Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Julia Kandzora

Julia Kandzora wurde 1982 in Hamburg geboren, studierte am Literaturinstitut in Leipzig und lebt seit 2007 in Berlin. Sie schreibt in allen Gattungen und ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2012 lehrt sie an der Humboldt-Universität und immer wieder auch an anderen Hochschulen. Sie ist Mitglied im Verein freier LektorInnen und leitet das Berliner Autorenlabor, eine monatlich stattfindende Werkstatt zur Besprechung literarischer Texte. Derzeit sind dort noch Plätze frei, bei Interesse gerne eine Mail schreiben an: kandzora@gmail.com

Ilka Piepgras (Hg.)
Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
Kein & Aber Verlag, Zürich 2020

„Warum glauben eigentlich alle, dass Frauen sich erniedrigen, wenn wir die Bedingungen unserer eigenen Erniedrigung bloßstellen?“ 
Dieses Zitat von Chris Kraus aus I love Dick hat Olivia Sudjic ihrem Essay voran gestellt. Man hätte es auch dem gesamten Buch voranstellen können. 
22 Essays und 2 Interviews ausschließlich von Autorinnen (darunter so arrivierte wie Siri Hustvedt oder Elfriede Jelinek, aber auch neuere Shooting Stars wie Leila Slimani oder Sheila Heti) zeugen perspektivenreich von den Herausforderungen, denen sich insbesondere Frauen beim Schreiben oder vielmehr bei der Vereinbarkeit von Leben und Schreiben zu stellen haben. Sie erzählen von den Nöten, den äußeren und inneren Kämpfen, die unumgänglich sind und häufig auch das Nichtschreiben beinhalten, von der täglichen harten Arbeit, deren Beschreibung zwischen wohltuender Entromantisierung und nie aufzulösendem Rätsel des eigenen Tuns changiert. 
Weil Schreiben von allem handelt und dies ein Buch über das Schreiben ist, handelt es naturgemäß auch von Liebe und Tod gleichermaßen wie von kaputten Spülmaschinen oder zu entwurmenden Hunden, von allem im Leben, woraus sich Texte speisen können oder was vom Schreiben abhält. 
Terézia Mora schreibt: „Die Worte reißen mich auseinander. Nicht die Worte. Die Beobachtungen. Wenn ich erst die Worte habe, dann reißt es mich nicht mehr auseinander.“ Darauf scheint es hinaus zu laufen: „Das unendlich Viele des Lebens ins endliche Alles eines Kunstwerks bringen. (…) Suche den Rahmen, der grad die richtige Menge von „Allem“ fassen kann.“ 
In den hier versammelten Poetologien begegnet einem das Aufscheinen vom Politischen im Privaten niemals als Phrase, sondern in den ganz konkreten wie privaten Beschreibungen des Lebensalltags und des Alltags der Literaturproduktion (besonders nachfühlbar beschrieben bei Anne Tyler und Antonia Baum, die als Einzige die Situation des momentanen Schreibens mit der Babysitterin im Nebenzimmer in ihren Essay integriert), in den Biografien der Autorinnen, die mal im Zentrum stehen, mal nebenbei einfließen, und nicht zuletzt im Nachdenken über das Schreiben und wovon es handeln kann, von: „... All den unsichtbaren Fäden, mit denen wir in unser Milieu, unser Geschlecht, unsere historische Zeit verwoben sind. Von diesem Amalgam des Sozialen mit dem Ich kann nur die Literatur so erzählen, dass man es versteht.“ (Elke Schmitter)
Wie muss ein Leben aussehen, in dem geschrieben werden soll, und was bedeutet Schreiben überhaupt, lauten zwei zentrale Fragen. 
Schreibtisch mit Aussicht ist nicht allein ein Buch, das zahlreiche inspirierende Perspektiven offenbart, sondern gleichzeitig Raum lässt, mit einer Vorläufigkeit und Offenheit, die dazu einladen, sich selbst mit den hier aufgeworfenen Fragen - sei es als Lesende oder Schreibende - zu beschäftigen und neue zu stellen. Und nicht zuletzt wecken die intimen Einblicke eine Neugier, das Werk einiger Autorinnen (wieder) zu entdecken. 
