Leselampe

2021 | KW 31

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Buchempfehlung der Woche

von Karla Kutzner

Karla Kutzner ist Mitgründerin von InterKontinental. Als solche betreibt sie seit drei Jahren eine Literaturagentur, eine Buchhandlung und veranstaltet seit 2018 das African Book Festival in Berlin. Seit über zehn Jahren arbeitet sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Stefanie Hirsbrunner zusammen an der Bekanntmachung, Vermittlung und Förderung von afrikanischer Literatur und Autor*innen in Deutschland. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft war sie einige Jahre in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit und für eine außenpolitische Stiftung tätig. Bereits während des Studiums arbeitete sie lange in der Kulturszene Berlins im Klassik- und Jazzbereich und vereint nun mit InterKontinental Kultur, Literatur und Politik.

Yaa Gyasi
Ein erhabenes Königreich
(Roman); Aus dem amerikanischen Englisch von Anette Grube, DuMont Buchverlag, Köln 2021.

The truth is we don’t know what we don’t know. We don’t even know the questions we need to ask in order to find out, but when we learn one tiny little thing, a dim light comes on in a dark hallway, and suddenly a new question appears. We spend decades, centuries, millennia, trying to answer that one question so that another dim light will come on. That’s science, but that’s also everything else, isn’t it? Try. Experiment. Ask a ton of questions.

Nach dem phänomenalen Debüt Heimkehren (DuMont, 2017) ist nun im August 2021 endlich ein neuer Roman von Yaa Gyasi erschienen, emotional und mitreißend und wärmstens empfohlen: Ein erhabenes Königreich (DuMont, 2021).

Die junge Stanford-Doktorandin, Gifty, gerät nach einem familiären Schicksalsschlag immer mehr ins Wanken; hin- und hergerissen zwischen Glaube, Trauer und Alltagsrealitäten sieht sie sich mit dem Zerfall ihrer einstigen vierköpfigen Familie konfrontiert.

Gyasi widmet sich mit diesem neuen Roman wieder großen Themen unserer Zeit:  Wissenschaft, psychische Gesundheit, Sucht, Rassismus, Trauer und Religion verwebt sie geschickt in die Handlung, die aus Giftys Perspektive erzählt wird. Einfache Worte entfalten bei Gyasi sehr schnell Tiefe, die uns Leser*innen direkt eintauchen lassen, auch weil die Geschichte keinesfalls linear erzählt wird. Der Roman wechselt zwischen Giftys Vergangenheit und ihrer Gegenwart, verharrt mal länger hier, mal länger dort und vermittelt alsbald das Gefühl, dass ich als Lesende selbst in diesem Zwischenraum der Erinnerungen verharren muss. Die erwähnten gesellschaftspolitischen Themen bekommen einen intimen Charakter und bringen uns Gifty Stück für Stück näher; wir erahnen ihre Traumata, ihren Schmerz und erfahren zunehmend mehr über die Beziehungen zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, die verantwortlich scheinen für Giftys Leid.

In ihrer Arbeit untersucht Gifty das belohnungssuchende Verhalten bei Mäusen und die neuronalen Schaltkreise von Depression und Sucht. Die Entscheidung für dieses neurowissenschaftliche Experiment kommt nicht von ungefähr: Ihr geliebter älterer Bruder Nana erlag einer Opiatabhängigkeit, nachdem ihm wegen einer Sportverletzung Oxycodon verschrieben worden war. Gifty selbst stürzt sich daraufhin tiefer in die Wissenschaften, versucht hier Antworten zu finden, die ihr evangelikaler Glaube ihr nicht mehr zu geben vermag, schöpft ihren Ehrgeiz und ihre Hingabe aus ihrem eigenen Schmerz. Doch die Erinnerungen an die Kindheit, die im tragischen Tod ihres Bruders endete, holen sie spätestens ein, als ihre schwer depressive Mutter bei ihr einzieht, nachdem diese einen Rückfall hatte und das Bett nicht mehr verlässt.

Einst aus Ghana nach Alabama ausgewandert, verdiente Giftys Mutter ihr Geld in einem schlecht bezahlten Pflegejob. Ihr gelang es dennoch genug zu sparen, um ihren Mann nachzuholen. Dieser hingegen floh wenig später zurück nach Ghana, überfordert und zermürbt von der rassistisch geprägten US-Gesellschaft und dem eigenen Heimweh. Ihrer Mutter einziger Halt ist eine Pfingstgemeinde, in der sie das einzige Schwarze Mitglied ist. Doch was für die Mutter Quelle des Trostes ist, ist für Gifty immer weniger greifbar, je mehr sie sich den Wissenschaften zuwendet. Doch auch diese vermag es nicht, ihr Antworten zu geben.

Mühsam versucht sie sich vom Evangelikalismus ihrer Mutter zu trennen, ihren eigenen Weg zu finden und mit der Vergangenheit abzuschließen, doch wie schon ihre Eltern, erlebt auch Gifty täglich die rassistischen und ausgrenzenden Strukturen der US-Gesellschaft.  Die weißen akademischen Räume verlangen stetig nur Perfektion von ihr, damit auch sie als Schwarze Frau sich hier zugehörig fühlen kann. So bleibt sie im inneren Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion; zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Yaa Gyasi gelingt es mit ihrem (nach nur zwei Romanen) bereits unverwechselbaren Stil intensiv und zugleich lyrisch schön zu schreiben. Giftys Erzählung ist fokussiert und trotzdem hat der Roman etwas Dialogisches, lässt die Lesenden die Fragen und Suche nach Bedeutung nachempfinden. Insbesondere junge Frauen werden sich in vielen der universellen Fragen wiederfinden können. Die im Roman thematisierte Auseinandersetzung mit Trauer berührt zutiefst.

Gyasi gelingt es unaufdringlich auch noch Gesellschaftskritik in ihren Roman mit einzubringen. Manches vertieft sie, einiges bleibt einfach so stehen und das verstärkt für mich noch einmal diese Kritik. Denn Gyasi ist in erster Linie Schriftstellerin – dennoch ist es großartig, wie sie Männlichkeit, Geschlecht, Race und vor allem die Rolle der (Schwarzen) Frau im MINT-Bereich thematisiert und sie in der Handlung und dem zentralen inneren Konflikt von Gifty verarbeitet. (Allein die Tatsache, dass der Roman aus der Sicht einer Wissenschaftlerin erzählt wird, hat Seltenheitscharakter.)

Wie schon in Heimkehren bewiesen, baut Gyasi subtil eine emotionale Kraft zwischen den Zeilen auf, die auch ihren neuen Roman lange nachwirken lässt.

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