Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Mischa Mangel

Mischa Mangel, geboren 1986, lebt in Berlin und hat in Hildesheim Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus studiert, in Marseille Médiation Culturelle de l’Art und in Berlin Lehramt für die Fächer Deutsch und Französisch. Er war Finalist des Literaturpreises Prenzlauer Berg 2015 und unterrichtet Schreib- und Literaturdidaktik an der Freien Universität Berlin. Im März erscheint sein Debütroman Ein Spalt Luft bei Suhrkamp. 

Friederike Mayröcker
Requiem für Ernst Jandl
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001.

In Scharen von Ludmilla Regen .. wo ich schon 1x die Nacht betreten hatte,
vielmals diese Nacht betreten hatte, ich hatte es jahrelang in meinem Bewusstsein vorvollzogen


Es gibt wohl keinen Text, den ich besser im Ohr habe, als Friederike Mayröckers »will nicht mehr weiden«. Vor etwa zehn Jahren habe ich damit begonnen, mir die Hörfassung des BR in unregelmäßigen Abständen und wechselnden Positionen (im Bett liegend, joggend etc.) wieder und wieder anzuhören – und so passiert es ab und zu, dass mir während irgendeiner Alltagsverrichtung (Geschirrspülen z. B.) kurze Passagen unwillkürlich durch den Kopf gehen.

während 1 Amsel

das Lauthalse

Samuel Beckett, schwer und gefährlich

In »will nicht mehr weiden« kreist Mayröcker um den Tod ihres HAND- und HERZGEFÄHRTEN, ihres HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN Ernst Jandl. Magische Blätter sind es, um es mit einem ihrer Titel zu sagen, und sie speisen sich aus Alltagswahrnehmungen, Erinnerungen, Träumen, Zitaten usw. Für mich ist dies einer der berührendsten, dabei schönsten Texte, die ich kenne – die Zartheit, Brüchigkeit der Sprache, so als könnten die Worte unter dem Eindruck der Lektüre jeden Moment zu Staub zerfallen, fortwehen, und alle Seiten wären leer; ihre gleichzeitige Härte, felsig, wie Geröll; und, rätselhafte Erfahrung, wie die Sätze nahezu schwerelos von Zeile zu Zeile strömen (wie macht sie das?); reißend hinreißend die Bilder, ihr splittriges In-, Neben-, Nacheinander; das Herzzerreißende der Dinge.

Requiem für Ernst Jandl, der schmale Band, in dem sich »will nicht mehr weiden« findet, versammelt noch 6 weitere Texte von Friederike Mayröcker. Was will man mehr?

Ach Sternenzeug

Il pleut il pleut



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