Leselampe

2020 | KW 12

© Ute Krienke

Buchempfehlung der Woche

von Alexander Graeff

Dr. phil., Schriftsteller und Philosoph; arbeitet auch als Herausgeber, Kurator und Dozent. Er ist Leiter des Programmbereichs Literatur in der Brotfabrik Berlin sowie Initiator der Lesereihen »Literatur in Weißensee« und »Schreiben gegen die Norm(en)?«. Gemeinsam mit der Designerin Anke Enders gibt er seit 2015 Outsider-Literatur in der Edition Paradogs heraus. In der Queer Media Society (QMS) engagiert er sich für mehr Sichtbarkeit queerer Biografien und Geschichten im Literaturbetrieb. Seine belletristischen Arbeiten (Prosa, Lyrik) sind mitunter surreal. Er scheut sich nicht vor literarischen Mischformen und transdisziplinärem Arbeiten.

Doris Anselm
Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie
(Roman), Luchterhand Literaturverlag, München 2019

Ich wurde gebeten, ein Herzensbuch zu empfehlen. Ich habe so viele Herzensbücher: Wolfgang Borcherts Hundeblume oder Djuna Barnes‘ Nachtgewächs oder der letzte, Fragment gebliebene Roman Der Garten Eden von Ernest Hemingway – übrigens ein überraschend queeres Buch. Das sind die All-Time-Favorites. 

Herzensbücher zeichnen sich für mich aber auch dadurch aus, dass sie mich in einer bestimmten Zeit, auf einer bestimmten Etappe meiner persönlichen und schriftstellerischen Entwicklung begleitet und diese nicht selten beeinflusst haben.

2019 war für mich das Jahr der queer-feministischen Neuerscheinungen. Selten erschienen so viele großartige und dringliche Bücher. Einige haben mich sehr bewegt und inspiriert. Isabelle Lehns Frühlingserwachen zum Beispiel wegen der radikalen Körperlichkeit, die das Buch behandelt, oder Miku Sophie Kühmels Kintsugi wegen der queeren Liebes- und Familienverhältnisse, die ganz selbstverständlich im Buch beschrieben werden, oder Dana von Suffrins Otto wegen des schwarzen Humors beim Umgang mit einem grantigen Patriarchen.
Was mich aber wirklich begeistert hat, waren die dreizehn Erzählungen von Doris Anselm, die in dem Buch Hautfreundin zusammengetragen wurden. Schon die Form ist grandios: alles, aber kein Romanstandard; vielmehr eine Erzählsammlung, eine Biografie – oder das gerade nicht. Es geht darin um Körper, um Sprache, um Sex, um Identitäten, um all das, was viele engagierte Bücher dieser Tage behandeln. Doris behandelt aber nichts, sie schreibt nicht über Körper, Sprache, Sex und Identitäten, sie schreibt die Körper, die Sprache, den Sex und die Identitäten. Durch die Lektüre habe ich viel über sogenannte männliche Körper gelernt; Körper, die ich nur allzu gut kenne, für deren seltsame Regungen ich aber oft keine Sprache zur Verfügung habe.
Dass es dabei nur um heterosexuellen Geschlechtsverkehr und nur um Männer und Frauen geht, ist diesem queeren Buch keinesfalls abträglich. Das sind bloß artifizielle Besonderheiten, die das Allgemeine, das Radikal-Offene in Doris' Schreiben bestätigen und gerade nicht verengen. Deshalb ist Hautfreundin mein momentanes Herzensbuch.

„Wer speziell ist, wird immer gezwungen, sich in Begriffe einzuordnen, und das heißt: über     sich nachzudenken. Ich mag Leute, die über sich nachgedacht haben.“ (Doris Anselm: Hautfreundin, S. 183.)

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