Leselampe

2020 | KW 41

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Buchempfehlung der Woche

von Rike Bolte

Rike Bolte, in Spanien und Deutschland sozialisiert, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und lehrt lateinamerikanische, spanische und frankophone Literaturen in Kolumbien. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin und Kuratorin des mobilen lateinamerikanischen Poesiefestivals Latinale sowie Übersetzerin aus dem Spanischen und Französischen. Für ihre Übersetzung von James Noëls Roman Belle Merveille („Was für ein Wunder“, Litradukt 2020) wurde sie mit dem Internationalen Literaturpreis des HKW ausgezeichnet. Sie leitet ein studentisches Forschungsprojekt zur aktuellen Dichtung Lateinamerikas und bereitet gerade ihren ersten spanischsprachigen Gedichtband für die Publikation in Kolumbien vor. Bald ist ihr mit Inti Gallardo gedrehter Poetryfilm Virus Dream zu sehen.

Luis Sepúlveda
Die Welt am Ende der Welt
(Roman); Aus dem Spanischen von Fritz-Rudolf Fries, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1992 (EA Original: 1989)

Dass ein Buch (subjektiv) wichtig wird, hat auch mit den Umständen zu tun, in denen es gelesen wurde. In die kontingente Welt, die ich auf-lese (weil es wie ein Aufsaugen ist), fließt ein, was um mich herum mit mir kommuniziert. Moby Dick zum Beispiel habe ich gelesen, während meine Umweltaugen in einer parallelen Aufmerksamkeit eine blaue Kulisse abfuhren, Meer und dunstigen Horizont. Das sprachliche Fahrtwasser des Buchs hatte mich gleichzeitig gepackt, von der ersten Zeile an, obwohl ich auf Englisch las. Die Navigation führt in diesem Roman des 19. Jahrhunderts zur überdimensionierten Ausgesetztheit, und zwar spätestens dann, als der Erzähler Ismael im hypnotischen Weiß des Wals, auf den Captain Ahab wie besessen Jagd macht, eine grausame Unfarbe sieht. Entdeckung, so liest man auch bei Hans Blumenberg Schiffbruch mit Zuschauer (1979), ist nämlich von einer gnadenlosen, und doch erhabenen Daseinsmetapher überschrieben: Untergang!

Als mir das über Moby Dick klar wurde, wusste ich nicht mehr, in welcher Sprache ich las. Erst als ich wieder an Land gespült war, beschlich mich ein eigenes Unbehagen, das jedoch weniger mit Menschensprache zu tun hatte. Der Wal war als Phantasma der Zerstörung durch das Buch gezogen, und das hatte mich mitgerissen, obgleich mich beim Anhören von Kate Bushs „Moving“ in deren Debütalbum The Kick inside (1978) bis heute die Walgesänge sirenengleich durch den übrigen Klangteppich ziehen, an Kate vorbei! Und obgleich ich in einer Reihe hartnäckiger Träume, als ich jung war, Wale gesichtet hatte, bis ich nach Patagonien fuhr, um sie unweit von Puerto Madryn mit den Flossen fächern zu sehen (und sie dann zwar aus den Träumen verschwanden, indes nicht von meiner inneren Bildwand). Ich brach also eine Lanze für Wale, war aber bei Melville mit auf Walfang gegangen.

Nun komme ich zu dem Buch, das ich für wichtig halte. Eine südamerikanische Antwort auf Moby Dick.

Es wurde vom chilenischen Autor Luis Sepúlveda verfasst. Sepúlvedas bekanntestes Werk ist der in annähernd 50 Sprachen übersetze Roman Un viejo que leía novelas de amor (Der Alte der Liebesromane las) – ein Plädoyer für die Erhaltung des Amazonas. Mehrfach aber hat Sepúlveda über Wale geschrieben, zuletzt im Jahr 2019. In Der weiße Wal erzählt seine Geschichte startet die Erzählung in der chilenischen Hafenstadt Puerto Montt und erteilt dann einem Wal selbst das Wort. Dass dieses Wort auch noch weise ist, ist sinnvoll, weil ein 9-99 jähriges Publikum ökosensibilisiert werden soll. Das Buch, von dem ich beeindruckt wurde, trägt den Titel Mundo del fin del mundo (Die Welt am Ende der Welt) und ist schon dreißig Jahre alt. Zu Beginn der Covid-19-Quarantäne las ich es noch einmal in Kolumbien –als ich meinen literarischen Hausstand rückwärts durchging. Ich las mit dem Blick auf den Río Magdalena, der im Jahr 2019 zum Rechtssubjekt erklärt worden war. Hinter dem Fluss stand das Naturschutzgebiet Isla de Salamanca im Rauch, weil es inmitten des sanitären Notstands keine Dringlichkeit gab, gegen Umweltstraftaten, in diesem Falle Brandstifter, vorzugehen.

