Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Thomas Hummitzsch

Thomas Hummitzsch, Jahrgang 1979, geboren in Meißen, aufgewachsen in Brandenburg, ist freiberuflicher Literatur- und Filmkritiker für Rolling Stone, Republik, der Freitag und andere Medien, moderiert Lesungen und Buchvorstellungen. Er ist Teil der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse, Mitglied der Stipendien-Jury beim Deutschen Übersetzerfonds und Juror für die revue-Bestenliste. Im Oktober 2025 wurde er „für sein unermüdliches, leidenschaftliches und wirkungsvolles Engagement“ für die Kunst der literarischen Übersetzung vom Verband deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ) mit der Übersetzerbarke 2025 ausgezeichnet. Unter www.intellectures.de betreibt er ein eigenes Kulturmagazin.

Ursula K. Le Guin
Immer nach Hause
Roman, Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Matthias Fersterer, Karen Nölle und Helmut W. Pesch, Carcosa Verlag, Berlin 2023.

„Die Leute in diesem Buch könnten einst lang, lang nach unserer Zeit in Nordkalifornien gelebt haben werden.“ Mit diesem sensationellen Satz beginnt Ursula K. Le Guins Opus Magnum Immer nach Hause, der wie kein anderer Roman unserer Zeit mit dem indigenen Amerika verbunden ist. Der Satz pulverisiert die lineare Zeitachse jeder herkömmlichen Erzählung. Er wirkt wie ein Kristall, in dem die ganze Idee dieses in einer ungewissen postapokalyptischen Zukunft spielenden Romans eingeschlossen ist. Dieser Satz baut eine zeitliche Doppelhelix, indem er die Annahme einer postapokalyptischen Zukunft zur Voraussetzung macht, um aus dieser Zukunft von der Vergangenheit einer indigenen Kultur zu erzählen.

Le Guins Solitär sprengt in der erzählerischen Nachbildung eines anthropologischen Berichts über das Volk der Kesh die erzählerischen, sprachlichen und imaginativen Grenzen. Der von Karen Nölle, Matthias Fersterer und Helmut W. Pesch fulminant übersetzte Tanz am Rande der Welt verwischt die Übergänge zwischen Dokumentation und Fiktion, Anthropologie und Literatur, Biografie und Werk.

„Mein Anliegen ist weder reaktionär noch konservativ, sondern schlicht subversiv“, schreibt Le Guin in ihrem Essay Ein nicht-euklidischer Blick auf Kalifornien. „Es scheint, als sei die utopische Phantasie ebenso wie der Kapitalismus, die Industriemoderne und die Weltbevölkerung in einer Einbahnzukunft gefangen, in der es nichts als Wachstum gibt. Alles, was ich hier herauszufinden versuche, ist, wie ich eine Kuh auf die Gleise schieben kann.“

Diesem Versuch, eine Kuh auf die Gleise zu schieben, wohnt man in Immer nach Hause bei, ohne dass man das jemals bildlich verstehen sollte. Le Guins bereits 1985 veröffentlichtes und nun endlich erstmals auf Deutsch vorliegendes Großwerk ist mit keinem anderen Roman der amerikanischen Gegenwartsliteratur vergleichbar. Um den Überlieferungen der indigenen Völker nahezukommen, hatte Le Guin alles verworfen, was allgemein mit der Great American Novel assoziiert wird, um genau diese endlich zu schreiben. Denn wirklich great an der amerikanischen Zivilisation war schon damals nur das, was längst vergangen und nur noch als museale Idee in Reservaten erhalten war.

Diese Idee aber lässt sie hier in einer längst vergangenen Zukunft hochleben. „Wer ist uns ferner, wer unerreichbarer, stummer – die Toten oder die Ungeborenen?“, fragt ihre Erzählerin Pandora schon auf den ersten Seiten von Immer nach Hause und gibt damit die leitende Frage für diesen Roman vor. Um ihn zu verfassen, ist Le Guin immer wieder an ihren Kindheitsort zurückgegangen. Im Napa Valley hatte die Familie ein eigenes Haus. Wochen und Monate hat die Autorin dort mit ihren Eltern Theodora und Alfred Kroeber verbracht, die als Anthropologen ihr Leben der Erforschung der indigenen nordamerikanischen Kulturen widmeten. Über Jahre kehrte Le Guin nach ihren großen Erfolgen mit Romanen wie „Die linke Hand der Dunkelheit, Das Wort für Welt ist Wald, Freie Geister oder dem ersten Teil der Erdsee-Trilogie dorthin zurück, um dem Flüstern der Steine zu lauschen, wie die grandiose Essayistin (auch das war Le Guin) später in Legenden für ein neues Land schrieb.

