Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Elizabeta Lindner Kostadinovska

Elizabeta Lindner Kostadinovska lebt seit 2006 als freie Literaturübersetzerin, Herausgeberin, Autorin und Künstlerin in Berlin. 2007 gründete sie das Literaturportal Slovokult.de, ein Portal für mazedonische Literatur auf deutsch, das sie mit anderen literarischen ÜbersetzerInnen redaktionell betreut. Zusammen mit Igor Isakovski war sie von 2008 bis 2015 die Mitherausgeberin und Übersetzerin deutschsprachiger Bücher ins Mazedonische im Verlag Blesok in Skopje und organisierte Lesungen mit den übersetzten Autoren (u.a. Ingo Schulze, Benjamin Stein, Jürgen Nendza und Michael Krüger) sowie einige Buchpräsentationen. Elizabeta Lindner hat bisher ca. 30 Bücher (auch für andere Verlage) übersetzt. Nach dem frühen Tod des Verlegers in Mazedonien 2014, gründete sie 2015 den Verlag SlovoKult::Literatur in Berlin, 2016 das Online-Magazin "SlovoKult::Liteartur/a" auf Mazedonisch, welches seit  2017 auch auf Deutsch zur Verfügung steht. 

 

W.G. Sebald
Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 1995.

Als ich als Teilnehmerin der Sommerakademie für Übersetzer deutschsprachiger Literatur des Literarischen Colloquiums Berlin 2008 das Berliner Büro des Eichborn Verlags besuchte, durfte ich nach höflicher Anfrage freundlicherweise W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn mitnehmen.

Gerade heute (Juli 2021) habe ich in der NZZ einen kritischen Text über die fehlende Literaturkritik gelesen, der, wie gelegentlich auch andere, daran erinnert, dass mittelmäßige Bücher hochgelobt und sogar „Meisterwerke“ genannt werden, wohingegen wahrscheinlich einige „wahre Meisterwerke" ¹ gleichzeitig ignoriert und für spätere Zeiten und Generationen aufgehoben werden. Meisterwerke wurden auch verrissen. Deswegen kann man sich nie richtig auf Buchbesprechungen stützen.
Da ich sehr wenig Zeit für „klassisches Lesen“ habe (insbesondere für Romane über 200 Seiten), entscheidet sich bei mir, auch professionell bedingt, sehr schnell, ob ich etwas weiterlese, ob ich dem/der Autor:in mehr Aufmerksamkeit schenke oder nicht. Wenn es um deutschsprachige Literatur geht und ich meine Begeisterung nicht bändigen kann, dann muss ich das Buch unbedingt übersetzen, was heißt: ich würde auf jeden Fall fast alle meine übersetzten Bücher empfehlen (nur einige wenige waren Aufträge und nicht meine erste Wahl, aber immer noch gut genug, um den Auftrag anzunehmen). Sie wurden bestimmt alle bereits in den deutschsprachigen Medien besprochen, aber dennoch hält man sich bei W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn eher zurück. Diese Prosa wurde 1995 veröffentlicht und hat, denke ich, trotzdem nicht die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Und deswegen habe ich mich für dieses Buch entschieden, weil ich es, wie auch Uwe Schütte schon 2019 in “Der Freitag” schrieb, für Sebalds eigentliches Meisterwerk halte.²
Der besondere Stil Sebalds hat das Erzählen bis zur Perfektion gebracht (ich persönlich mag sowieso keine Bücher, die viele Dialoge für ihre Geschichte/n brauchen und ziehe introspektive Erzählweise oder unbestimmte/indirekte Diskussionen vor): Er ermöglicht dem Gedankengang einen sehr angenehmen Fluss und gleichzeitig einen sehr besonderen Inhalt. Die Pilgerfahrt, sowohl physisch (in Suffolk) als auch geistig (durch die Menschheit und das Menschsein) führt uns aber ganz genau durch die neuere Weltgeschichte mit Fokus auf die Wirkung Europas: Die Zerstörungen durch Kriege oder durch Geschäft und Handel, die uns mittlerweile als etwas ganz Normales/Natürliches erscheinen, bekommen hier ihr wahres Gesicht und stehen so natürlich abartig vor uns, dass es einem unmöglich ist, sich der Wahrheit zu entziehen. Poetisiert, eingewebt in die Kunst des Erzählens, aber dennoch sehr natürlich und faktisch, greifbar nah: So real und gleichzeitig fiktiv wirkend, denn oft verbindet sich die poetische Wahrheit mit realen/historischen Persönlichkeiten. Diese „Wahrheit“ ist textuell in einer hervorragenden Prosa zusammengewebt – ergänzt mit Illustrationen, die Sebald ausgesucht bzw. selbst fotografiert hatte: Sie tragen eine zusätzliche Symbolik und geben dem Text eine weitere Besonderheit. Der Kontext, den Sebald schafft, ist gleichzeitig komplex und ungezwungen, was ein Meisterwerk auszeichnet, finde ich.
Und wir als Leser:innen sind die Projektionsflächen für diese wichtige Vorführung. Wir gehen mit und wollen auch gar nicht anders, denn die Magie der Sprache und die unbeschwerte Art, die Wirklichkeit und die Fiktion in so einem besonderen Zusammenhang und mit einer deutlichen aber kunstvoll wirkenden Kritik mitzuerleben, ist etwas Einmaliges und nie enden wollendes – wie man in der zahlreichen Symbolik (die Ringe des Saturn, das Labyrinth... und am Ende auch die Seelenwanderung) ablesen kann. Dass vieles, was der Mensch für faktisch hält, ein Irrtum ist, ist ein genauso nie enden wollendes Thema, was sich bis heute in unserer Realität abspielt. Sebald hat dies durch Thomas Brownes Person und sein Werk Pseudodoxia Epidemica (frei übersetzt: Irrmeinungen) angedeutet ³ , sodass man bei der Wahrheitssuche keinen Erfolg hat, sondern sich mit den Gedanken und dem Grübeleien zufrieden geben kann, denn die haben bestimmt einen Sinn in diesen sich wiederholenden, nie enden wollenden Weltkatastrophen.

