Organismus, das Denken, die Sinne belebe. Als nahe Verwandte von Flucht und Exil gilt sie ihm einerseits, weil so viele Werke der Weltliteratur der Feder von Emigrant*innen entstammen, die Zuflucht im „prekären Asyl der Schrift“ fanden. Andererseits ist die Poesie selbst eine Exilantin, „ein dauerndes Ausland und Anderswo“ – zumal in der fremdsprachigen Übertragung. Die Leserin lädt sie ein, sich durchfremden zu lassen von Sprache, ist so schließlich Einübung ins Exil, eine Schule der Demut. Nicht zuletzt hat man mit der Poesie „exquisite Schmuggelware“ an der Hand – man könnte auch sagen: eine beispielhafte Expeditionstechnologie.