Leselampe

2021 | KW 17

© Michael Donath

Buchempfehlung der Woche

von Claudia Hamm

Claudia Hamm ist Übersetzerin, Autorin und Theaterregisseurin und schreibt Bühnentexte und Essays. Nach ausgedehnten Aufenthalten in Frankreich, Mexiko und Chile arbeitete sie z.B. am Burgtheater Wien, den sophiensaelen Berlin und verschiedensten Theatern und Festivals in Frankreich, Italien und im deutschsprachigen Raum. Für ihre Übersetzungen – u.a. der Werke von Emmanuel Carrère, Joseph Andras, Édouard Levé und Nathalie Quintane – war sie 2016 für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und erhielt den Preis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Sie unterrichtete an der Akademie für Bildende Künste Wien, der FU Berlin und demnächst am Literaturinstitut Hildesheim, ist Mentorin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms und Mitgründerin des Festivals translationale berlin, das im Oktober 2021 startet. Für ihre letzte Übersetzung beschäftigte sie sich ausgiebig mit den sozialen und spirituellen Vorstellungen der Kanak in Neukaledonien, siehe https://www.toledo-programm.de/journale/2202/kanaky-zuhause-journal-zur-ubersetzung-des-romans-kanaky-von-joseph-andras und https://lcb.de/programm/kanaky-zuhause-buch-und-toledo-journalpremiere/

Nastassja Martin
An das Wilde glauben
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer; Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2021

Wenn die gesamte sichtbare und unsichtbare Welt ein Kontinuum ist und Worte aus diesem Schnipsel ausschneiden, dann sind die Schnipsel in diesem Buch spektakulär. Von einer miedka ist die Rede: einer Frau, die einen Kampf mit einem Bären erlebt und überlebt hat und deshalb fortan selbst ein Stück Bär in sich trägt und „zwischen den Welten lebt“. Was ein Mythos ist, ist auch die Realität der Sozialanthropologin Nastassja Martin, die Kulturen des Polarkreises erforscht und in Kamtschatka in einem solchen Kampf die Hälfte ihres Gesichts verliert. Doch „es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist“, heißt es gleich auf der ersten Seite.

In Kamtschatka noch umgeben von indigenen Ewenen, die ihr zur Familie geworden sind (wir reden „über die, die uns auserwählen, noch bevor wir ihnen begegnen“), erlebt die Ich-Erzählerin zurück in Frankreich, wie in den dortigen Krankenhäusern andersgeartete Vorstellungen die Welt zu ordnen versuchen. Unter strengen Hygienebedingungen wird sie isoliert und in einem Überbietungskampf französischer ChirurgInnen immer wieder operiert. Das, was man für konform hält, soll wiederhergestellt werden. Das geht schief. Die miedka-Seele sträubt sich, will dorthin zurück, wo sie auch der die das Andere sein kann, wo man Bescheid weiß über die Verbindungen, die wir unter der Haut knüpfen. „Ich habe meinen Platz verloren, ich suche ein Dazwischen“, schreibt sie. „Ich muss mich entfernen, um zu heilen.“ Sie wird in die Welt des Bären zurückkehren, um auch dort nicht zu bleiben.

Warum berührt mich das so? Animistische Vorstellungen haben mich immer schon angezogen. Von der Verbundenheit von allem, vom Geist, der alles durchwirkt, vom Raum, den wir gemeinsam bewohnen, von der Sprache, die wir immer von anderen haben, von den Alteritäten, die uns zusammensetzen, überraschen und immer wieder neubestimmen. Sie ermöglichen Metamorphose, Resonanz, Weiterreise. Ich suche solche Geschichten. Oder suchen sie dich?, würde Nastassja Martin fragen. Als die ewenische Vertraute Darja den Beruf der Anthropologin verstehen will, erklärt die Ich-Erzählerin: „Ich höre zu. Ich nähere mich, ich bin ergriffen, ich entferne mich oder laufe davon. Ich komme wieder, ich begreife, ich übersetze. Was von den anderen kommt, was durch meinen Körper hindurchgeht und verschwindet, ich weiß nicht wohin.“

Nastassja Martin hat ein kleines großes Buch geschrieben. Es ist Essay und Tagebuch, dokumentarisch, assoziativ und poetisch zugleich, eine Erzählung, die Verbundenheiten auf der Spur ist und von einer so verletzlichen wie entschlossenen Stimme getragen wird: „Du musst dem Bären vergeben.“ Nastassja Martin führt in eine ferne Welt, die im Grunde unsere eigene ist: die unserer Psyche – und Claudia Kalscheuer findet im Deutschen eine Sprache dafür, die Befremdendes mit innig Vertrautem verknüpft („der Blick ist frei, mineralisch“, „es gibt ein Quivive der Wesen außerhalb der Menschen“), die Sozialwissenschaft und hohe Literatur verbindet, die Intimität hervorruft und auch Bestürzung. Ein Buch für alle, die mit einem Bären kämpfen.

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