Leselampe

2020 | KW 26

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Buchempfehlung der Woche

von Sabine Haupt

Sabine Haupt ist eine schweizerisch-deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, die in der französischen Schweiz lebt. 2018 erschien ihr Roman Der blaue Faden. Pariser Dunkelziffern. 2021 erscheint ein neuer Roman mit dem Titel Zement

Ernst Augustin
Der Kopf
(Roman), C.H.Beck, München 2016 (EA 1962)

Es gibt Bücher, da weiß man Jahre später nicht mehr, ob man sie gelesen oder geträumt hat. So geht es mir auch mit den Romanen von Ernst Augustin (1927-2019). Besonders stark ist dieser halluzinatorische Leseeindruck bei seinem ersten Roman Der Kopf, erschienen 1962 bei Piper, seitdem mehrfach wiederaufgelegt, zuletzt bei C.H.Beck. 

Mit Köpfen kannte Ernst Augustin sich aus. Als Arzt und Psychiater arbeitete er an der Berliner Charité, in einem Krankenhaus in Afghanistan, später in München. Wenn ich sage, der Psychiater Augustin kannte sich mit Köpfen aus, dann meine ich vor allem, dass er sich in diesen Köpfen auskannte. Denn die Köpfe, in denen sich der Psychiater auskennt, werden für den Schriftsteller zu fantastischen Räumen, Labyrinthen, in denen keineswegs wirre, sondern höchst systematische, weil obsessive Gedanken, Assoziationen, Figuren, ganze in ihre eigene Logik verkapselte Welten kreisen und dabei einen traumartigen Sog der Befremdung entwickeln. 

In Der Kopf entspringen solche Kopf-Räume den Visionen des Protagonisten Türmann (der Name erinnert mich an Quines ontologisch-identitätsphilosophisches Paradox vom Glatzkopf im Türrahmen, „the possible bald man in the doorway“, mit dem der amerikanische Philosoph 1948 die naive Annahme einer natürlichen Selbstidentität ironisierte). Sie bilden die Schauplätze für die skurrilen Erlebnisse von Türmanns Alter Ego Asam. Asam aber ist – das erfährt die Leserin gleich am Anfang – eine Fiktion, eine Kopfgeburt Türmanns, genau wie Türmann die Kopfgeburt des Autors ist. Man kennt solche ineinander geschachtelten Erzählverfahren von Autoren wie Borges oder Calvino. 

Doch dass alle erzählten Geschehnisse sich nur im Kopf des paranoiden Türmann abspielen, der zu Beginn des Romans auf seinem Balkon steht und darüber nachdenkt, ob er einen der unten zufällig vorübergehenden Passanten (z.B. den hypothetischen Asam) mit einem Steinwurf töten soll oder nicht, spielt bald schon keine Rolle mehr. Denn der narrative Strudel, den Ernst Augustin mit seiner äußerst präzisen Sprache und stets leicht verzerrten, oft überraschenden oder komischen Innenperspektiven erzeugt, hat die Leserin längst schon gepackt und mitgerissen. Wie bei Augustins großen Vorbildern Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Nicolai Gogol und Franz Kafka aber auch bei anderen klassischen Architekten ironisch-fantastischer Innenwelten, entsteht dieser Sog aus einer Grenz- und Schwellensituation zwischen Alltagserfahrung und Traumgeschehen. 

Zunächst bewegt sich alles im Rahmen des Üblichen und empirisch Möglichen: Im ersten Kapitel des Romans versucht Asam, seine Verlobung zu lösen, dann stürzt das Haus ein und die Erzählung kehrt wieder zurück zu Türmann. Doch bald schon gelangt man in ein Labyrinth aus versteckten Türen, Treppen, Gängen und Fluren, die auf rätselhafte Weise miteinander verbunden sind als kämen sie aus einer Grafik von M. C. Escher. Es geht zu wie im Traum: Wände verschwinden, Fußböden öffnen sich, zwielichtige Gestalten tauchen auf, die über mysteriöse Vollmachten verfügen und Macht über andere ausüben. Von dort geht es im zweiten und dritten Teil des Romans – diesmal wieder mit Asam – in einen gigantischen, von der Außenwelt abgetrennten Keller, in dem absurde räumlich-soziale Verhältnisse und Gesetze herrschen, nach denen sich die Bewohner den knapp bemessenen Lebensraum untereinander aufteilen. 

