Leselampe

2021 | KW 21

© Salih Jamal

Buchempfehlung der Woche

von Salih Jamal

Salih Jamal lebt und arbeitet in Düsseldorf. In diesem Jahr ist sein Roman Das perfekte Grau im kleinen Wiener Septime Verlag erschienen und hat bereits die dritte Auflage erreicht.

Jan Kjærstad
Femina Erecta
(Roman); Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel, Septime Verlag, Wien 2020

Weltliteratur. 832 Seiten. Das ist der Umfang einer Familiensaga. Franzens Korrekturen hat ein ähnliches Format. Aber die Dinge liegen anders. Während Franzen eine Generation porträtiert, geht Kjærstad aufs Ganze. Wer Norwegen kennenlernen will, wer es wirklich kennenlernen will, der sollte - nein der muss - Jan Kjærstads Femina Erecta lesen. 2019 war Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse. Schade, dass der Septime Verlag nicht zum Stichtag dieses Buch vorgelegt hat. Es wäre DAS Buch der Messe geworden. Aber 832 Seiten wollen übersetzt werden. Ebenso grandios gelungen von Bernhard Strobel.
Zuerst war ich etwas irritiert. Warum spielt das Buch in einer sehr fernen Zukunft? Und so zog mich die Neugierde hinein. Die Idee eine Familiensaga aus dem Blick der Zukunft zu schreiben ist brillant. Besonders wenn man vom anfangenden 20. Jahrhundert, über den 2. Weltkrieg, die 60er und 70er bis zum Jahrtausendwechsel einen Bogen spannt, der die tatsächliche Geschichte, wie bei Forrest Gump, mit einwebt.

Aber zurück: Im 22. Jahrtausend ist die gesamte westliche Zivilisation zusammengebrochen. Es gab Krisen, Kriege, Epidemien, Zusammenbrüche der Umwelt, Überbevölkerung, Nahrungsmittelknappheit und alles andere, worüber wir uns heute Sorgen machen. Alle gespeicherten Daten und Informationen gingen während einer Katastrophe vor tausend Jahren verloren und nun soll durch das Geschichtenerzählen die Vergangenheit rekonstruiert werden, da man glaubt, dass vieles auf das Land Norwegen zurückgeht. Und so lernen wir die Familie Bohre kennen.
Die Hauptrolle spielt die faszinierende Rita Bohre, deren Vater einst verschwunden ist. Ihre Mutter Agnes hatte ihn auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela kennengelernt. Die Schwiegertochter Maud zieht es in den Kongo. Sie ist auch auf der Suche nach ihrem Freund und findet ihn aber erst, als sie wieder nach Hause kommt - bei den verlorenen Gepäckstücken am Flughafen. Später wird sie Radiomoderatorin. Ritas Tochter, die zerbrechliche Bjorg schreibt Gedichte und landet in der Psychiatrie. Wir lernen ihre Tochter Laila kennen, die als Kind wegen ihrer Mutter gemobbt wurde, und doch beinahe Prinzessin geworden wäre, aber dann auf einem Schiff abreist, um nach Amerika zu kommen, weil sie Miles Davis´ Musik erleben möchte.

Viele Figuren begegnen uns, und viele wunderbare Geschichten werden wie auf einer riesigen Leinwand ausgebreitet. Da sind Ritas Söhne, die im Krieg sterben. Oder ihr Bruder Albert, der mit Walfang ein Vermögen gemacht hat, bis er bei einem Ereignis bei den Olympischen Spielen sein Leben überdenkt. Immer wieder fließen Ereignisse und Namen der norwegischen Geschichte ein. Kultur, Literatur, Politik, Wirtschaft. Kjærstad webt alles ein und bald ergibt sich ein Bild von Norwegen, in dessen Mitte die Frauen der Familie Bohre zu sein scheinen. Die Menschen verlieben und verlieren sich und sie begegnen sich erneut. Es sind so viele faszinierende Leben und es sind die Reisen, die diese Menschen um die Welt unternehmen. Jede hat eine großartige Geschichte zu erzählen. Mit Widersprüchen und eigenen Gedanken, die dieses Werk so aufregend und lebendig machen.

Im Zentrum jedoch steht Ritas Lebenswerk Femina erecta, das Buch an dem sie schreibt und das ein Lebensziel wurde. Es geht um Feminismus. Ein Hauptmotiv des Romans ist dieser Kampf der Frauen um die Unabhängigkeit. Der Kampf als Frau aufrecht durchs Leben zu gehen. Dies gilt für alle Frauen der Familie Bohre, die sich teilweise auch mit den falschen Männern eingelassen haben. "Vielleicht ist das Bewusstsein, das Frauen im 20. Jahrhundert gewinnen, eines der wichtigsten Ereignisse sowohl auf der Welt als auch nicht zuletzt in Norwegen." So hat es Kjærstad gesagt.
Als alte Frau sitzt Rita schließlich unter einem Baum und denkt über all das nach. Über das Leben und über den Tod. Vor allem aber, was unser Leben wirklich prägt. Die Entscheidungen, die wir treffen. Sowie alle Entscheidungen, die wir nicht treffen. Sie weiß, dass es nicht mit dem Tod endet, dass es mit Hoffnung endet.

Fazit: Kjærstads Femina Erecta steht in einer Linie mit Franzens Korrekturen oder Eugenides Middlesex. Solche Bücher kommen wohl nur alle 10 Jahre ans Licht der Welt. Es ist die Vielfalt, die tief beeindruckt, dessen Geschichten berühren, weil es neben den philosophischen Betrachtungen auch ein Bildungsroman ist. Man sollte sich in dieser schnelllebigen Zeit die Muße dafür nehmen. Unbedingt. Das Buch zahlt es zurück. Weltliteratur!

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