Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von María Tellechea

María Graciela Tellechea, 1980 in Patagonien (Argentinien) geboren, wohnt und arbeitet in Buenos Aires. Sie ist literarische Übersetzerin und Dozentin an der Fakultät für Philosophie und Sprachen der Universität Buenos Aires. Sie übersetzte u.a. Werke von Jenny Erpenbeck, Gershom Scholem, Raphael Urweider und zuletzt den Roman Töchter von Lucy Fricke. Einblicke in ihr Übersetzen von Töchter sowie das ihrer Kolleginnen Sinéad Crowe (Übersetzung ins Englische) und Isabelle Liber (Übersetzung ins Französische) bietet das umfangreiche Toledo-Journal. 
 

Camila Sosa Villada
Im Park der prächtigen Schwestern
(Roman); Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp Nova, Berlin 2021.

Der Roman Im Park der prächtigen Schwestern [Las malas] handelt von der Verstörung durch die trans Existenz, dem Fest und dem Glück, das eigene Dasein zu behaupten, aber auch vom unvermeidbaren Schicksal sich prostituieren zu müssen, um überhaupt zu sein.

Ich möchte hier nicht die Handlung des Buches wiedergeben, sondern über das sprechen, was „verhandelt“ wird, d.h. darüber, was das Buch mit Leser·innen, aber auch mit unserer „Realität“ tut. Darüber, was es mit der Welt macht, in der jeder Mensch einer Kategorie zugeordnet ist, nummeriert verstanden werden kann und jede Sache in eine vorgegebene Ordnung gehört. Da ich nicht gern den Versuch einer Definition dessen, was wir Welt oder Realität nennen, wagen will – denn was dieses Buch auf jeden Fall unternimmt, ist, jeder vorgegebenen Definition zu entgehen – möchte ich mal die Behauptung aufstellen, dass dieser Roman in „diese Welt“ mit einer Kraft einbricht, die es unmöglich macht, dass sie daraufhin intakt bleibt. Seine Ich-Erzählerin stellt uns ihre Welt in all ihrer Pracht, aber auch Dunkelheit vor, eine Welt, die wir gar nicht sehen wollen, die wir verschmähen und ablehnen. Die Rede ist von der Welt der travestis [„trans Frauen“, die Schwestern im Buch], eine Welt, der nichts fehlt: dort kommen Himmel und Hölle, Mythologie und Religion, Ungerechtigkeit, Gewalt, jedoch auch Liebe und Schwesternschaft vor. Aber was passiert, wenn diese im Roman beschriebene Welt gerade eine ist, die nicht genannt und gezeigt werden darf, und wenn, dann, nur verachtet wird? Die Ich-Erzählerin selbst äußert dazu: „Mehrfach fragte sie mich in jener Nacht nach meinem Namen, sie schien ihn zu vergessen, kaum dass sie ihn ge­hört hatte, nichts Ungewöhnliches. Außer uns selbst nennt niemand uns beim Namen. Alle übrigen achten nicht da­rauf, wie wir heißen, sie haben einen Namen für uns alle: Schwuchteln“.

Das Wort „travesti“ – das Camila Sosa Villada unermüdlich durch den ganzen Roman in all seinen Formen benutzt – erweckt selbst im Spanischen „verschwommene“ Konnotationen und auf Deutsch gibt es keine direkte Entsprechung, zumindest nicht im Feminin und keine, die nicht als Beleidigung benutzt wird. Uns Spanischsprechende führt das Präfix „tra“ an mehrere Assoziationen heran: an das, was überwindet (die Existenz?), an das, was überschreitet (Grenzen?), was verwandelt (die Realität?) und sich verwandelt (sich selbst). Trotzdem kann man sich immer noch fragen (wahrscheinlich vergeblich), was eine travesti ist. Camila antwortet in ihrem Buch: „so eine wie ich, die ist schwer zu erklären“. Und ich wage zu behaupten: eine travesti ist eine Person, die zuallererst danach schreit, zu werden – was zu werden? Genannt, gesehen zu werden? Werden überhaupt – und Schluss. Und sie muss schreien – mit all ihrer Schrillheit, aber auch mit Wut –, weil dieser Schrei eben das ist, was sie ausmacht. Und bei diesem Werden des Seins gibt es immer zwei Seiten der Medaille: das Fest travesti zu sein und der Zwang, sich prostituieren zu müssen, um überhaupt zu sein. Die Ich-Erzählerin drückt das so aus: „(es) bleibt für mich rein gar nichts übrig. Nicht mal mein Körper, den ich verkaufe, um als Frau leben zu können.“ Aber es gibt etwas, das ihr tatsächlich übrig bleibt, etwas was jedem Menschen zusteht: „Die Sprache gehört mir. Ich habe ein Recht auf sie, ein Teil von ihr steht mir zu. Sie ist mir zugefallen, ich habe nicht danach gesucht, also gehört sie mir.“