Spätestens hier befinden wir uns beim Lesen mitten in einem gewaltigen Traum, in dem sich alles Surreale zu einer zweiten, grandios durchkomponierten Wirklichkeit verwandelt. Es gelingt Asam, sich aus dem unterirdischen Labyrinth zu befreien. Wieder an der Erdoberfläche beginnt eine ziellose Wanderung durch eine nahezu menschleere Einöde, dramaturgisch getaktet durch Begegnungen mit bizarren oder bedrohlichen Gestalten. Beim Lesen dachte ich immer wieder an Szenen von Alfred Kubin, Andrej Tarkowski oder Kōbō Abe. Doch keine Radierung von Kubin, keine Kulisse bei Tarkowski, keine Erzählung von Abe hat mich so fasziniert wie die Romane von Ernst Augustin. Und das liegt vermutlich auch an der Leichtigkeit seiner Ironie, an der Beweglichkeit seiner Sprache, der jede Form von Pathos vollkommen fremd ist. Lakonische Sätze wie „Die Landschaft stand leer herum“ sagen hier alles. Asams Reise endet schließlich auf einem turmähnlichen Felsen, auf dem er sich verschanzt und provisorisch einrichtet, bis dann am Ende des Romans wieder Türmann die Regie übernimmt. 

Ernst Augustins Roman ist vieles: eine Allegorie für schizophrene Paranoia, ein Märchen über die Verlorenheit der modernen Psyche, eine parodistische Robinsonade auf die anonyme Zersplitterung der Gesellschaft, ein furioses Spiel mit Innenwelten und Identitäten. Dass Ernst Augustin heute lange nicht so bekannt ist wie seine erfolgreichen Altersgenossen Martin Walser und Günter Grass oder Jüngere wie Peter Handke, der ihm im April 1966 bei dem legendären Treffen der Gruppe 47 in Princeton die Show stahl, nachdem Augustin dort am Vormittag einen hochgelobten Romanauszug vorgelesen hatte, ist gewiss kein Zufall: „Handke fiel über die Kritiker her und die haben sich auch heftig beschwert, aber damit wurde er der Star! Und von mir sprach kein Mensch mehr. Und mein großer Ruhm, der nur bis mittags ging, war beendet.“ (aus einem Interview von 2007). 

Schon damals war im medial gesteuerten Literaturbetrieb Polemik und Krawall offenbar zielführender als der virtuose und kreative Umgang mit der menschlichen Fantasie. Ein einziges Mal, 2012, schaffte es einer seiner Romane, Robinsons blaues Haus, auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ernst Augustin war ein „Writer’s Writer“, zu anspruchsvoll und zu komplex, zu versponnen, zu intellektuell fürs breite Publikum. Er selbst nahm seinen vergleichweise begrenzten Erfolg mit Gelassenheit. 

Sein literarisches Haus sei, so heißt es in Robinsons blaues Haus, ein „Geisterhaus, in dem es sich leben lässt, ein Haus des Inneren, in dem ich herumlaufe. Oder noch kürzer, offenbar bin ich dabei, in mich zu gehen“. Ein ganz „wesentliches Bauelement“ dafür sei für ihn das Labyrinth. In dessen Untergeschoss fließe ein „schwarzer Strom, schnell, glatt und lautlos wie ein Schlangenleib“. Ich finde, diese Allegorie des eigenen Schreibens liest sich wie ein fernes Echo zu seinem ersten Roman.

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