Bei den Versuchen, ihre Tätigkeit zu beschreiben, fallen die häufigen Vergleiche vom Schreiben mit dem Schwimmen auf. Anne Tyler schreibt: „Es gibt Tage, an denen ich in meinen Roman eintauche wie in ein Schwimmbecken, und wenn ich herauskomme, fühle ich mich leer, verträumt und ausgelaugt.“ „Zwischendurch fühlt man sich wie ein Schwimmer, der aufs Meer hinausgeschwommen ist. Das Ufer hinter einem ist schon lange verschwunden, aber das Ziel, das neue Ufer, kommt noch lange nicht in Sicht.“ (Eva Menasse, die hier interessanterweise die männliche Form verwendet). Nicole Krauss bezeichnet eine Geschichte innerhalb einer ihrer Romane als „starke Tiefenströmung (…) und für mich ein Bild für das Buch als Ganzes, für all die Stimmen, Bekenntnisse und Träume, die in einem Punkt zusammenfließen.“ (Im gleichen Essay bekennt sie ihre „heimliche Scheu vor dem Wasser“, während Zadie Smith „für ihr Leben gern schwimmt.“) 
Es finden sich zahlreiche Metaphern und Allegorien auf das Schreiben, von Hochleistungssport oder Bergarbeit ist die Rede, vom in Schuss Halten eines Helikopterlandeplatzes, aber auch von Musik oder Tanz. Auffällig häufig handelt es sich dabei um Tätigkeiten, die zunächst einmal sinnlicher erscheinen als das Schreiben selbst oder zur Frage führen: Wie sinnlich kann diese Arbeit sein? Wie sehr nimmt sie das Leben in sich auf? Oder wendet sie sich davon ab? Und wenn sie das tut, so scheint es sich um einen Preis zu handeln, den es zu zahlen gilt. Häufig besteht er in der zeitweisen ohrenbetäubenden Einsamkeit, in die sich die Autorinnen begeben, die aber gerade in der Erzählung darüber ein Stück weit überwunden werden kann - und damit auch auf ein häufiges Motiv der Autorinnen verweist: Den Trost, den es bedeuten kann, das Innen mit dem Außen zu verbinden. Eines wird klar: Diese Arbeit kann einem alles abverlangen, nicht zwangsläufig verbunden mit einer Erfüllung, aber eben immer mit der Notwendigkeit zu schreiben. Häufig geht es dabei um Freiheit, zusammenhängend mit Fragen nach der eigenen Identität. Zadie Smith denkt über die Freiheit nach, die sie empfindet, wenn sie die Ich-Perspektive in einem Text verwendet. Schließlich beschäftigen sich einige der Essays vor allem damit, was es heißt, als Frau zu schreiben. Elena Ferrante sagt im Interview: „Es gibt keine Befreiung ohne ein starkes Ich-Gefühl. Wir brauchen eine eigene Ethik, die wir derjenigen entgegenstellen können, die uns die männliche Welt auferlegt und abverlangt hat. Wir brauchen eine eigene Hierarchie von Verdienst und Schuld, die der Wahrheit Rechnung trägt.“
Schreibtisch mit Aussicht zu lesen hat etwas davon, der Suche danach zuzuschauen, einem Gespräch zuzuhören, an dem man selbst teilnimmt. Obwohl die Autorinnen sich nur selten aufeinander beziehen, manche Essays zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben wurden und in der Intensität der Auseinandersetzung mit gleichen Themen variieren, ist es, als würden sich die Selbstbefragungen ausdehnen hin zu einem großen gemeinsamen Nachdenken, in dessen Vielstimmigkeit die Unterschiede, aber noch mehr die Gemeinsamkeiten betont werden.
Virginia Woolf wird als Referenz nur spärlich genannt, aber ich stelle mir vor: Der Schreibtisch mit Aussicht steht in einem Zimmer für sich allein. Zum Zimmer ist die Aussicht hinzu gekommen. Auch wenn die hier versammelten Autorinnen durch ihren Erfolg unter privilegierten Bedingungen arbeiten: Das Buch hinterlässt eine Ahnung davon, welche Kämpfe dafür nötig waren und wo sie mancherorts noch ausstehen, um zu einer Aussicht zu gelangen. 

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