Im Vorwort der argentinischen Ausgabe behauptet der Lektor: „Ehrlich gesagt, ist Las malas jene Art von Buch, von dem wir, sobald wir mit der Lektüre zu Ende sind, wollen, dass die ganze Welt es liest.“ Und er hat recht in seinem Urteil. Seitens der Tausenden von Leser·innen, die das Buch schon für sich gewonnen hat, hört man, dass es ein wirklich gut geschriebenes Buch ist, aber auch ein sehr heftiges. Schwer verdaulich sind die beschriebene Marginalität, Armut, Diskriminierung und Gewalt gegen Gruppen von trans Frauen in jeder Ecke Lateinamerikas. Aber dieser Roman ist auch die persönliche Geschichte der Autorin und jener Gruppe von travestis, die sich im Sarmiento Park in der Stadt Córdoba aufhielten, während einer der schlimmsten ökonomischen und sozialen Krisen im Jahr 2001, die Argentinien je erlebt hat. Es ist die Geschichte von der Tía Encarna – die „Mutter“ aller travestis, die Schutzheilige, die Amme, die Autoritäre, die Dogmatikerin – die Geschichte von allen, die ihr Haus immer besuchten, dem Haus der Verschwisterung der Waisenmädchen. Es ist die Geschichte des verlassenen Kindes, das die Tía Encarna im Dunkeln des Parks findet und zu sich bringt, um es nicht nur zu beschützen, sondern auch zu lieben. Es ist die Geschichte aller travestis, die „ein Sonnenuntergang ohne Sonnenbrille“ sind. Das Licht dieses Sonnenstrahls war es, was ich empfand, als ich das Buch ausgelesen hatte. Die Wahrnehmung eines Glimmens, auch eines Funkelns, das Bild eines Glanzes, dem man es nicht direkt ansehen kann, der aber durch seine bloße Existenz vom Leben zeugt oder besser gesagt von dem Wunsch, das Leben zu erschließen, jeden Tropfen von ihm zu trinken. Nicht umsonst nennen sie das verlassene Kind den „Glanz in den Augen“.

Jede Übersetzerin, die die Aufgabe übernimmt, Las malas zu übersetzen, weiß ganz genau, dass sie damit dazu beiträgt, Einweihungsworte für das Nennen und das Sichtbarmachen einer neuen noch unbekannten und fantastischen Welt einzuführen. Sie rückt an diese Welt heran, um ihr Stimme und Farbe zu geben.  Und die Stimme und Farbe, die Svenja Becker – die äußerst produktive Übersetzerin lateinamerikanischer Literatur – diesem Text gegeben hat, kann nicht anders sein als die des Zaubers.
Diesen Roman übersetzen zu lassen und ihn zu veröffentlichen, ist vor allem ein politischer, sozialer und poetischer Akt. Ihn zu lesen und auf ihn aufmerksam zu machen auch. Denn Zuschauer·innen, die diesen Akt miterleben, werden zweifellos erstmal durch ihn geblendet, um dann die wahre sie umgebene Welt klarer und empathischer zu sehen.

Zuletzt möchte in diesem Zusammenhang unbedingt noch eine Empfehlung für den chilenischem Film Una mujer fantástica aussprechen : https://www.youtube.com/watch?v=PJHex4ZitgA

Mehr Informationen