In der Welt am Ende der Welt führte mich Sepúlvedas Ich-Erzähler erneut in seine Geschichte ein. „Nennt mich Ismael, nennt mich Ismael“, murmelt der Protagonist Mantra-gleich vor sich hin, während er am Hamburger Flughafen mit spärlichem Gepäck - Fotokamera, Notizbuch, einem Intertext: Bruce Chatwins Patagonien-Buch- eine Reise antritt. Nach über zwanzig Jahren außerhalb seines Heimatlandes will er schon länger zurück nach Chile. Nun bringt ihn die alarmierende Nachricht über eine Situation in der Magellanstraße an den biographischen Punkt zurück, an dem er, fast noch ein Kind, Moby Dick las und dann auf der ‚Estrella del Sur‘ anheuerte, um eine Welt der Fjorde und eisigen Fangarme zu durchschiffen, Tonnen von Kartoffeln pellend. Während er damals an der Seite des Kapitäns auf den Küstenverlauf starrt, hört er das erste Mal von Walen und Walfängern. Danach setzt er alles daran, selbst auf einem Walfänger mitfahren zu können, wo er jedoch paradoxerweise beigebracht bekommt, dass es an der Zeit sei, das Ende des Walfangs einzuläuten. Die, mit denen er unterwegs ist, sind bescheiden und weise.

In Die Welt am Ende der Welt ist diese Szene ein initialer Traum nur. Es folgt realerer Stoff, Stoff der späten 1980er Jahre. Der Erzähler ist mittlerweile freier Journalist in Deutschland und arbeitet vor allem zu umweltpolitischen Themen. In dem Büro, in dem er tätig ist, geht am 15. Juni 1988 ein Fax ein: der unter japanischer Flagge fahrende Walfänger Nishin Maru hat Besatzung verloren; die chilenischen Behörden haben die Berichterstattung über den Fall verboten. Bromuro, der zyklopenäugige Computer des Pressekollektivs, spuckt aus der Datenbank von Greenpeace Information aus. Und schon geht es los. Sepúlvedas Roman führt ins Herz des investigativen Journalismus (wobei er außerdem an die mutigen Hochseeschiffe von Greenpeace erinnert) und legt die Geschichte eines Menschen dar, der Chile und ‚sein Meer‘, das Meer des Südens, aus politischen Gründen verlassen musste, aber später Zeuge davon wird, wie Meeressäuger verfolgt werden.

Die weitere Entwicklung des Ökothrillers soll hier nicht verraten werden. Auch Die Welt vom Ende der Welt ist mitreißend geschrieben, äußerst lehrreich, lapidar und gleichzeitig sensibel in der Sprache. Sepúlveda verwendet die poetische, feminine Form der Bezeichnung des Meers: la mar. Zum Ende des zyklisch verfassten Romans, im Epilog, wird dieses Meer angerufen. Es schallt zurück – aus der Tiefe einer großen Muschel, die der Erzähler sich ans Ohr hält, als er sieht, wie auf dem Rückflug nach Hamburg ein Kind in Moby Dick vertieft ist. Ein mise en abyme und gleichzeitig der Punkt, an den Sepúlveda in seinem 2019 publizierten Wal-Buch anknüpfen wird. Hier trifft der Erzähler auf einen Jungen, mit dem er die Trauer um einen am Strand von Puerto Montt verendeten Pottwal teilt. Der Wal wird rituell dem Meer übergeben, der Junge reicht dem Erzähler eine Muschel. Dann beginnt der Wal zu erzählen.

Luis Sepúlveda ist im Frühjahr 2020 an den Folgen des Covid-19-Virus gestorben. Aus einer einfachen Familie stammend, arbeitete er für Salvador Allende, wurde unter Pinochet verhaftet, bis Amnesty International intervenierte. Er floh aus dem Hausarrest, gründete eine Theatergruppe in Valparaiso, wurde erneut festgenommen, weitere Interventionen konnten aus dem politischen Häftling einen Exilanten machen, erst in Lateinamerika, dann ab Beginn der 1980er Jahre in Deutschland. Er arbeitete als Lastwagenfahrer, als Journalist, für die Umweltbewegung, und fuhr bei Greenpeace im Rahmen der Walschutzaktionen mit. Die Welt am Ende der Welt (so verwandt mit Jonathan Franzens Essay Das Ende vom Ende der Welt!) ist Freunden des Autors gewidmet, der Rainbow Warrior, und Radio Ventisquero, dem Radio am Ende der Welt. In Zeiten, in den Ökotheoretiker*innen so viel davon sprechen, dass das Ende der Welt bereits stattgefunden hat, und Buckelwale (wie die New York Times im Februar 2019 berichtete), völlig verwirrt mitunter im Amazonasbecken stranden, sollte man dieses Buch noch einmal lesen. Und wenn alles schon zu spät scheint, dann sollte man es rückwärts lesen.

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2020

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