Leselampe

2021 | KW 35

© Stephan Pramme

Buchempfehlung der Woche

von Dmitrij Kapitelman

Dmitrij Kapitelman, geboren 1986 in Kiew, kam im Alter von acht Jahren als ›Kontingentflüchtling‹ mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters (Hanser Berlin), für das er den Klaus-Michael-Kühne-Preis gewann. In diesem Jahr ist sein zweiter Roman Eine Formalie in Kiew (ebenfalls Hanser Berlin) herausgekommen. 

Mathias Enard
Das Jahresbankett der Totengräber
(Roman); Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Hanser Berlin, Berlin 2021.

Es wäre eine Sache ein Buch zu empfehlen, dass ich erst zur Hälfte gelesen habe. Aber beim Jahresbankett der Totengräber, von Mathias Enard, ist dieses Einflüstern noch etwas waghalsiger: Denn nach etwa 250 Seiten kann ich nicht mal so ganz genau sagen, worum es geht. Nur dass es ein einzigartiger Hochgenuss ist, diesen verrückten Berg von Roman zu besteigen. Und dass Enards meisterhafte Erzählschalen, keinen Zweifel am bevorstehenden, triumphalen Einzug des Kerns aufkommen lassen.

Der junge Anthropologe David Mazon zieht also aus Paris ins peripher dörfliche Niort, im westfranzösischen Département Deux-Sèvres. (Enard selbst wurde dort geboren). Um eine Doktorarbeit über das Landleben zu verfassen. Paar hundert Interviews führen und dann zur Wissenschaftslegende aufsteigen – das ist so ungefähr die Hybris des 29-Jährigen. In seinem eher schlichten Domizil, das er „zum wilden Denken“ tauft, beginnt Mazon außerdem Tagebuch zu führen. Daraus zitiert der erste Teil. Mazon macht sich beispielsweise Gedanken darüber, ob es ihm - der zukünftigen Lichtgestalt der Anthropologie - wirklich gebührt, von der Unterwäsche seiner Freundin zu schreiben. Haben etwa Malinowski oder Lèvy Strauss schlüpfrige Notizen als Nebenprodukte ihrer Feldforschungen hinterlassen? Dabei läuft es ja nicht mal besonders gut mit Lara, die in Paris geblieben ist. Man könnte fast meinen, dass sich die Beziehung zu Laura in genau dem Maße verschlechtert, wie sich der Kontakt zu Lucie intensiviert. Der geschiedenen Gemüsehändlerin im Dorf, die einen autistischen Bruder und dement gewordenen Opa versorgen muss. Sie interviewt Mazon natürlich zu Beginn, ebenso den Bürgermeister, der auch der Chef des Bestattungsunternehmens und der stets betrunkenen Totengräber ist. Oder seine Vermieterin, die Kartenspieler in der einzigen Kneipe im Ort, Max, den verkannten Künstler, die kleine englische Siedlung. Aber zu einer kohärenten Doktorarbeit wollen Mazons Protokolle dennoch nicht recht anwachsen.

Und hier beginnt nun Teil zwei des Romans. Mit dem kürzlich verstorbenen Priester von La Pierre-Saint Christophe, der als Wildschwein wiedergeboren wurde – und nun zum ersten Mal mit großer Schweinelust im Gebüsch kopuliert. Ja, ich habe auch ein wenig innegehalten bei diesem Ansatz. Der neue, auktoriale Erzähler ist jedenfalls so etwas wie der Archivar der regionalen Reinkarnationen. Die Verbrecher und Vergewaltiger des Ortes kommen zum Beispiel als schleimige Schnecken wieder auf die Welt. Das Schauspielerpärchen, das bei einem Autounfall umkam, lebt gegenwärtig als launische Katzen weiter. Sich ab und an zu Mazon auf die warme Bettdecke legend.
Hier gerät der Roman dann so richtig ins Schwingen, du liebe Güte gerät er das. Geschichten von Lucys Urgroßeltern (und deren Reinkarnationen), der Krieg, Hexenverbrennungen, Zeitsprünge, Körpersprünge, wieder ein ganz klein wenig Mazon, wie er nicht vorankommt. Dann plötzlich Chansons über schöne Blumenhändlerinnen und Seemänner. Eine Vielzahl Figuren, eine Vielzahl Zeit- und noch mehr Sinnstränge – aber stets ein magischer Ton. Ich lese dieses Buch gemeinsam mit einer Literatur-Freundin (führen Sie sich gern auch die Gedichte von Christiane Heidrich zu Gemüte) und nach etwa einer Stunde Enard schauen wir uns in der Regel ebenso verwirrt wie beseelt an. Denn es ist wahrlich eine grandiose, bisschen geisteskranke Freude dieses Werk.

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