Leselampe

2021 | KW 13

Buchempfehlung der Woche

von Katja Lange-Müller

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Ost-Berlin, lebt bis heute die meiste Zeit in Berlin (1984 war sie nach West-Berlin ausgereist). Für ihre schriftstellerische Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis (1986), dem Alfred-Döblin-Preis (1995), dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2005) und dem Wilhelm-Raabe-Preis (2008).  Im Jahr 2012/2013 war sie Stipendiatin der Villa Massimo, erhielt den Kleist-Preis und war 2013/2014 Stipendiatin der Kulturakademie Tarabaya Istanbul. 2017 erhielt sie den Günter-Grass-Preis. Zuletzt erschien 2016 ihr Roman Die Drehtür sowie 2018 Das Problem als Katalysator. Frankfurter Poetikvorlesungen. Die Poetologie des Brühwürfels - über das Schreiben und Lesen von Literatur (jeweils Kiepenheuer & Witsch). Zu ihrem 70. Geburtstag in diesem Jahr entstand dieses schöne Radio-Feature:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftstellerin-katja-lange-mueller-zum-70-ich-war-ein.1270.de.html?dram:article_id=492446

Lucy Fricke
Töchter
(Roman), Rowohlt Verlag, Reinbek 2018

Lucy Frickes Roman Töchter ist die verzweifelt komische Geschichte von zwei antiautoritär aufgewachsenen Frauen um die vierzig. Martha und Betty, denen ihre 68er-Väter früh abhandenkamen, begeben sich auf eine nicht ganz freiwillige Reise. Denn der eine Vater, Kurt, hat sich immerhin sich wieder eingefunden und will, angeblich todkrank, mit seinem schrottreifen VW Golf zum Sterben in die Schweiz chauffiert werden. Aber da gibt es, wie sich bald herausstellt, noch dessen alte Flamme Francesca, die im Hinterland des Lago Maggiore eine nicht eben vornehme Pension betreibt, und zu der sich Kurt nun wirklich hingezogen fühlt. Da Martha und Betty nun einmal unterwegs sind und ihr Leben eh ein Provisorium ist, fahren sie, nachdem sie Kurt bei seiner Francesca abgeladen haben, weiter durch den Süden Europas, erleben kleine und größere Katastrophen, machen seltsame Bekanntschaften, verlieren ihr letztes Geld, halten dennoch zusammen, streiten und versöhnen sich …
Groteske Situationen kippen bei Fricke in den blanken Irrwitz, der Melancholie begegnet sie mit Lakonie und einer schier unglaublichen Lebensklugheit. Die Frage ist nie: Warum kam es so, sondern wie kommen wir aus dem Schamassel wieder raus? Die Autorin findet für das bemerkenswerte Gemisch aus Enttäuschung, Euphorie und Ernüchterung, in das ihre Ich-Erzählerin, deren Freundin und auch die Leser hineinzieht, wunderbare Sprachbilder, wie etwa gleich zu Anfang dieses für die „ewige Stadt“: „Nachts fegten die Ratten durch die Gassen, tags stapelten sich die Touristen am Trevi-Brunnen. Vor den Museen die Wachen mit Maschinenpistolen, im Untergrund Bahnhöfe, in deren Finsternis ich den Dreck nur riechen konnte, und für den Vatikan sollte ich mich online anmelden.
Übernachtet hatte ich im Babylon, einem Hotel der untersten Kategorie, in dem ausschließlich Koreaner schufteten. Vielleicht lag es daran, dass ich nie nach Rom gewollt hatte, aber ich verliebte mich sofort. Immer schon hatte ich eine leise Verehrung für Orte und Menschen empfunden, die stolz vor sich hingammelten, die so sehr um ihre Schönheit wussten, dass die Welt ihnen den Buckel runterrutschen konnte. Eine desolate Diva war die Stadt, vollkommen versifft, nur die Kirchen hielten sie sauber, während draußen die Tauben jedes Weltkulturerbe zukackten.“

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