Leselampe

2021 | KW 19

© Marcel Yilmaz

Buchempfehlung der Woche

von Momo Bera

Momo Bera studiert Malerie an der Universität der Künste Berlin in der Klasse von Prof. Burkhard Held. Und sie schreibt große und kleine Texte, Lyrik wie Prosa. Seit 2018 ist sie Mitglied der Jungen Jury des Projektfonds für kulturelle Bildung und versucht dabei die Perspektive junger, diverser Menschen in der Berliner Kulturwelt zu stärken. Sie ist zudem Mitglied im MalerInnenkollektiv Rubikon und dem ad hoc Lyrikkollektiv.
In diesem Jahr ist Momo Bera die studentische Berliner Stadtschreiberin des Berlin Stories-Projekts des studierendenWERK BERLIN, welches die spezifische Perspektive von Berliner Studierenden auf ihre Stadt über einen längeren Zeitraum hinweg einfangen möchte. Jedes Jahr wird ein*e andere*r Stadtschreiber*in von einer Jury ausgewählt. Ein paar ihrer Texte finden sich hier: https://www.stw.berlin/kultur/berlin-stories/stadtschreiber*innen/momo-bera.html

Karen Duve
Dies ist kein Liebeslied
(Roman), Eichborn Verlag, Berlin 2002

Vor ungefähr acht Jahren habe ich entschieden, dass Wolfgang Herrndorf immer recht hat. Damals war ich 19 und verbrachte einen Sommer triefend unter halbkünstlichem Deckenlicht eines Berliner Fitnesscenters. Während ich im strudelförmigen Vorgarten meines eigenen Optimierungswahns gefangen, viel zu kontinuierlich die untere Hälfte meines Körpers hin und her bewegte, steckte die obere Hälfte meines Körpers zerebral in Herrndorfs Pinguinkostüm. Draußen vor dem offenen Fenster dröhnte die Berliner Karl-Marx-Straße vorbei, man konnte eine wirkliche Welt jenseits der hellrosafarbenen Protein-Shake-Kaskaden und schummrigen Dämpfe der menschlichen Thermoregulation gerade so erahnen, hier drinnen schwitzte ich schwammig vor mich hin und las Arbeit und Struktur.  

Darin verfasst Herrndorf in Folge seiner Krebsdiagnose eine Liste mit Büchern, die er bis zu seinem zu erwartenden Tod noch mindestens ein mal lesen möchte. Ich weiß nicht, ob es schon in diesem Sommer war, als ich beschloss diese Liste zu übernehmen, aber irgendwann ist das passiert. Es sind nicht viele Bücher auf dieser Liste, aber viele Wörter. Unglücklicherweise weiß ich nicht mehr (und weiß auch nicht, ob ich es wissen könnte), ob Herrndorf seine Liste letztendlich durchgelesen hat. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass ich ihm gegenüber den nicht zu unterschätzenden Heimvorteil besitze, dass mir zum Vollfertigen dieser Mission (vermutlich) noch weitaus mehr Zeit zur Verfügung steht, als es bei Herrndorf der Fall war. Und mich nebenbei bemerkt, glücklicherweise (bis dato) auch kein Hirngeschwür bei der Ausführung behindert.  

Von den elf Büchern, die auf der Liste stehen, ist genau eines dabei, das eine Person schrieb, die Herrndorf überlebt hat. Das ist der Roman Dies ist kein Liebeslied von Karen Duve. Ich habe mich zunächst gewundert über diese Wahl. Neben den Werken Dostojewskis, Proust und Poe schien mir dieser Roman beeindruckend unbeeindruckend. Es ist kein Buch, das man affektiert in der U-Bahn liest und dabei die Arme möglichst krampfhaft so verrenkt, dass Interessierte einen Titel erkennen könnten, der sagt: Ich weiß wie man das Wort Feuilleton richtig ausspricht (und im übrigen auch schreibt!). Auf dem Cover dieses einen Buches dagegen (ich würde aus Behagen gerne Büchlein schreiben, aber das trifft es semantisch leider nicht so gut) zeigt sich viermal eine Frau in Unterwäsche, daneben wird ihr Gewicht angegeben, sie wird immer dünner, alles irgendwie unangenehm. Die ersten Seiten las ich misstrauisch. Noch so ein Coming-of-Age-Roman, der in der Tristesse einer sich selbstbemitleidenden Generation westdeutscher Provinzopfer spielt, die Salamibrote aus Tupperboxen essen und auf ihre Verhätschelung nicht klarkommen. Dann habe ich weiter gelesen. Der Rest hat mich eingeatmet, abrupt eingesogen, erst nach und nach wieder ausgehustet.

