von Thoralf Czichon
Thoralf Czichon, geboren 2002 in Berlin, lebt und studiert in Wien und arbeitet in einer kleinen Buchhandlung. Auf seinem YouTube-Kanal »LiteraturNews« bespricht er zeitgenössische und klassische Literatur. Er ist Gast in Sendungen des ORF und kuratiert seit diesem Jahr das Literaturprogramm für das Lausitz-Festival.
Peter Weiss
Abschied von den Eltern
Erzählung, Suhrkamp BasisBibliothek, Band 77, 2007 (EA:1964).
Der Abschied von den Eltern, den Peter Weiss in seiner gleichnamigen Erzählung beschreibt, ist ein doppelter: „Peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung“, wie der Erzähler sein elterliches Verhältnis beschreibt, lernt er am Ende des Buches die Loslösung und Unabhängigkeit von den „Portalfiguren seines Lebens“, ein allmählicher Prozess der Selbstwerdung. Der Abschied ist aber auch wörtlich gemeint: Seine Eltern sterben kurz hintereinander, der Tod des Vaters und seine Beerdigung eröffnen diesen Text, ja, werden überhaupt Anlass für den Autor zur Niederschrift. Wohlgemerkt steht auf dem Cover des schmalen, ganz unscheinbaren grünen Suhrkamp-Bändchens keine Gattungsbezeichnung, nicht „Roman“, wie heute aus Marketinggründen ständig zu lesen, nicht einmal „Erzählung“, was den Schluss nahelegt, dass Peter Weiss die Geschichte seines Aufwachsens als durchaus mit ihm identifizierbar gelesen wissen wollte, eine frühe Form dessen vielleicht, was in den letzten Jahren unter dem Label „Autofiktion“ den Markt eroberte. Denn, so schreibt Weiss sinngemäß einmal, eigentlich ist die Textversion, die wir da in Händen halten, nur eine mögliche unter vielen; würde er nochmal neu anfangen, es entstünde unter Umständen ein völlig anderer Text mit einem anderen Fokus auf Aspekte, die in diesem 1960/61 in Stockholm verfassten Manuskript eher marginal behandelt wurden. Gefunden habe ich das Buch auf einer längeren Skandinavienreise in einem Göteborger Antiquariat auf der Suche nach deutschsprachiger Literatur, weil mir der Lesestoff ausgegangen war. Ich stieß auf ein mausgraues Büchlein, das sicher das schmuckloseste von allen war und daher meine Aufmerksamkeit auf sich zog, und das noch dazu von einem Autor geschrieben wurde, dessen Namen ich nicht kannte. Ich kaufte es, doch wenig später wurde es mir in einem unachtsamen Moment gestohlen (immerhin, so sprach ich mir Mut zu, klaute man hier Literatur, möge der Dieb seine Freude damit haben). Im zweiten Antiquariat stieß ich augenreibend auf das gleiche Buch, sogar in der gleichen Ausgabe, weshalb in mir der Eindruck entstand (und er verstärkte sich noch, als ich am selben Abend an der Masthuggskirche vor untergehender Sonne zu lesen begann): dieses Buch wollte von mir gelesen werden.
Um die Katze direkt aus dem Sack zu lassen: Es ist mein Lieblingsbuch und darüber hinaus der vielleicht schönste Text der deutschen Nachkriegsliteratur. Warum er so unbekannt ist? Ich denke, dass Weiss‘ autobiographisches Frühwerk (Fluchtpunkt ist die Fortsetzung dieses autobiographisch fundierten Bildungs- oder Künstlerromans, wie ich ihn jetzt doch nenne) von seinen Dramen, die ihm den Durchbruch brachten (etwa Marat/Sade oder Die Ermittlung), vor allem aber von seinem megalomanen, dezidiert politischen Spätprojekt Die Ästhetik des Widerstands überschattet wird. So verklausuliert wie der gerade gelesene Satz ist übrigens kein einziger in Abschied von den Eltern, da sind es organisch ineinanderfließende Kurzsätze, die wogend und unerbittlich vorwärtstreiben (wodurch man leicht in diesen Text „kippt“ und sich Stunden später darüber wundert, woher die irrsinnige Magnetwirkung eigentlich rührt, die vollständige Immersion beim Lesen verspricht). Wenn ich in der Wiener Buchhandlung, für die ich tätig bin, Kunden dieses Buch empfehle, dann auch mit dem Hinweis, es sei ein Langgedicht. Weiss‘ Prosa ist hier so lyrisch, so unprosaisch, wie Prosa überhaupt sein kann, denn es wird weniger ausgeführt als gezeigt, weniger erklärt als gemalt, weniger beschrieben als verbal empfunden. Nicht zufällig ist das künstlerische Betätigungsfeld des jungen Peter Weiss zunächst die Malerei. Man taucht in eine farbsatte Traumwelt ein, in der – analog zum echten Traum – alles in seiner Intensität zwingend erscheint. Innen und Außen sind im jungen Erzähler noch nicht trennscharf, manches Mal scheint die Fiktion viel realer als die verödete Realität des Schulalltags, in der Zukunftsängste den Horizont verstellen. Kunst und Literatur werden dem jungen Erzähler zum Sprachrohr in die weite Welt, zu einem Möglichkeitsraum von Erfahrung und Erlebnis, zu einem Ventil für tiefste Sehnsüchte, aber auch zum Kanal für Ängste und Gräuel. Er verschlingt Bücher, die unvermittelt zu ihm sprechen, hält sich lieber in dunklen Katakomben auf als in hellerleuchteten Teestuben, alles vornehmlich Schöne und Herausgeputzte, alles Brave stößt ihn ab, scheint ihm verdächtig, früh wird er angezogen von Trieben, Abgründen, sexuellen Fantasien, Gewalt, Schmerz und Marter. Das Leben holt ihn dabei allzu oft ein, etwa wenn seine jüngere Schwester bei einem Autounfall stirbt und das eigentlich nie existente Gleichgewicht in der Familie vollends ins Wanken bringt; wenn der heraufdämmernde Nazismus seine Identität als Sohn eines jüdischen Vaters herausstellt und die Familie emigrieren muss. Allerdings ist dieser frühe Text von Peter Weiss erstaunlich unpolitisch: Da wir im Kopf des Kindes und später Jugendlichen sind, der überwiegend seinen Fantasien und seinem Begehren verhaftet ist, erleben wir zwar den unmittelbaren Schrecken und die Traumata, aber nicht die politische Reflexion. Die Politisierung des Autors Peter Weiss erfolgt (zumindest literarisch) etwas später und findet seinen Höhepunkt in der dreibändigen Ästhetik des Widerstands, die er nach zehn Jahren intensiver Arbeit bis kurz vor seinem Tod fertigstellte.
In der Betonung des Nächtigen soll aber nicht der Eindruck entstehen, Abschied von den Eltern sei überwiegend grau und schwarz. Wenn ich von der Schönheit und der farblichen Sattheit spreche, meine ich genau das: das gesamte Spektrum menschlichen Erlebens von künstlerischen Höhenflügen und quasi-spiritistischen Erweckungserlebnissen bis zu freiwilligen Abgängen in die Unterwelt wird abgedeckt; dieses Erleben in derart prägnante und identifikatorische Bilder gegossen, dass sie unweigerlich im Leser resonieren und als Nachhall bleiben, als ein plastischer Abdruck in Raum und Zeit, „zu Zeitlosigkeit erstarrt“.
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