Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Verlag Das Wunderhorn (Heidelberg)

Die Erneuerung der Literaturen kommt aus den Peripherien und nicht aus den Metropolen. Und die Poesie liegt auf der Straße. Daraus wurde seit 1978 ein Verlagsprogramm, dessen Schwerpunkte deutschsprachige und internationale Poesie/Literatur, Sachbuch, Kunst, Bauhaus (Ré Soupault) sind, außerdem Kooperationen mit Museen (u.a. Museum Ritter, Prinzhorn Museum) und internationale Koproduktionen. Die ›Weltkarte der Poesie‹ wird mit ›VERSschmuggel‹, ›Poesie der Nachbarn‹, ›Zwiesprachen‹ und der Reihe ›P‹ erstellt. Im interkulturellen Dialog setzt der Verlag seit Jahren mit Patrick Chamoiseau, Édouard Glissant, Dany Laferrière, Abdelwahab Meddeb und seit 2010 mit der Reihe AfrikAWunderhorn besondere Akzente. Deutscher Verlagspreis 2019 und 2020.

Marie-Luise Hiesinger (Hg.)
Wir sind es wert. Eine Anthologie mit 127 Kurzgeschichten
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, 2020.

Diese außergewöhnliche Anthologie junger deutscher Literatur ist 25 Jahre Zeitgeschichte. 127 Kurzgeschichten handeln von persönlichen Schwierigkeiten, von Verlust, Scheitern, der sexuellen Orientierung oder unglücklichen Beziehungen, aber auch von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Problemen. Sie liefert ein Psychogramm von Jugendlichen über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren. Die Themen der eingereichten Texte kreisen meist um individuelle Probleme: um das Traurige, Melancholische, den Verlust von Geborgenheit, unglückliche Familien, Beziehungen, den Geschlechterkampf, das innere Feuer, die äußere Coolness, sexuelle Orientierung, Kommunikationsstörungen, Suchtverhalten, Scheitern, Krankheiten. Aber es geht auch um gesellschaftspolitische Inhalte, etwa die Angst vor Abhängigkeiten in der digitalen Welt, vor antidemokratischen Entwicklungen, Gewaltausbrüchen und zunehmender Entsolidarisierung. Andere Bezüge zur Welt entdeckt man in Texten, die aus der Innensicht andere Kulturen beschreiben. Eine Fundgrube für Leser*innen, die sich für die Befindlichkeiten von Jugendlichen in diesem langen Zeitraum interessieren, nicht allein für literarische Betrachtungen. Dass die preisgekrönten Kurzgeschichten an einem so nüchternen Ort wie einer kaufmännischen Schule entstanden, zeigt, dass auch hier Kultur das andere durchdringen kann. Die Anthologie mag junge Menschen zum Schreiben ermutigen und Lehrer*innen dazu inspirieren, im Unterricht mit diesen Texten zu arbeiten. Als Impuls für kreatives Schreiben, für literarische Rollenspiele. Alles begann 1993 mit einem Experiment an der Julius-Springer-Schule, einer kaufmännischen Schule in Heidelberg. An einem Ort, an dem es keiner vermutete, wollte eine Deutschlehrerin nach literarischen Perlen fischen. Und fand sie. Seitdem – seit mehr als einem Vierteljahrhundert – gibt es nun für Auszubildende und Vollzeitschüler*innen, die diese Schule besuchen, einen Kurzgeschichten-Wettbewerb. Bei dem Wettbewerb wurden 127 von mehr als 800 eingereichten Geschichten prämiert. Allein 79 stammten von Auszubildenden aus der Buch- und Verlagsbranche, 23 von Auszubildenden im Groß- und Einzelhandel, in Drogerien, in Büros, im Öffentlichen Dienst, im Steuerfach und in Rechtsanwaltskanzleien. 25 Vollzeitschüler*innen, die die Fachhochschulreife anstreben, gehörten zu den Ausgezeichneten.

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2020

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