Leselampe

2018 | KW 49

© Philippe Matsas

Buchempfehlung der Woche

von Ian de Toffoli
Romanschriftsteller, Kurzprosa- und Bühnenautor, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Herausgeber sowie Verleger des luxemburgischen Verlags Hydre Éditions .

Daniel Kehlmann
Tyll
(Roman), Rowohlt Verlag, Reinbek 2017

Man kennt Daniel Kehlmann vor allem deswegen, weil ... ja ist das nicht eben dieser Schriftsteller, der vor ein paar Jahren mal einen Roman nur in indirekter Rede verfasst hat?, was zur Folge hatte, dass die zwei Hauptfiguren, die großen Wissenschaftler Gauß und von Humboldt, dem Leser vor allem sehr ulkig erschienen.
In seinem letzten umfangreichen Roman, "Tyll", der das Leben des bekannten Narren, Sängers und Seiltänzers Tyll Ulenspiegel, hier als halb Dämon halb geistesgestörter Überlebenskünstler, in nicht chronologisch linear angelegten Kapiteln beschreibt, bleibt, auch ohne Gebrauch der indirekten Rede, eine ähnlich humorvolle Distanz zu den Großen dieser Welt eins der Hauptmerkmale des Buchs: Man trifft auf Könige und Grafen, auf Elisabeth Stuart (Tyll nennt sie Lis), die in einem verlotterten Haus in Den Haag wohnt und sich an ihre Tage erinnert, in denen sie den jungen Shakespeare auf der Bühne bewundern konnte, auf Athanasius Kircher, einen der größten Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts, der Zauberformeln murmelt auf der Suche nach einem Drachen (der dann schlussendlich auch erwähnt wird, nur um in einem Paragraphen friedlich und für immer einzuschlafen), auch sein Meister Tesimonde taucht auf, einer der Mitverantwortlichen des Gunpowder Plots, dessen Hauptbeschäftigung es ist, Hexer unter Folter zur Geständissen zu zwingen und sie dann zu hängen.
Immer wieder trifft Ulenspiegel auf bekannte historische Figuren, die er kurze Zeit begleitet, nicht ohne sie regelmäßig zu verspotten, und die auch vom Autoren mit demselben Spott beschrieben werden. "Tyll" ist ein Roman, der vor historisch recherchierten Situationen nur so strotzt, welche aber so verzerrt dargestellt werden, dass man das schelmische Grinsen des Autors bei der Arbeit förmlich durch die Seiten hindurchdringen spürt.

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