Leselampe

2021 | KW 50

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Buchempfehlung der Woche

von Julia Franck

Die Schriftstellerin Julia Franck lebt in Berlin, wo sie auch geboren (1970, DDR) wurde.
Seit 1997 erschienen zahlreiche Bücher, darunter Liebediener (1999) und Bauchlandung (2000). Für Die Mittagsfrau erhielt sie 2007 den Deutschen Buchpreis. Der Roman wurde in 40 Sprachen übersetzt. In diesem Jahr ist mit Welten auseinander ihr achtes Buch erschienen.

Jorge Luis Borges
Das Aleph
(Erzählungen 1944-1952); Aus dem Spanischen von Karl August und Horst Gisbert Haefs, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1992.

Unverschämt gehöre ich zu jenen Parallellesern und fange fast täglich mit einem neuen Buch an, lese zugleich über Tage und manchmal Wochen in unzähligen Büchern auf der Reise quer durch mein Zimmer. Oben auf liegt gerade Beauvoirs Die Unzertrennlichen, darunter Gurnahs After Lives, Grünbergs Besetzte Gebiete auf Salzmanns Außer sich und Ruth Benedicts Chrysantheme und Schwert neben Mishimas Bekenntnisse einer Maske. Noch möchte ich kein Urteil fällen.

Nach und vor den eher französischen kamen südamerikanische und ungarische Lesejahre, immer wieder angelsächsische, japanische und auch deutsche Literaturen. Da sind jene Bücher, die im Laufe des Lebens zwei, drei Male gelesen und verliehen, verschenkt werden, zurückkommen, und an die man sich beim wiederholten Lesen noch etwas erinnert, wie an eine sehr alte, gute Freundin, die man zwanzig Jahre nicht gesehen hat – und heute doch ganz anders liest, schon da man selbst sich verändert hat.

Der eher beiläufig erwähnten Empfehlung eines familiären Freundes folgend, erwarb ich El Aleph zum ersten Mal in den 90er Jahren, als ich noch flüssiger Spanisch lesen konnte. Zwar erschienen mir die Geschichten merkwürdig, das kokette Posieren dieses Borges höchst komisch, aber ich war schon damals sicher, dass ich es eines Tages noch einmal auf Deutsch lesen sollte. In den folgenden Jahren las ich mehr Cortázar als Borges.
Der familiäre Freund ist Physiker gewesen, er hat Jahrzehnte in der Forschung und als Chemiker gearbeitet und bis ins höhere Alter Doktorarbeiten aus aller Welt betreut, daneben wie selbstverständlich nicht nur gedichtet und musiziert, sondern in den siebziger Jahren phantastische Bilder aus Acrylfarben gemalt, indem er nichts Geringeres versuchte, als jene Wahrnehmung der Welt mit den Mitteln der Malerei darzustellen, wie er sie einst, vielleicht unter LSD, gewinnen konnte. Ein schwieriges Unterfangen, da es sich hier wohl vordergründig nur um das Sichtbare (nicht das Verborgene, das Hörbare, Riechbare, Spürbare, nicht um Temperatur und Bewegung) und darin enthalten um den Zweifel an Deutung, Perspektive und intellektueller Erkenntnis handelt. Das Alephist alles Dasein, Zentrum und Beginn der heiligen Sprache, Laut, nicht nur eine Metapher, es gibt Menschen, die haben etwas gesehen, das den Maler hier, den Dichter dort zum Medium macht. Was wäre die Gestalt des Unendlichen?

Auch das Aleph im Keller des von Borges lächerlich vorgeführten dichtenden Konkurrenten, Carlos Argentino, den er als Wahnsinnigen bezeichnet, soll ein Ding sein, Mikrokosmos der Alchimisten, etwas, das sich besitzen und verlieren lasse, das man sehen und an einem bestimmten Ort lokalisieren könne. Borges macht keinen Hehl aus seiner Eitelkeit, aus dem grotesken Gebaren und der in verächtliche Ignoranz gehüllten brennenden Faszination gegenüber jenem Möchtegern-Schriftsteller und dessen Schrein, dem schöpferischen Ursprung, dem Aleph im Keller.

Wer nun neugierig wird, steige mit Borges in den Keller von Carlos Argentino und verharre in unbequemer Haltung, wenn die Falltür geschlossen wird und sich inmitten der Finsternis jenes Ding zeigt. Wie sich Borges auf dem Rücken liegend in die Enge und Dunkelheit zwängt, und dann doch mit Staunen eine formidable Vision gewinnt, das Aleph schaut, um es im Epilog als falsches Aleph zu bezeichnen, und Gründe dafür zu nennen, warum er an die Existenz eines anderen Aleph glaubt, gibt neue Rätsel auf. Plötzlich spielt er die Zeit gegen den Raum aus, das Vergessen gegen das Erzählen. Borges scheut sich nicht, seine Figuren, zu denen er selbst gehört, allen Zweifeln preiszugeben. In Komplizenschaft mit dem Leser entfaltet er das Komische, um aus heiterem Ernst über das zu schreiben, was seine Erkenntnis ausmacht: Die lichte Vorstellung, wie alles zusammenhängt. Das Chaos fällt ursprünglich und letztendlich in eins mit dem All und dem Nichts, das Universum im Ich im Du.  

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