Leselampe

2018 | KW 24

Buchempfehlung der Woche

von Janika Gelinek
Zusammen mit Sonja Longolius leitet sie seit 2018 das Literaturhaus Berlin.

Moische Kulbak
Die Selmenianer
(Roman); Aus dem Jiddischen übertragen und mit Anmerkungen versehen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme, Die Andere Bibliothek, Berlin 2017.

In Moishe Kulbaks zweibändigem Roman „Die Selmenianer“, 1931 und 1935 erstmals in Minsk erschienen, geht es um den riesigen jüdischen Clan der Selmenianer auf dem Rebsehof Anfang des letzten Jahrhunderts. Aber keine noch so redliche Inhaltsangabe könnte mit dem Witz, der Pointiertheit, dem ästhetischen und historischem Reichtum, der einem hier auf 400 Seiten entgegenfunkelt, mithalten. Wer ein Faible für Familienanekdoten und auch nur einen schrulligen Verwandten hat – und welche Leser hätten die nicht -, kommt überreich auf seine Kosten, und die vier fantastischen, einander in Hassliebe verbundenen Onkel Juhde, Onkel Itsche, Onkel Sische und Onkel Folje gebührt ein Platz ganz vorne zwischen den Familien der Weltliteratur. Denn es ist nicht zuletzt ein Roman aus Anekdoten und geflügelten Worten, wie es sie in über mehrere Generationen überlieferten Anspielungen und Codes in jeder Familie gibt – und die, wie alle Familienanekdoten, nur Sinn machen, wenn man den Zusammenhang kennt (hier also nicht zitiert werden sollen, um nicht ihren Zauber preiszugeben).

Zugleich erfüllt der Roman das große - bzw. für große Literatur eben kleine - Kunststück, beim Lesen Zeit und Raum vergessen zu machen. Denn kaum könnte sie einem hier und heute fremder sein, die längst versunkene Welt chassidischer Juden auf einem verfallenden Hof irgendwo in Weißrussland, die von der aufziehenden Moderne und der einziehenden Sowjetrealität schließlich buchstäblich zum Einsturz gebracht wird. Und doch erscheint sie in Moische Kulbaks hellen witzigen Dialogen und der das Buch auf unnachahmliche Weise durchziehenden zärtlichen Ironie so wirklich und lebendig, dass man nach der Lektüre Mühe hat, sich in der Gegenwart wieder zurecht zu finden (auch das eine der leichteren Übungen großer Literatur).

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