Und ja, da ist die Coming-of-Age-Geschichte in Zeiten der Schallplatten und Beatles und Schlaghosen und Väter, die am Frühstückstisch Zungenwurst essen und Kinder, die zu Jugendlichen mit schwarz gefärbten Haaren werden, die mürrisch über zu kleine Bordsteine zu verwaisten Bushaltestellen schweben, dabei Kette rauchen, ohne Filter. Aber da ist auch Karen Duves Erzählung, die ohne viel Aufsehen, aber mit fast pietätloser Schonungslosigkeit in jeder Hoffnung auf Sinnhaftigkeit eine Bedeutungslosigkeit findet. Das spannende dabei ist: andersherum eigentlich genauso. In verspieltem, aber doch abgeklärten Ton wird eine Anleitung gegeben, wie man mal eben nebenbei auf dem Schulhof bemerkenswert unbemerkt kaputt gehen kann. Karen Duve zeigt in Dies ist kein Liebeslied eine wahnsinnige Beobachtungsgabe und Analysefähigkeit von sozialen Dynamiken und deren psychische Verstrickungen, nebenbei eingebettet in der spöttischen, doch liebevollen Beschreibung westdeutscher Verhältnisse zu Zeiten des Walkmans. Ich war nicht dabei, aber ich glaube ihr jedes Wort. Nebenbei bemerkt, auch popkulturell gesehen der bessere Jahrzehnterückblick. Es beinhaltet auch eine sehr gute Songauswahl. Wäre dieses Buch eine Spotify-Playlist, ich würde sie hören und mich alleine betrinken.  

„Mit sieben Jahren schwor ich, niemals zu lieben. Mit achtzehn tat ich es trotzdem. Es war genauso schlimm, wie ich es befürchtet hatte. Es war demütigend, schmerzhaft und völlig außerhalb meiner Kontrolle.“ Auch dieses Buch ist ein Kontrollverlust. Auf dem Plattentext steht dieses Buch sei lustig. Das ist es nicht. Es tut weh. Es tut weh, wie ein Stein, mit dem man sich selber verletzt, um bemitleidet zu werden und es dann nicht wird (Spoiler). Um es in den Worten meiner 16-jährigen Schwester zu sagen: Einfach nur cringe. Es ist eine Therapiestunde, an der am Ende beide weinen. Es ist eine Therapie, an dessen Ende man sich selber gefunden hat und bemerkt, dass man sich nicht ausstehen kann. 

Und es hinterlässt eine*n trotzdem nicht boshaft auf die Welt, denn in seiner Sehnsüchtigkeit und Pointiertheit bleibt es bissig und Anne Strelau (die Protagonistin) stark. Stark und fett. Stark und essgestört. Stark und manchmal einfach sehr schwach. Es bietet nebenbei Lebensphilosophien, die nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben und so brülle ich es mit Duve in die Welt hinaus: „Lieber will ich auf allen Vieren besoffen durch den Rinnstein und meine eigene Kotze kriechen, als da[ss] ich eines Tages eine Cellophantüte voll überteuerter Haribos aufmache und mir bloß einen Lakritzsolitär herauspicke.“ Ja.  

Dieses Buch ist einfach wahnsinnig gut. Wolfgang Herrndorf hat angeraten, Dies ist kein Liebeslied solle man „mindestens alle fünf Jahre einmal lesen, bis man hundert ist, um keine Sekunde zu vergessen, was das hier ist und was es bedeutet: Nichts. Und insbesondere: Nichts.“ Es ließe sich also von mir anraten, seinen*ihren Fünfjahresplan dementsprechend anzupassen. Denn wie gesagt, Wolfgang Herrndorf hat immer recht. 

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