Leselampe

2021 | KW 39

Buchempfehlung der Woche

von Eckart Liebau

Eckart Liebau (Prof. i.R.) ist Vorsitzender des Rats für Kulturelle Bildung seit seiner Gründung 2012. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Kulturelle Bildung.

Thomas Bernhard
Alte Meister
(Komödie), suhrkamp taschenbuch 1553, 17. Auflage, Berlin 2018 (Erstveröffentlichung Gebundene Ausgabe: 1985)

Ein Sermon, laut zu lesen oder auch laut zu hören. Unverschämt, böse, bissig, lustig, deprimierend und erheiternd. Kaum eine Geschichte, wenn auch mit unerwartetem Ausgang. Was soll der von einem anonymen Erzähler berichtete Erzähler, der Privatgelehrte Atzbacher, auch erzählen von Reger, einem 82jährigen Musikwissenschaftler und Kritiker für die „Times“, der seit über 36 Jahren, geschützt vom Museumsaufseher, dem intensiv in allem Wesentlichen von ihm belehrten gelehrigen Irrsigler, jeden zweiten Vormittag in der Woche im Kunsthistorischen Museum Wien auf immer derselben Bank im immer demselben Bordone-Saal vor immer demselben Bild sitzt - Tintorettos Weißbärtigem Mann - und nach dem Fehler im Bild sucht - in der Annahme, dass kein Bild perfekt ist, auch kein Bild der „Alten Meister“, zumal es bei solchen Bildern ja ohnehin nur um die Verherrlichung der Herrscher gehe. Und der dabei ein unendliches Gespräch, das aber eher ein Selbstgespräch ist, mit Atzbacher führt, über die Kunst und über Wien und Österreich überhaupt und den Tod seiner Frau und über den Staat und die Staatsmenschen und die Schule, die die Kinder zu Staatsmenschen macht, und die Natur und die Gewohnheit und die Dummheit, Verderbtheit und Verlogenheit aller anderen. Und über Stifter, Goethe, Heidegger, Mozart, Beethoven, Bruckner und die Tatsache, dass es im Kunsthistorischen Museum keinen Goya und keinen El Greco gebe, was im einen Fall unverzeihlich, im anderen aber durchaus nicht so schlimm sei: „Keinen Goya zu haben, ist für ein Museum wie das Kunsthistorische Museum geradezu tödlich. Keinen Goya, sagte er, das sieht den Habsburgern ähnlich.“ (S. 31) Aber dass es nachmittags das Hotel Ambassador sein müsse, weil nur dann der Tag voll wird.
Ein Buch voller Überraschungen, Weisheiten und Frechheiten aus prädigitaler Vorzeit, als das Predigen von der Kanzel noch geholfen haben soll, auch wenn man nur 1 1/2 Zuhörer hatte. Den Bordone-Saal gibt es übrigens nicht, das Tintoretto- Bild aber schon. Und das Kunsthistorische Museum Wien auch.

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