Leselampe

2016 | KW 18

© Philip Peschlow

Buchempfehlung der Woche

von Claudia Garde
Regisseurin und Drehbuchautorin

Jeremias Gotthelf
Die schwarze Spinne
(Novelle), Suhrkamp BasisBibliothek 2007

Die schwarze Spinne ist eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert, niedergeschrieben vom schweizer Pfarrer, Albert Bitzius, der unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf in dieser gleichnishaften Erzählung und Parabel den Menschen ihren Platz zwischen Himmel und Erde zuweist.

Auf einer Taufe in einem wohlhabenden Dorf im Emmental erzählt der Großvater eine furchteinflößende Geschichte. In dieser schließt das Dorf einen Pakt mit dem Teufel, der den Bewohnern bei der schier unlösbaren Aufgabe innerhalb eines Monats 100 ausgewachsene Buchen zu einem Schattengang auf der Felsenburg ihres Lehnsherren Hans von Stoffeln zu errichten helfen soll. Das alles um den Preis eines ungetauften Kindes. Der Teuflische, in Grün gekleidet mit rotem Bart, ein barbarisches Rumpelstilzchen, bemächtigt sich einer störrischen und mutigen Dörflerin, die ihm verspricht das Kind zu überbringen, sobald die Arbeit getan ist.
Das unmögliche Werk geht leicht von der Hand und ist vor Ablauf der Frist vollbracht, die Gier des Ritters befriedigt, seine gnadenlose Willkür gegenüber den Dörflern weicht dem Stolz vor seine Tafelrunde. Friede kehrt ein und den Tribut an den Teufel vergisst man schnell. Soll sich doch das wilde Weib, welches ihm das Kind versprach mit ihm rumschlagen. Aus dem feurigen Mal, was ihr nach seinem Kuss gewachsen, schält sich eine schwarze Spinne, die ihre Brut überall auslegt und Tod und Unheil über das Dorf bringt. Einer beherzten Mutter, die schon mehrfach um das Leben ihrer Kinder fürchtete, gelingt es schließlich das giftige Spielzeug des Satans zu besiegen und unter Aufgabe ihres Lebens in ein Kellerloch zu verbannen.

Die schwarze Spinne hat die Kraft eines Märchens aus Kinderzeiten. Die Sprache Gotthelfs ist mächtig in ihrer schnörkellosen Präzision. Die Bilder, die sie schafft sind urelementisch und beklemmend. Sie mahnen, warnen, zeigen die Kraft der Natur und unsere Abhängigkeiten von dieser. Die schwarze Spinne ist Gewissen und im Kontext des 19. Jahrhunderts christlich –humanistische Moral. Aber sie schüttelt die Zeit in der sie sich erzählt bald ab, macht eine Stimme tief in uns hörbar, die uns aufhorchen und um uns blicken lässt. Ist sie nicht längst wieder ihrem Verlies entkommen und verbreitet ihr Gift unter den Hochmütigen?

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2016

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