von María Cecilia Barbetta
María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren, wo sie die deutsche Schule besuchte und später auch Deutsch als Fremdsprache studierte. Mit einem DAAD-Stipendium kam sie 1996 nach Berlin und blieb. Im Jahr 2000 promovierte sie an der FU-Berlin in Germanistik. Seit 2005 ist sie freie Autorin. Ihr erster Roman, »Änderungsschneiderei Los Milagros« (S. Fischer Verlag, 2008), wurde unter anderem mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman über den Vorabend eines politischen Umsturzes, »Nachtleuchten« (S. Fischer Verlag, 2018), wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt, dem Chamisso-Preis/Hellerau und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Aktuell arbeitet die Autorin an ihrem dritten Roman.
Julio Cortázar
Bestiarium
Erzählungen., Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, EA 1980)
Literatur ist eine Reise ins Offene, behaupte ich beschwörerisch, sobald der sichere Hafen, der stolze Literaturport am Wannsee, hinter uns zurückweicht. Es liegt nun einmal an mir, dass wir Kurs auf Buenos Aires nehmen, die Stadt am sagenumwobenen Río de la Plata, in der Delia Mañara zu Hause ist, die Protagonistin aus meiner Lieblingserzählung von Julio Cortázar, dem argentinischen Schriftstellergott, von dem ich das meiste gelernt habe, was ich über Literatur zu wissen glaube.
Lassen Sie uns an Land gehen. Ich führe Sie zu Delia Mañara und in die Zeit zurück bis in die 1920er Jahre. Inzwischen hören auch Sie die bösen Zungen, die der blonden, jungen Heldin mit labiler Gesundheit und Trauerkleidung die Schuld am Tod ihrer ersten beiden Verlobten geben und sie in ein Netz aus Intrigen einspinnen. Bei Delia aber stößt das giftige Getuschel der Nachbarschaft auf taube Ohren. Auch nach dem Aufkreuzen des dritten Verehrers pflegt sie ihre Leidenschaft für die Herstellung außergewöhnlicher Desserts, Liköre und Pralinen. Die auserkorenen Kandidaten kommen in den Genuss der kreativen Gaben und dürfen ihre geheimen Zutaten erraten, am liebsten im Mondlicht, nachdem Delia am Flügel das Operettenstück Rose Marie oder ein wenig Schumann gespielt hat. Keinem der Umschmeichelten kommt in den Sinn, dass es andersherum sein könnte: dass sie es sind, die von Delia Mañara getestet werden. Cortázars Protagonistin bleibt ein Mysterium bis in die Schlussszene hinein, in der dem dritten Bräutigam eine Praline der besonderen Art dargereicht wird, eine kleine Kostprobe der großen Unbekannten, ein Vorgeschmack auf eine andere Delia Mañara – die echte, womöglich, die allein der Titel der Erzählung evoziert: »Circe«.
Wir gehen der Spur in der Überschrift nach, blättern in der »Odyssee« bis zum zehnten Gesang, wo wir auf Circe treffen, Homers Zauberin, die Hetäre im Sinne einer Dialektik der Aufklärung, die ihre Besucher in Wölfe und Löwen sowie Odysseus’ Gefährten in Schweine verwandelt, sobald ein Gebräu die Männer ihre Heimat vergessen lässt.
Es bleibt Ihnen überlassen, die Auswirkungen dieser Relektüre auf Cortázars »Circe« herauszufinden. Ich habe mit voller Absicht kein Sterbenswort über den Gesamtrahmen verloren: das »Bestiarium« (so heißt Cortázars Erzählungsband) und seine Implikationen. Keinen Laut habe ich gesagt über die Tiere, die Delia gefügig sind, keinen über den Hund, der vor ihr zurückschreckt, keinen über die Schmetterlinge, die sich ihr aufs Haar setzen, keinen über das Kaninchen, das seinen Geist aushaucht, und auch keinen über das Fischlein, dessen Tod Delia auf den Tag genau prophezeit. Ich habe nichts verraten über das versteckte Anagramm im Namen Mañara (rückwärts und ohne M gelesen ergibt der Nachname das spanische Wort araña, was Spinne bedeutet; und mit diesen Achtbeinern – auch das habe ich nicht preisgegeben – hat Delia als Kind gespielt). Wie ein Grab habe ich geschwiegen über die Katze mit den Splittern in den Augen, über den Panzer der Kakerlake, die Stückchen von Beinchen und Flügeln ...
Nachträglich möchte ich lediglich erwähnen: Der Titel »Circe« ist die Pforte zu einer tieferen, facettenreichen Lesart. Als offenes Geheimnis vermag er Ungeheuerliches. Er birgt das Potenzial, das katholisch-bürgerliche Korsett der argentinischen Delia Mañara zu sprengen. Er ist der einzige Hinweis auf ihren mythologischen Ursprung, auf ihre göttliche Natur und ihr ewiges Leben. Lassen wir uns auf dieses Wagnis ein, gerät sogar meine Heimatstadt in Bewegung. Ähnlich wie Delia wird der Handlungsort zur Kippfigur. Das Buenos Aires der 1920er Jahre mutiert zum archaischen Schauplatz, zur Phantasmagorie, in der Realitäten sich im Hell-Dunkel überlagern, vorausgesetzt, Sie tappen nicht in die Falle, mir – der treuen Seele, die Sie auf Ihrer Überfahrt bis hierher begleitet hat – anzudichten, ich spinne! Lesen Sie selbst!
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