„Ich musste den Tieren, Vögeln, Pflanzen und Felsen lauschen, die Kojotenwörter, die Wachtelwörter, die Obsidianwörter, die Braunlehmwörter lernen“, heißt es da weiter, denn „vor uns haben hier Menschen gelebt, die diese Sprache verstanden“. Ein aufwendiger und nervenaufreibender Prozess, der eine Art Urvertrauen in die eigene Lernfähigkeit erforderte, wie Le Guin nie verheimlichte. „Ich lauschte, verstand nicht viel, aber hörte: wie die Legende aus dem Land emporwachsen muss wie eine Taleiche, leise durchs Land trotten muss wie ein Kojote, furchtbar gewieft sein muss wie das Wasser – wenn sie nicht zu sehen ist, ist sie auf dem Weg nach Hause.“

Den jede Lesegewohnheit unterlaufenden Roman, der aus diesem Lauschen hervorgegangen ist, liest man besser assoziativ. Das heißt, man kann sich von den Kapitelüberschriften leiten lassen, die einen magisch anziehen. Sorge, dabei etwas falsch zu machen, muss man nicht haben, hier gibt es keine lineare Erzählung, der man folgen müsste. Dafür erzählt aber alles, was sich irgendwie beseelt denken lässt. Le Guin lässt Tiere und Pflanzen sprechen, beschwört den Geist des Talvolks aus Wüstensand und Felssteinen, webt überlieferte Gesänge und Gedichte, Rituale und Glaubenslehre, Natur- und ethnografische Beobachtungen zu einem Stoff, den sie zu einem Beutel schnürt. Darin sind Erzählsteine, Symbole, Themen, Bilder und Berichte, die die Geschichte eines indigenen Volkes erzählen, das nach der Apokalypse in einem kommenden Napa Valley in Nord-Kalifornien lebt.

Und dieses Volk weiß mehr, als wir heute wissen wollen, weil es nicht nur das Wissen seiner Welt, sondern das Wissen aller vorangegangenen Welten für sich nutzt. In universellen Sätzen wie „Hass bricht aus, er geht um, er wird älter und fester und älter und fester, bis er jemanden so im Griff hat wie eine Faust, die einen Stock hält“ stößt man unvorbereitet auf unsere Gegenwart.

Erzählt wird diese postapokalyptische „Archäologie der Zukunft“ von einer indigenen Ich-Erzählerin, die im künftigen Tal Sprache, Gesänge und Bräuche für die heutigen Leser in einem längst vergangenen Gestern sammelt. Auf dem Grund der Büchse, die jene Pandora öffnet, „unter Krieg, Seuchen, Hungersnot, Völkermord und Fimbulwinter“, hofft sie, auf Raum und Zeit zu stoßen. Auf Zeit zur Vor- und Rückschau sowie Raum zur Umschau in der vergangenen, der gegenwärtigen und der kommenden Welt.

Le Guin konfrontiert uns wie kaum eine andere Autorin mit unserem Dasein und den Aufgaben, vor die es uns stellt. „Wir müssen lernen, so gut wir können, aber wir müssen uns stets bewusst sein, dass unser Wissen nicht den Kreis vollendet und die Lücke schließt. Denn sonst vergessen wir, dass das, was wir nicht wissen, grenzenlos bleibt, ohne Anfang und Ende, und dass das, was wir wissen, sein Bekanntsein mit dem teilen muss, was sich versagt.“

Bei keiner anderen Autorin kann man so derart gut lernen, die eigenen Annahmen über Bord zu werfen und Dinge neu zu betrachten. Lernen zu verlernen, das ist es, was die Lektüre von Le Guin immer wieder auslöst. Etwas Besseres kann man von einem Roman nicht erwarten, der in der Form auch seinem Titel mehr als gerecht wird und – unabhängig davon, wie er gelesen wird – irgendwie immer nach Hause führt.

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