Das Buch ist seit 2016 ins Mazedonische übersetzt, aber aus „handelsgeschäftlichen Gründen“ und trotz bezahlter Rechte ist es (noch) unmöglich dieses Buch zu veröffentlichen, was wiederum im gewissen Sinne, einen Teil des Inhalts nach außen bringt und einen neuen „Ring“ formt: Die Kritik im Buch verkörpert sich in der Realität und hindert die Zukunft des Buches (selbst) in einer anderen Sprache, - n u r  aus unverbesserlichen menschlichen Gründen wie Macht (+Geld) und Eigenschaften wie Eitelkeit und Egoismus – die vermutlich auch hinter jeder Irrmeinung stehen. Der Geist bleibt auf der Strecke, der Mensch fühlt sich am besten, wenn er am Webstuhl gefesselt ist – die freiwillige Bereitschaft ein Sklave zu sein – aber das, was man webt, bestimmt ja dann die webende Person selbst, ihre Individualität wird Teil des Ganzen – der Weltgeschichte und ihrer Weiterentwicklung, und auch der Zukunft – die man gerade webt... und die vermutlich in vielen Katastrophen münden wird.  

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¹  Wahr und falsch – korrespondiert mit dem gesamten Text hier und auch bei Sebald (bzw. auch Thomas Browne),  denn Katastrophen passieren nicht durch Zufall, es ist ein fortlaufender Prozess.
²  Zu Sebalds Werk im deutschen Literaturbetrieb vergleiche: Uwe Schütte, W.G. Sebald: Leben und literarisches Werk
³  Vgl. Thomas Neuner, Der Leser als Wanderer, W.G. Sebald, Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt.



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