Leselampe

2021 | KW 23

© Adrian Sauer

Buchempfehlung der Woche

von Heike Geißler

Heike Geißler, geboren 1977 in Riesa, aufgewachsen in Karl-Marx-Stadt, ist Autorin. Sie lebt in Leipzig. 2002 erschien ihr Debütroman Rosa, 2007 Nichts, was tragisch wäre sowie 2014 der Roman Saisonarbeit bei Spector Books, der in etliche Sprachen übersetzt wurde. Sie arbeitet gern in Kollaborationen. So mit der Grafikerin Anna Lena von Helldorff, mit der sie die Heftserie Lücken kann man lesen herausgibt oder mit der Schauspielerin Charlotte Puder, mit der sie das Kollektiv George Bele bildet. Im Frühjahr 2022 erscheint ihr neues Buch bei Suhrkamp. In der Woche vom 16. bis 20. Juni wird Heike Geißler bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur um den Ingeborg-Bachmann-Preis lesen.

Polina Barskova
Lebende Bilder
Aus dem Russsichen von Olga Radetzkaja, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.

Dies wird eine seltsame Empfehlung. Ich weiß ja gar nicht mehr, was ich da gelesen habe. Und sobald ich in das Buch hineinlese, um mich zu vergewissern, erinnere ich mich, aber erinnere mich zugleich doch nicht, sondern gelange in eine Landschaft oder eher in einen spezifischen Zustand. Wohin genau lockt mich Polina Barskova? Als ich Polina Barskovas Lebende Bilder las, lag ich zu meiner eigenen Überraschung in einem Sankt Petersburger Krankenhaus, wusste nicht so recht, wie mir geschah, ergab mich den Medikamenten, die vom Tropf in mich flossen, driftete in einem halbwachen, manchmal ungeheuren Zustand dahin. Ich hatte Barskovas Buch bei mir, weil ich es als Jurorin des Internationalen Literaturpreises lesen musste. Ich hatte das Buch zuerst beiseite gelegt, hatte mich an irgendeiner Formulierung auf den ersten Seiten gestört. Da war ich schon krank gewesen, schon entkräftet, hoffte aber in meinem Hotelzimmer noch auf Genesung, die dort nicht kam.
Ich lag also in einer Sankt Petersburger Klinik, draußen eine nicht zu stark befahrene Straße. Vor dem Fenster wackelte das Schild mit dem Hinweis, dass die nächste Polizeistation einhundert Meter entfernt sei. Die Krankenschwestern fragten mich immer wieder, ob sie nicht doch das Fenster schließen sollten, es fiel ihnen schwer zu glauben, dass ich es nicht wärmer bräuchte. Ich kühlte mein Fieber runter. Tage später bat ich, die Heizung am Kopfende anzustellen. Dann beheizte ich meinen Kopf. Ich lag da genau genommen in der Gesellschaft zweier Bücher, könnte sie schwer entwirren, und warum auch sollte ich sie entwirren. Ich lag mit Hélène Cixous' Three Steps on the Ladder of Writing und mit Polina Barskovas Lebende Bilder. Beide Bücher waren mein Begleitschutz, meine Pflegerinnen, meine Verbündeten in den wüsten Träumen, die ich hatte, in diesem Zufall einer Krankheit, in dem ich mich befand, unterbrochen von Anrufen der Auslandskrankenversicherung, unterbrochen von den Eingriffen, den Besuchen der Ärzte, die mir die Spaziergänge verboten. Auch die kleinsten. Ich spazierte mit Barskova oder Barskova spazierte für mich. Dabei spazierte sie nicht. Sie pilgerte zu jener Petersburger Kreuzung irgendwo am Newski-Prospekt, an der der Geliebte bei einem Unfall getötet worden war. Pilgerte in Fassungslosigkeit dorthin, bis ihr die Familie ein Kontrastprogramm verordnete. Ich fuhr mit ihr zur Kur und ließ mich mit ihr vom Vater belehren: „Vater und ich standen nebeneinander und sahen zu, wie um vier Uhr nachmittags die rote Sonne ins rote eisige Meer fiel. Im letzten Akt des Schauspiels sagte er jedes Mal: ‚In die Sonne schauen ist ungesund, es macht blind.‘ Er war ein lakonischer Pädagoge, er ritzte seine Aphorismen direkt in mein Herz: ‚Ein junges Mädchen muss entweder schlank oder fröhlich sein - such dir aus, was dir leichter fällt.‘ (weder noch, dachte ich bekümmert); ‚ein junges Mädchen, das nach Fuchs riecht, muss besonders auf seine Körperpflege achten‘ (von mir ging tatsächlich ein für ihn befremdlicher Raubtiergeruch aus, den in Schach zu halten nicht so einfach war).“
Nachher wollte ich zum Newski-Prospekt und jene Stelle suchen, „wo der rote Turm der Duma steht“, wo sie ihren Posten bezogen und trauernd und sich dem Anlass der Trauer widersetzend geraucht hatte. Ich ging aber in die falsche Richtung. Ich habe in Sankt Petersburg Lebende Bilder gelesen, ich bin wie in lebenden Bildern gewesen. Tableaux vivants aus unterschiedlichen Zeiten, unterschiedlichen Orten. Ich kam ohne Souvenirs für Kinder und Mann zurück. Ich war eben nicht in einer Stadt gewesen, sondern in einem Buch, dessen zehn Texte auch nach Kalifornien führen, wo Barskova lebt und unterrichtet. Dieses Buch ist potenziell wild, aber wie könnte ich das belegen? Und warum sollte ich. Das Buch ist ein partner in crime, und auch das sage ich einfach so und kann es einzig beweisen durch das Vertrauen, das ich den Texten und ihrer Autorin gegenüber empfinde. Man frage mich nicht, was in den Texten passiert. Wer doch fragt, bekommt die folgende Antwort: Ich weiß, wie gesagt, nicht, was ich gelesen habe. Ich war unterwegs in einem Geflecht, das sich von der Zeit der Leningrader Blockade bis in die Gegenwart entspannt, das zart ist und zugleich robust, das von Widerständigkeit und Wahnsinn erzählt, von den Potenzialen des Lebendigen, Verzweifelten, Unbändigen und vom Tödlichen auch. Ich war in einer komplexen Heilsamkeit, die für die Zeit in der Klinik alles für mich war und als Schatz in meinem Bücherregal bei mir bleibt.

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